Chancen und Risiken von E-MTBs

Text Simon Leitner BildAndreas Meyer
E MTB Meinung

Was steckt wirklich dahinter

Vor ungefähr fünf Jahren begann das Thema E-Bike an Popularität zu gewinnen. Zunächst war es nur ein kostspieliger Trend, doch schon nach ein bis zwei Jahren waren Pedelecs, City-E-Bikes etc. ein fester Bestandteil der Radindustrie. Auf diesen Trend reagierte die Fahrradindustrie mit der Weiterentwicklung von Mountainbikes zu E-Mountainikes.

Wer eigentlich ein E-MTB fährt und welche Möglichkeiten es Nutzern und Anbietern eröffnet, zeigen wir euch im Folgenden. Des Weiteren geben wir euch einen Eindruck davon, wie sich das Thema E-Mountainbike und die Fahrradindustrie insgesamt entwickelt und welche Investitionen gewagt werden müssen. E-Mountainbikes haben nicht nur Vorteile – wir wollen auch auf die Kehrseiten von E-MTBs zu sprechen kommen, die von Problemen mit Stakeholdern bis hin zu Risiken durch hohe Geschwindigkeit reichen, z.B. durch Tuning.

Als erstes stellt sich die Frage: Wer nutzt E-Mountainbikes eigentlich? Sind es etablierte Biker, die durch die Tritthilfe neue Möglichkeiten in die Hand gelegt bekommen; sind es gewöhnliche Radfahrer, denen die Straße zu langweilig ist, oder sind es Leute, die nur aus gesundheitliche Gründen Rad fahren und denen das E-Mountainbike hierzu den Zugang erleichtert? Die Mutmaßungen machen deutlich, was für ein großes Nutzerspektrum für E-Mountainbikes in Frage kommt.

Für erfahrene Mountainbiker macht das E-Mountainbike eine neue Art von Touren möglich. So ist man doch im Stande, mehr Strecke pro Zeit zurück zu legen und die Tour dementsprechend auszuweiten. Anschaulicher lässt es sich mit Zeiteinheiten erklären: Wo man mit einem normalen Mountainbike drei Zeiteinheiten bergauf und eine bergab brauchte, sind es mit dem unterstützenden Antrieb nur noch zwei Zeiteinheiten bergauf. Ein E-Bike verschafft einem so buchstäblich mehr Luft, die man zum Beispiel für ein lockeres Gespräch nutzen kann. Zusätzlich kann man sich an Trails wagen, die zuvor wegen extremer Steigung kaum zu bewältigen waren. In Südtirol werden mit steigender Teilnehmerzahl, seit diesem Jahr, geguidete Touren ausschließlich für E-MTBs angeboten.

„Auch Wanderer die sich bisher aus konditionellen Gründen nicht auf das geländetaugliche Fahrrad wagten, leihen sich gerne mal ein E-Mountainbike vor Ort aus und starten ihre eigene Tour“, erklärt Kurt Resch vom Steinegger Hof.
Durch solche Erweiterungen der Zielgruppe birgt das elektrisch unterstützte Mountainbike neue Potentiale für Destinationen, die bereits als klassische MTB-Regionen gelten. Beispielsweise Südtirol, wo sich der berühmte Steinegger Hof befindet. Der verzeichnete schon im Jahr 2015 13 Touren speziell für E-MTBs; 2016 waren es bereits 40.
Auch was den Verleih vor Ort betrifft, gibt es viele Neukunden. Die zwar aus mangelnder Erfahrung nicht auf Touren mitfahren, doch dank eines am Fahrrad angebrachten Navis mit angezeigten Wegen, ihr eigenes E-Abenteuer starten können.
Auch anderswo in den Alpen wird die Entwicklung vorangetrieben. In Graubünden oder der Schweiz wird beispielsweise daran gearbeitet, Trails speziell zu kennzeichnen, die für E-MTBs attraktiv sind. Auch hier geht man davon aus, dass durch die neue Art des Mountainbikes neue touristische Zielgruppen gewonnen werden können.
Dieses besondere Fahrerlebnis wird jedoch nicht nur in Südtirol oder der Schweiz angeboten. Auch in Deutschland gibt es bereits Regionen in denen das „E“ fest ins Mountainbiken integriert ist. Beispiele hierfür sind das Fichtelgebirge oder das Harzer Mittelgebirge. Die Test- und Verleihmöglichkeiten für E-Bikes in Hotels und Hütten, sowie ausgeschildete Wege zu Ladestationen anbieten.

Doch muss hier natürlich noch mehr gewagt und investiert werden. So müssen (mehr) Auflademöglichkeiten geschaffen werden, was mit einer guten Beschilderung von Wegen einhergehen soll. Der Installationspreis einer Ladestation liegt in etwa zwischen 1.400€ (Ladestation für ein Fahrrad) und 4800€ (für eine Einrichtung bis zu vier Bikes). Das ist nicht wenig; dafür kann mit der Anlage neuer Trails und der Beschilderung neuer Strecken ein Zuwachs des Radtourismus erwartet werden. Doch auch die Verkaufszahlen von E-Mountainbikes selbst sprechen dafür, dass sich solche Investitionen lohnen: Allein im Jahr 2016 waren laut ZIV 10-15% aller verkauften Mountainbikes E-MTBs. Somit profitieren die Mountainbike Tourismus-Regionen jetzt schon vom E-Bike mit steigender Tenden.
Erst recht gilt dies natürlich für die Radindustrie. Diese treibt seit Jahren die Entwicklung des E- Sektors voran und kann heute schon Hardtails und Fullys anbieten. Man möchte auf alle Bedürfnisse und möglichen Nutzer eingehen können: Auf den rüstigen Rentner, der wieder in den Genuss des Gipfelstürmens kommen will, ebenso wie auf den Szene-Biker, der mit einem E-Enduro jetzt auch Bergauf-Passagen meistern kann, die vorher als nicht machbar galten. Auch ist es mit dem E-Bike möglich, zusätzliches Gepäck mitzunehmen, das zuvor wegen dem erhöhtem Gewicht eher als Belastung galt. Die meisten Hersteller von Mountainbikes haben deshalb ein breites Spektrum an E-MTB-Modellen im Sortiment, um auf einen größeren Kundenkreis eingehen zu können. Anzufügen ist, dass mit Kosten von 2.000€ aufwärts gerechnet werden muss und die meisten E-MTBs in einem preislichen Bereich zwischen 3.000-6.000€ angesiedelt sind.

