Zu Besuch bei BH Bikes

Text Christian Ettl Bild Andreas Meyer
Firmenportrait

Es waren ein Mal drei Brüder... Ein Hausbesuch bei BH Bikes im Baskenland

Die Marke BH kennen wir nun schon eine ganze Weile und man kann klar sagen, dass sie sich auf dem deutschen Markt etabliert hat. Die Produkte sind bekannt, aber wer sind die Köpfe hinter den Produkten, wo liegen die Wurzeln des Unternehmens? Sind das leidenschaftliche Biker, echte Velosophen, so wie wir? Klarheit kann nur ein Besuch vor Ort bringen.

Aus der Ausgabe 08.16

 
 

So fern und doch so nah

Eine Stunde zum Münchner Flughafen und zwei im Flieger nach Bilbao. Dann noch eine gute halbe Stunde Shuttle und wir sind da. Das war ja einfach, da sind wir uns einig. Da waren unsere letzten Trips deutlich aufreibender. So unkompliziert wie der Wechsel der geographischen Konstellation gestaltet sich auch der Empfang durch die BH-Mitarbeiter. Alle sind freundlich, offen und gut gelaunt. Wir wenden uns dem Konferenztisch im Showroom zu, um Pläne für den Aufenthalt zu schmieden. Der besagte Showroom befindet sich im Erdgeschoss des Hauptquartiers in Vittoria, und die Bikes, die hier hängen, zwingen uns erstmal, die Gespräche links liegen zu lassen und den Raum mit Augen und Händen zu erforschen. Neben Modellen, die erst 2017 oder später auf den Markt kommen, hängen hier Räder, die ihre Fahrer zu bedeutenden Siegen getragen haben. Eine Federgabel 2017 und eine Bremse 2018 neben dem Straßenrenner, der die Vuelta de Espana gewann und dem Hardtail, der Julie Bresset die olympische Goldmedaille einbrachte. Wie Kinder im Spielzeugladen verhalten wir uns und es fällt uns schwer, uns der vergleichsweise langweiligen Tagesplanung zuzuwenden.

Baskisch, spanisch und international

Hier im Norden Spaniens sind die Geschäftsführung, der Vertrieb, das Produktmanagement und auch Logistik inklusive Lager platziert. Die Lage in Vittoria ist nicht zufällig oder nur aufgrund der Infrastruktur gewählt: Das Baskenland ist die Heimat der Firma. Mit einem Montagebetrieb in Portugal, einer Rahmenfertigung in Asien und einer Niederlassung in den USA ist diese aber global gut aufgestellt. Dabei ist jeder der Standorte strategisch gewählt. Die Rahmenfertigung ist aus Spanien ausgelagert worden, weil man so noch konkurrenzfähiger ist. Die Entwicklung sitzt in Kalifornien, weil dies die traditionelle, altehrwürdige Keimzelle des Sports und auch aktuelle Trendschmiede ist. Lager und Versand stehen in Spanien, weil man dort den größten Markt am besten bedienen kann. Hier setzt BH fast die Hälfte der Bikes ab. Es steht allerdings nicht auf jedem der Bikes „BH“ drauf. Eine zweite Produktlinie nennt sich „Easy Motion“ und ist Mitbegründer des E-Bike-Trends. Eine Achtelmillion Räder bringen sie jährlich auf Straßen und Trails, erklärt uns Vertriebsleiter José. Davon verkaufen die 165 Händler, die man in Deutschland bereits hat, einen großen Anteil an Rädern mit elektrischer Unterstützung. Manche Märkte seien sogar fast vollständig E-Bike-Märkte für das Unternehmen. Neben den eigenen rund 170 Modellen fertigt und entwickelt man auch für andere, z.B. die Fahrräder für den Automobilriesen BMW und die Skimarke Rossignol. BH ist Anteilseigner der Trial-Firma Monty und auch der Mountainbike-Marke Pivot .

