Mountainbike Entdeckertour am Brenner/Südtirol

Text Anna Weiß Bild Stefan Schopf
Reise

Ode an den Brenner

Hätte. Wäre. Würde. Könnte. Nach langen Jahren des Konjunktivs nehmen wir endlich die Ausfahrt der A22 hinter dem Brennerpass und erkunden mit dem Mountainbike die Trails im Eisacktal in Südtirol.

„You are not stuck in traffic jam. You are traffic jam.“

Du bist nicht der Erste und wirst sicherlich nicht der Letzte sein. Eher reihst du dich ein in die lange Liste Überquerer dieses Passes. In der Steinzeit gingen schon Menschen darüber, die Römer bauten die Straße aus, die Herren Goethe, Mann und Kafka mussten hinüber. 70.000 Fahrzeuge lärmen im Sommer täglich darüber hinweg. Vor dir auf dem Weg in die letzten Sonnenstrahlen des Jahres drückt sich ein Gummikrokodil die Nase an der Heckscheibe platt. Weißhaarige Senioren schweben im Reisebus zur Weinlese. Im Minutentakt überholen dich BMWs oder VW Californias mit Heckträgern voller Bikes. Bis die erste Baustelle am Viadukt Goßensass sie und dich zum Runterschalten zwingt. Man steckt fest und bemerkt, wie viele Biker es mittlerweile gibt. So viele, oder, wie in den einschlägigen Foren moniert wird, zu viele, als „dass die Trails sie verkraften könnten“. Passend zu meinen Gedanken und zur Situation muss ich an einen Spruch denken, den ich irgendwo mal in einem Bikecafé in Sao Paulo gelesen hatte: „You are not stuck in traffic jam. You are traffic jam.“ Die, die die Straßen verstopfen und die Trails überfüllen, das sind immer die anderen. Dabei wollte ich eigentlich schon lange ein Gesuch aufgeben. Wo sind sie, diese Bikerhorden, über die sich immer beschwert wird? Ich hege den dunklen Verdacht, dass es sich bei den Beschwerern um all jene handelt, für die seit Jahren Latsch der Vinschgau und der Vinschgau Südtirol ist. Anders kann ich mir das nicht erklären, denn egal wo ich hinkomme, die Horden sind schon weg oder waren niemals da. Ich nehme also an, dass wir auch dieses Mal die Toptrails der Region für uns allein haben werden.

Vielversprechend der Blick in die Karte!

Seit Jahren schweift mein Blick jedes Mal, wenn wir im Bus auf dem Weg nach Ligurien oder zum Gardasee über die Dehnfugen des Viadukts Goßensass rumpeln, hinein ins Pflerschtal, wo ganz zuhinterst die Spitzen der Stubaier Alpen hervorstrahlen. Jedes einzelne Mal krame ich dann die Karten, die immer im Bus verstaut sind, hervor. Mein Magen rebelliert beim Lesen im Auto und ich kann doch nicht anders, zu vielversprechend ziehen sich die gestrichelten Linien entlang der Hänge von Stubaier und Zillertaler Alpen, die vom Eisack getrennt werden. Jedes einzelne Mal dachte ich mir: „Hier müsste ich mal stehenbleiben auf meinem Weg in den Süden und die Wege, die es hier gibt, ausprobieren.“ Müsste. Hätte. Könnte. Würde. In einer Zeit, in der Reisen nur noch Ankommen ist und Transit verlorene Zeit, fällt es gar nicht so leicht, diesen Gedanken umzusetzen.

"Ein für alle Mal: Südtirol > Vinschgau > Latsch"

Sechs Jahre und unzählige Brenner-Überquerungen hat es gedauert, bis ich schließlich die Reise unterbreche. Nicht weiter gen Süden fahre, nach Ligurien, in die Dolomiten oder zum Gardasee, sondern nach anfänglichem Zögern an der fünften Abfahrt nach dem Brenner schließlich beim Schild „Klausen/Gröden“ den Blinker setze und schwungvoll die Ausfahrt nehme.