Kommen wir jetzt zu den Risiken und Problemen, die mit der Entwicklung von elektrischen Drahteseln einhergehen. Zunächst mal stehen E-Bikes durch diverse Vorurteile in einem schlechten Licht. So seien sich die Nutzer nur zu bequem, um sich anzustrengen, oder haben keinen Bezug zur Natur.
Die Bikes sind viel zu schwer und die Akkuleistung viel zu kurz.

Es stellt sich also zunächst einmal die Frage: Brauche ich einen solchen zusätzlichen Antrieb überhaupt? Die Entscheidung liegt bei dem Endverbraucher persönlich.
Des Weiteren gibt es viele Probleme mit Stakeholdern, mit denen man sich arrangieren muss. Vielerorts gibt es Streitigkeiten mit Grundstücksbesitzern, durch deren Eigentum Wege verlaufen. Solche Konflikte lassen sich aber meist lösen, indem man miteinander spricht, oder Umleitungen in Kauf nimmt.
Das Thema Mountainbike-Strecken ist ohnehin heikel. Den meisten Mountainbikern ist es zu langweilig, auf normalen Forststraßen zu fahren. Vielmehr begeistert doch das holprige, anspruchsvollere Fahren über Felsen, Geröll und Wurzelpassagen. Weshalb vor allem Wanderwege für Mountainbiker interessant sind. Die multiple Nutzung birgt aber großes Konfliktpotential, je nachdem, wie Biker und Wanderer sich zueinander verhalten. Ein Ausbau des Wegenetzes wäre natürlich die optimale Lösung. Auch der Deutsche Jagdverband würde das begrüßen, denn somit könnte man dem Querfeldeinfahren vorbeugen und das Wild schonen. Die gemeinsame harmonische Nutzung von Pfaden können Fußgänger und Radfahrer aber nur durch wechselseitige Rücksichtnahme, Respekt und verantwortungsvolles Verhalten erreichen. In Zukunft werden mehr E-MTB im Wald unterwegs sein, da der unterstützende Antrieb es mehr Menschen ermöglicht, dort Rad zu fahren. Mehr Trails anzulegen, gestaltet sich allerdings an Orten, an denen bereits viele Wege vorhanden sind, als schwierig. In Regionen, wo der Mountainbike-Tourismus noch in den Startlöchern steht, bestehen dagegen größere Erfolgsaussichten. In Nordrhein Westfalen beispielsweise wird gerade erst ein Angebot für Mountainbiker entwickelt; speziell für E-MTBs ist allerdings noch nichts geplant. Doch auf den Trend zum E-Bike wird man wohl früher oder später reagieren müssen.

Ein häufiger Vorwurf an Mountainbiker lautet, dass sie die Wege zu stark belasteten.
Laut einer Studie der International Mountainbike Association wird der Untergrund von einem Fahrradreifen allerdings kaum mehr beansprucht als von einem Wanderschuh und zwischen Mountainbike und E-Mountainbike besteht hinsichtlich der Erosion kein Unterschied, so dass man Bedenken in dieser Hinsicht mit guten Argumenten entgegentreten kann.
Als letzten problematischen Aspekt von E-MTBs kann man die Geschwindigkeit anführen. Der „Need for Speed“, der manche Biker antreibt, kann hier schnell zum Verhängnis werden. Mit dem E-MTB ist es möglich, schneller, höher und weiter zu fahren als mit herkömmlichen Bikes. Und da das für Manchen offenbar noch nicht genug ist, gibt es, wie für Motorräder und Autos, auch für E-Bikes Tuning Kits. Diese sind ohne Probleme im Internet oder in Tuningshops erwerbbar, da man sich hier in einer „legalen Grauzone“ bewegt. Für das getunte E-Mountainbike erlöschen dann allerdings der Versicherungsschutz und die Garantieansprüche für den Antrieb. „Die Radindustrie spricht sich hier deutlich gegen Tuning aus und bietet auch nichts dergleichen an“, so Thorsten Lewandoski von Merida. Man kann hier nur an die Vernunft jedes Einzelnen appellieren, sein E-MTB mit einem Limit von 25km/h zu fahren und nicht auf über 50km/h „aufzumachen“. Aus Eigenverantwortung, und vor allem auch aus Verantwortung anderen gegenüber, sollte jeder vernünftig Denkende vom Tuning die Finger lassen.

Das Mountainbike mit unterstützendem Antrieb ist längst kein neuer Trend mehr, sondern ist ein fester Bestandteil der Szene der sich noch weiterentwickeln wird. Wichtig für den weiteren Fortschritt ist ein Dialog zwischen allen Beteiligten; nur so können auftretende Probleme und Zweifel beseitigt werden.