High Tech als Standard

Man ist stolz darauf, ca.95 Prozent der Bestellungen liefern zu können. Jeder, der sich im Radhandel auskennt, weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Dazu ist eine ausgeklügelte Logistik nötig. Wenn das ganze Lager voll ist, stehen hier 26.000 Fahrräder. Da kennt natürlich niemand den genauen Standort eines bestimmten Artikels. Alle Produkte, die eingelagert werden, sind für den Versand an die Händler vorbereitet und das System wählt den besten Lagerort, je nach Rotationshäufigkeit. Je häufiger sich eine Ware „dreht“, desto weiter vorne steht sie. Alle 30 Sekunden spuckt das System ein Rad aus. In der Hochsaison kann es schon mal vorkommen, dass sich 2000 Fahrräder pro Tag auf den Weg zum Händler machen. Das gleiche Lager in „geschrumpfter Version“ verwaltet die Kleinteile. Egal, ob Schraube, Lager oder Schaltauge – alles findet wie von Geisterhand den Weg in den Versand oder in den Service, der ebenfalls in dem Komplex angesiedelt ist. Hier werden mögliche Reklamationen oder Reparaturen abgewickelt, die der Händler sich nicht selbst zutraut. Man bearbeitet Aufträge aus der ganzen Welt, mit Schwerpunkt Spanien, da viele Länder auch eigene Serviceabteilungen haben.

Mehr als nur Bikes

Aus dem Kleinteilelager gehen die meisten Sachen aber nicht in den Service, auch Komponenten laufen von dort in den Versand. BH bietet auch im Zubehör- und Hardwaresektor eine Menge Produkte an. Vom Laufradsatz über Sattelstütze und Vorbau bis hin zu Schuhen, Helmen und Rucksäcken gibt es ein sehr umfangreiches Sortiment. Drei Qualitätsstufen und damit auch Preisniveaus gibt es: Light, S-Light und EVO, beginnend mit dem Einstieg. Der Händler wird dabei nicht genötigt, sich Pakete mit bestimmten Anteilen der verschiedenen Teile oder Radkategorien in den Laden zu stellen – ein Verhalten, mit dem einige andere Hersteller ihre Händler und damit indirekt auch Kunden bedrängen. Die gute Kalkulation der Sachen soll als Motivation Wirkung zeigen.
Man möchte mit seinem Sortiment zwei Welten zufrieden stellen: In Deutschland geht es fast ausschließlich um STW-Werte und ein optimiertes Preis-Leistungs-Verhältnis der Anbauteile. „Spanien ist da eher wie die USA“, sagt uns José, „die Käufer wollen ein Bike mit einem guten Rahmen von einer Firma, mit der sie sich identifizieren können. Teile wie Schaltung und Co. werden sowieso irgendwann getauscht.“ Dieser Nachfrage des Marktes folgend wird das neue Einstieg Carbon Hardtail einige Besonderheiten aufweisen. Der Rahmen wird auf Aluminium-Inlays verzichten, selbst das Tretlager wird komplett aus Carbon gefertigt. Für ein Bike, welches es als Komplettrad mit Shimano XT Schaltung und Rock-Shox-Gabel schon ab 1599€ geben wird, ist das ziemlich außergewöhnlich. Die Ausfallenden werden sich tauschen lassen, um verschiedene Achsstandards aufnehmen zu können. „Auch wenn wir ein Unternehmen mit 60.000.000 Jahresumsatz sind, so verstehen wir uns trotzdem als kunden- und händlerorientiert“, betont José.

Zurück zum Boden, auf dem wir stehen

Unsere erste Ausfahrt führt uns gemütlich auf E-Bikes vom Industriegebiet in Richtung Innenstadt. Dabei fahren wir ein gutes Stück auf kleinen Trails durch eine sanft gewellte grüne Landschaft. Auf den höher gelegenen Abschnitten sehen wir zu den weiter entfernten Bergen, auf denen jetzt noch ordentlich Schnee liegt. Diese Beschreibung könnte auch zu einer schönen Tagestour passen, tatsächlich rollen wir aber nur einige Minuten den Grüngürtel entlang, der den Stadtkern umschließt. Dieses Revier wird von den Mitarbeitern auch für den Lunchride genutzt. Die 250.000-Einwohner-Stadt Vittoria hat, nicht nur in besagtem Grüngürtel, eine optimale Infrastruktur für Radler. Davon überzeugen wir uns beim „Sightseeing by Bike“. Beim Abendessen gewähren uns Steffen und José noch tiefere Einblicke in die Kultur und Geschichte der Gegend. Das Baskenland ist eines von 17 spanischen Bundesländern. Auch wenn die rebellische Vergangenheit der Region überwunden scheint, und man sich als Spanier versteht, so sind die Basken noch immer ein stolzes Volk. Selbständigkeit in Bildung, Gesundheitswesen und einigen anderen Bereichen ist den Basken wichtig und heben sich genau wie Sprache und Brauchtum ab. Haupthandelspartner der Region ist übrigens Deutschland. In der Kneipenstraße La Cuchilleria genießen wir Weine der nahen Provinz Rioja und lassen den Abend bei lokalen Spezialitäten aus dem Meer, von der Weide und dem Gemüsebeet ausklingen.