Eine perfektere Ausgangslage könnte man sich nicht wünschen

Wir parken direkt unterhalb des Klosters Säben. Eine perfektere Ausgangslage könnte man sich nicht wünschen: drei Minuten von der Autobahnausfahrt, genügend Parkplätze, eine öffentliche Toilette sowie ein Café und ein Kiosk direkt anbei. Alles also, was man für einen raschen Abstecher braucht. Kurz wird die Karte konsultiert und schon treten wir durch die mittelalterlichen Gassen. Klausens Altstadt wurde zu einer der schönsten Italiens gewählt und man wirbt immer noch gerne mit Dürer, der anno dazumal Station im Städtchen machte. Wir umzirkeln die Mitglieder einer Senioren-Reisegruppe, die in den verwinkelten Sträßchen der Klausener Altstadt überteuerte Souvenirs kaufen, und biegen schließlich auf eine schmale asphaltierte Straße ab, die ins Thinnetal führt. Dieses in nordwestlicher Richtung vom mittleren Eisacktal abzweigende, etwa zehn Kilometer lange Seitental wird vom Benediktinerinnen-Kloster Säben überthront. Der ehemalige Bischofssitz ist einer der ältesten Wallfahrtsorte Tirols und daher ein Magnet für Busreisende. Linker Hand ergießt sich der Tinnebach über sein stufiges Bett, was die Fahrt im anfangs engen Tal frisch und im Sommer sicherlich herrlich erfrischend macht.

Der waschlappenbreite Weg fordert ganze Konzentration

Nach einigen Minuten schon ist vergessen, dass man vor kurzer Zeit noch auf einer der meistbefahrenen Autobahnabschnitte Italiens unterwegs war. Beim Gasthof Mühele biegen wir schließlich links ab und überqueren den Tinnebach. Direkt vor uns kauert auf einem Felsen die neuromanische Befestigungsanlage Schloss Garnstein, von der aus einst der Zugang zu den Erzvorkommen rund um Villanders bewacht wurde. Denn das Gebiet um den 1.534 Meter hohen Pfunderer Berg und den 2.509 Meter hohen Villandersberg gilt als eines der ältesten und auch bedeutensten Bergbaugebiete Tirols. Während unseres Aufstiegs erhaschen wir nicht nur beeindruckende Blicke auf die weißen Spitzen der Sarntaler Alpen, sondern kreuzen auch, am Weg No. 3 entlang, direkt das ehemalige Abbaugebiet am Pfunderer Berg. An der steilen und bewaldeten Nordostflanke, „Rotlahn“ genannt, queren wir über gesplitterten, rötlichen Abraum den Hang. Der nur waschlappenbreite Weg fordert bergauf ganze Konzentration, immer wieder ist er garniert mit bemoosten Wurzeln und Steinen. Stufen sind zu überwinden. Teilweise ist er auch zu steil zum Fahren und Schieben ist erforderlich. Wer Muße zur Entdeckung hat, kann sich im Pfunderer Bergwald nach Herzenslust austoben, immer wieder kreuzen kleine Trampelpfade unseren Weg. In der Karte sind vor allem im Pfunderer Bergwald entlang des Nockbachs viele solcher Wege eingezeichnet. Wir sind auf knapp 1.200 Metern an der Klausenkapelle St. Anna angekommen, wo einst eine Eremitin ihr Gebet verrichtete. Von hier aus könnte man noch etwa 20 Minuten bergauf zum Silberbergwerk Villanders treten und/oder schieben, doch wir ziehen den Downhill vor. Entlang des Erzweges, auf dem einst das Gestein auf hölzernen Schlitten gen Tal transportiert wurde, fliegen wir bergab. Teilweise erkennt man, dass der Weg gepflastert war, teilweise ist er auch von einer dicken Schicht federnder Nadeln begraben. Der Trail lädt zur schnellen Fahrt ein, aber wir müssen an uns halten, ist er doch auch ein beliebter Wanderweg.

Südtiroler Schwarzplenten-Torte

Kurz vor Klausen biegen wir noch auf den Keschtnweg ab, einem entlang des Eisacktaler Mittelgebirges verlaufenden Wanderweg, dem man entweder nordwärts gen Brixen oder südwärts bis nach Bozen folgen kann. Der lokale Hotelier und Bikeguide Toni Überbacher hatte ihn uns empfohlen und selbst das kurze Stück, das wir auf dem leicht fahrbaren Wanderweg zurücklegen, ist ein Traum zwischen Weinreben und Kastanienhainen. Bis zum Törgellen, dem Südtiroler Brauch, nach der Weinlese gesellig zusammenzusitzen und den neuen Wein zusammen mit gerösteten Kastanien, den „Keschtn“, zu verköstigen, dauert es leider noch eine Weile. Deshalb nehmen wir, glücklich und aufgekratzt zurück am Parkplatz, mit Südtiroler Schwarzplenten-Torte Vorlieb. „Schwarzplenten“ (schwarze Polenta) nennt man hier das Buchweizenmus. Das Pseudogetreide, das mit dem Rhabarber verwandt ist, war früher vor allem für Bauern und Erntehelfer ein wichtiger Energielieferant. Heute ist Buchweizen wieder en vogue, mannigfaltige Wundereigenschaften werden ihm zugeschrieben und er ist auch für Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit genießbar. Wir sitzen in einem unromantischen Café direkt am Parkplatz und genießen das Kommen und Gehen, das Alltägliche. Keine idyllische Berghütte, kein In-Café. Wir lieben es.