Jetzt aber! Raus, auf die Trails

Unser zweiter Tag führt uns ein paar Kilometer aus der Stadt. Wir haben den Kleinbus mit Bikes beladen und sind mit Marketingmanager Alvaro und Produktmanager Nicola zu ihren Home-Trails gefahren. Die beiden leben und atmen das Thema Radsport. Sie schwärmen auf der kurzen Fahrt von den örtlichen Strecken. Über 100 verschiedene Trails gibt es im nahen Umkreis angeblich, und alle seien spaßig, teilweise anspruchsvoll, teilweise flowig, aber eben immer spaßig. Noch beim Ausladen der Bikes erzählt Alvaro begeistert vom BH Vollcarbon Renner mit Vollcarbon Gabel, der unter der magischen 2000€-Grenze liegt. Für den kann sich auch Nicola begeistern. Er ist MTB-Produktmanager, kennt sich aber auch im Straßensport aus und war auch schon Redakteur bei einem französischen Rennradmagazin. Während seines Studiums hat er im Bikeshop gejobbt und kennt somit viele Seiten der Branche. Seine Geschwindigkeit an steilen Anstiegen, übrigens ist die bei Alvaro dieselbe, macht deutlich, wieviel Zeit er selbst auf dem Rad verbringt – hat er doch auch schon Megavalanche und Tansalp Challenge bestritten. Die Anstiege sind nicht lang, aber knackig. Rauf, runter in schneller Abfolge; nennt man das nicht Intervalltraining? Der Untergrund ist griffig, meist steinig, die Wege schmal und abwechslungsreich, wie die Landschaft. Die scheint sich mit nur 100 Metern Höhendifferenz oft schon zu verändern. Auf alle Fälle lohnt die Gegend einen Besuch, selbst wenn man niemanden besucht, wenn man einfach nur Rad fahren will.

Dieser junge Mann kümmert sich um mögliche Reklamationen.

Auf diesem Rad gewann Julie Bresset die olympische Goldmedaille

Schwerter zu Pflugscharen

Als die drei Brüder BH gründeten, fertigten sie vor allem Rohre – die fanden auch bei Waffen Verwendung. Als nach den großen Kriegen im Europa des letzten Jahrtausends kaum mehr Waffen benötigt wurden, waren die Rohre von hoher Qualität schnell im Fahrradbau beliebt. Dieses Phänomen ist übrigens auch in anderen Ländern bekannt. Das klassische Tretlagergewinde am Fahrrad heißt „BSA“, das steht für „British Small Arms“. Mir persönlich ist es lieber, es werden Fahrräder gebaut – Waffen gibt es genug auf der Welt. Auf alle Fälle hat BH mit diesem Wandel, durch das wiederholte Erschließen neuer oder geänderter Märkte, eine große Anpassungsfähigkeit bewiesen.
Wichtig ist den Verantwortlichen auch, dass sie ein Familienunternehmen sind und solides Wirtschaften und geringes Risiko schätzen, so sagt man uns. Das wirke sich auch positiv für die Angestellten aus; man denke langfristig. Die Stimmung vor Ort und die Gespräche mit den Mitarbeitern stützen diese Aussagen. Wenn ich ein Resümee zu den zwei Tagen ziehen sollte, sähe es folgendermaßen aus: BH ist ein traditionsbewusstes Unternehmen mit vielen netten und kompetenten Mitarbeitern, die was vom Radfahren verstehen. Was aber nicht stimmt: Sie sagen, sie bauen keine Waffen mehr – einige von den Rädern fühlen sich aber schon noch so an.

Zähne zusammenbeißen und drücken.

BH bietet für die Händler auch ein großes Sortiment an eigenen Komponenten und Ersatzteilen

So lässt sich der Abend aushalten.

Historie BH
1909: BH (Beistegui Hermanos – zu deutsch: Gebrüder Beistegui) wird in Eibar gegründet
1935: BH gewinnt die erste Vuelta de Espana
1959: BH zieht in ein neues Firmengebäude in Vittoria
1970: BH fertigt nun auch Heimfitness-Geräte
1986: Alvaro Pino gewinnt die Vuelta de Espana auf BH
(insgesamt erringt BH sieben Siege bei der Vuelta de Espana)
2008: BH bringt mit „Easy Motion“ eine E-Bike Linie auf den Markt
2011: BH gewinnt die XC-Elite-Weltmeisterschaft bei den Damen
2011: Das BH-E-Bike „NEO“ gewinnt den Eurobike Award

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