Was man nicht so alles am Wegesrand findet. Die Klausen Tour ist ein absolutes Highlight und ein idealer Halbtagesabstecher auf dem Weg gen Süden.

Das Eisacktal

Nachmittags fahren wir wieder den sprudelnden Eisack hoch – der indogermanische Wortstamm „is“ oder „es“ weist schon auf fließendes Wasser hin. Isar, Isel, Isère sind weitere Beispiele. Entgegen der Ratschläge eines bekannten Hoteliers treten wir ab Aicha 300 Höhenmeter in angenehmer Steigung die Forststraße hinauf. Ab dem Jägerkreuz müssen wir die Bikes schultern und halten kurz an einer alten Jägerhütte. Von dort weg ändert sich die Stimmung, die Bäume rücken näher zusammen, stehen Spalier, kein Licht dringt auf den Waldboden, die Umgebung wirkt, als hätte jemand Kaffee darüber geschüttet. Fast sind wir erleichtert, als wir nach 600 Höhenmetern den Aussichtspunkt beim Kreuzl erreichen. Auf 1.319 Metern bietet sich ein Wahnsinnsblick auf das Eisacktal und den Verkehrsfluss auf der A22.

Entschleunigung

Direkt unter uns liegt die Festung Franzensfeste. Also, vertikal unter uns. Der lokale Bike-Hotelier Toni Überbacher hatte uns gewarnt, dass der Weg unfahrbar sei. Lange Reisejahre bei verschiedensten Hoteliers haben uns allerdings gelehrt, dass Vertrauen gut ist, Kontrolle aber meistens besser und oft von einem Höhenfluggefühl belohnt. Auch dieses Mal sind wir aufgekratzt wie kleine Kinder. Einer Schlange gleich windet sich der Weg um schmale Baumstämme herum, auf den ersten Metern herrlich griffig. Nur werden wir dann eines Besseren belehrt. Bei den Südtirol Bike Hoteliers verkehrt sich der Grundsatz nämlich: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Nach nicht einmal zwei Minuten Fahrt wird das Gefälle so groß und der Boden so bröckelig, dass an Fahren nicht mehr zu denken ist, weil sonst der Überschlag droht. Schieben ist ebenfalls keine Option, weshalb wir immer abwechselnd probieren zu fahren – es verwerfen – wieder schieben – es verwerfen... so geht das knapp 500 Höhenmeter lang. Unten angekommen fühlen wir uns trotzdem wie Entdecker und belohnen uns spontan mit einer Übernachtung im Bikehotel Jonathan. Im großzügigen Wellnessbereich mit Zirbenduft und Blick auf weiße Bergspitzen nimmt die Entschleunigung ihren Lauf. Allumfassende Zufriedenheit macht sich breit.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. (Zumindest was die Hoteliers der BikeHotels Südtirol betrifft.)

Brixen

Am nächsten Morgen packen wir unsere Koffer und statten der Bikeprominenz einen Besuch ab, auf dem Mountainbike Testival in Brixen. Das gehört zwar zur Konkurrenz, aber wenn man schon mal da ist ... Und wirklich, die Atmosphäre auf dem Marktplatz ist herrlich relaxed, wohl die beste Art und Weise, die Saison ausklingen zu lassen. Gerne würden wir mitshuttlen etc., aber wir brechen wieder gen Heimat auf – aber nicht, ohne eine letzte Tour gefahren zu haben. Wir nehmen die Bundesstraße Richtung Brennerpass und kurz nach dem Ortsausgang von Sterzing plärrt Norman plötzlich von hinten: „Stoooppp! Da war ein Pumptrack!“ Und tatsächlich, linker Hand lassen sich im Rückspiegel Wellen und Kurven ausmachen. Wir drehen um – und landen direkt vor dem Shop von M2 Bike in Sterzing. Drei Männer sind gerade damit beschäftigt, Räder auf einem schwarzen Dodge Ram zu verzurren. Spontan lädt Andreas Prünster, der Inhaber des Shops, uns ein, aufzuspringen. Die anderen beiden shuttled er zum Brennerpass – kurz darüber liegt übrigens die Eisackquelle. Die beiden wollen die Brenner Grenzkammtrails unsicher machen. Da wir heute noch den Rückweg antreten wollen, shuttled er uns Richtung Gigglberg.

Der Brenner Grenzkamm

Nach der rasanten Fahrt springen wir auf den moosigen Waldboden und laden die Räder ab. Obwohl die Sonne scheint, ist es ziemlich kalt, das Moos knistert, wenn man darüber geht. Auf alten Militärtrassen treten wir gleichmäßig hoch, auf jeder Gerade bietet sich erneut ein grandioser Blick auf das Obere Wipptal – wie das Tal des Eisack bis nach Franzensfeste genannt wird –, auf das über einen Kilometer lange Viadukt Gossensaß mit seinen zwölf Pfeilern und auf den Eingang zum Plerschtal mit der Ortschaft Brenner. Eine Herde Ziegen beobachtet uns gleichermaßen argwöhnisch wie neugierig, als wir durch den sulzigen Schnee stapfen, der ab der Innergigler Alm den Weg bedeckt. Wolkenfetzen treiben über die gegenüberliegenden Gipfel und Kare der Zillertaler Alpen. Kurz bevor wir den Einstieg zum 1er Wanderweg kurz unterhalb des Sandjöchls auf 2.165 Metern erreichen, entscheiden wir, umzudrehen. Der verschneite Weg erscheint uns unter diesen Bedingungen und nur mit 5/10s beschuht, zu riskant. Wir fahren also einen großen Teil der schottrigen Militärstraße wieder bergab und biegen erst weit unter der Schneegrenze in den mit zahlreichen Spitzkehren bezeichneten Weg ein. Und trotz aller Vernunft ärgern wir uns, denn wir haben knapp 500 Höhenmeter feinsten Waldboden-Trail durch lichten Baumbestand sausen lassen. Umso intensiver kosten wir die letzten 400 Höhenmeter nach Gossensaß hinunter aus, nehmen noch ein kurzes Mittagessen und verbrauchen dann unsere letzten Reserven auf dem kleinen Bikepark vor dem M2 Bikeshop. Fotograf Stefan unterzieht die beiden Dirtlines und die Freeride-Übungsstrecke einem Test, Norman und ich ziehen wieder und wieder unsere Runden über den Pumptrack. Wenn das kein gelungener Stopp ist, wissen wir es auch nicht!

Noch ein kurzer Bummel durch die Brixener Innenstadt und schon sind wir wieder auf dem Rückweg. Aber Halt einen Stopp am Brenner Grenzkamm müssen wir noch einlegen.

Update: 1/2016: Es ist Ende Januar und das erste Mal im neuen Jahr, dass wir über den Brenner fahren. Sehnsüchtig schweift der Blick nach rechts, sucht den Weg in der Wand. Dort ist er. Ein Grinsen wandert von den Mundwinkeln zu den Augen. Wie heißt es doch so schön: Man sehnt sich nicht nach bestimmten Orten zurück. Sondern nach den Gefühlen, die sie in uns auslösten.

Lage

Das Eisacktal ist eines der Haupttäler Südttirols. Es trennt die Stubaier und Sarntaler Alpen im Westen von den Tuxer und Zillertaler Alpen im Osten. Einer der Hauptverkehrswege in Nord-Süd-Richtung, die Brennerautobahn A22, verläuft entlang des Eisacktals, das am Oberlauf des Eisack noch als Oberes Wipptal bezeichnet wird. Vom Eisacktal zweigen zahlreiche unbekanntere und noch zu entdeckende Täler ab: Pflerschtal, Ridnauntal, Ratschingstal, Jaufental, Pfitscher Tal, Pustertal – oder auch das Villnößer Tal, aus dem das Südtiroler Ausnahmetalent und Aushängeschild Reinhold Messner stammt.

Kartenmaterial

Kompass WK 44, Sterzing/ Vipiteno
Kompass>>

Shop

M2-Bike in Sterzing ist ein gut sortierter Laden und der Inhaber Andreas ein Original. Dem Laden gegenüber liegt der hauseigene kleine Bikepark mit zwei Dirtlines, einer Freeride-Übungsstrecke und einem großen Pumptrack. Hin und wieder veranstalten die Locals hier Rennen und Festivals mit Musik und allem was dazugehört.
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