Interview mit Andrea Wagner von Tour-Konzept

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Interview

Eine Idee der Zukunft des MTB Sports

world of mtb: Hallo Andrea, stell dich doch bitte kurz vor.

Andrea Wagner: Mein Name ist Andrea Wagner, ich wohne in Schonach im Schwarzwald, bin 35 Jahre alt und habe zwei kleine Töchter (5 und 2 Jahre). Natürlich fahre ich leidenschaftlich gerne Rad.

world of mtb: Du bist mit deinen Tätigkeiten relativ breit aufgestellt im MTB-Bereich. Woher kommt diese Begeisterung?

Andrea Wagner: Das Radfahren hat mich schon immer begeistert. Das Rundlaufen der Pedale scheint irgendwie im Einklang mit meiner Seele zu sein. Und das meine ich wirklich ernst, beim Radfahren kann ich am besten entspannen und gleichzeitig die komplexesten Probleme lösen. Am Biken fasziniert mich vor allem die Tatsache, dass ich überall hin komme, keine Einschränkungen habe und gleichzeitig noch eine koordinative Herausforderung dabei ist.

world of mtb: Unter anderem bist du im DIMB Lehrteam Nature Ride - Kids on Bike. Was macht ihr dort genau?

Andrea Wagner: Wir versuchen Rahmenbedingungen zu schaffen, so dass möglichst viele Kinder mit Spaß raus in die Natur kommen. Dafür haben wir Fort- und Ausbildungen konzipiert und schulen so zahlreiche Multiplikatoren, die dann bei sich vor Ort entsprechende Programme anbieten können. Außerdem haben wir ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut, wo man von den Ideen und Erfahrungen anderer profitieren kann und wir auch von Sponsoren aus der Wirtschaft unterstützt werden. So haben die Multiplikatoren zum Beispiel die Möglichkeit Leihbikes für Kinder zu besonderen Konditionen zu beziehen.

world of mtb: Wieso braucht es eine spezielle Ausbildung für Übungsleiter, die mit Kindern arbeiten?

Andrea Wagner: Das Biken mit Kindern unterscheidet sich stark vom Biken mit Erwachsenen. Kinder sind halt keine "kleinen Erwachsenen". Sie lernen anders, sie sind leichter zu begeistern, sie sind offener für alle Arten von Aktivitäten. Gleichzeitig können sie aber zum Beispiel Geschwindigkeiten noch nicht einschätzen und brauchen so besonderen Schutz durch die Trainer und Betreuer.

world of mtb: Welchen Hintergrund haben die Übungsleiter, die zu euch kommen, was wollen sie danach damit machen?

Andrea Wagner: Das ist sehr verschieden. Viele möchten eine Aktivität im Verein anbieten. Andere sind für Reiseveranstalter tätig und erweitern das Angebot auch auf Kinder und Jugendliche. Am meisten sprechen wir aber Lehrer und Sozialpädagogen an, die dann an einer Schule oder einer offenen Jugendhilfeeinrichtung entsprechende Angebote machen. Uns ist das sehr wichtig, denn damit erreicht man alle Kinder, auch diejenigen, die ansonsten kaum in Kontakt mit dem Mountainbiken kämen.

world of mtb: Wie siehst du die Jugendförderung im MTB-Breitensport in Deutschland?

Andrea Wagner: Das ist bisher alles auf Rennsport ausgerichtet. Den Ansatz, den wir verfolgen - offenes Programm ohne Leistungsgedanken, stattdessen mit einer ordentlichen Portion Erlebnis und Spaß - gibt es in der offiziellen Jugendförderung gar nicht. Da muss man eher bei Wandervereinen suchen, wobei dort alles aufs Wandern ausgerichtet ist.

world of mtb: Gibt es Maßnahmen, die den Zugang zum Mountainbiken vereinfachen würden?

Andrea Wagner: Auf jeden Fall. Als Erstes sind da die rechtlichen Hürden zu nennen. Kinder wollen in die Natur eintauchen und somit auch auf schmalen Wegen unterwegs sein. Für uns Betreuer stellt das in Baden-Württemberg schon ein Problem dar. Und das zweite ist der Zugang zu qualitativ hochwertigen Bikes. Hier gibt es aus unserer Sicht in der Industrie immer noch zu wenige große Bikehersteller, die Kinderbikes auch konsequent an den Bedürfnissen der Kinder ausrichten. Häufig wird ein Erwachsenenbike in kleiner und mit weniger guten Komponenten angeboten. Das geht an den Bedürfnissen der Kinder vorbei. Als drittes wäre es wichtig, das Radfahren mehr an Schulen zu verankern. Zum Beispiel die Fortbildung zum Kids on Bike Coach als Lehrerfortbildung anzuerkennen und über Förderprogramme die Anschaffung von Leihrädern zu unterstützen.

world of mtb: Neben der Tätigkeit bei der DIMB hast du mit deiner Firma Tour Konzept auch in Baiersbronn ein MTB-Konzept umgesetzt, was habt ihr dort genau gemacht?

Andrea Wagner: Wir haben insgesamt 11 Tagestouren umgesetzt, verbunden zu einem Wegenetz. Die Spanne reicht dabei von der sehr einfachen (aber nicht langweiligen) 7-km-Tour für Familien bis zur äußerst anspruchsvollen Trailtour. Eine Besonderheit dabei ist es, dass wir wirklich sehr viele und auch anspruchsvolle Trails genehmigt bekommen haben. Ein Novum für Baden-Württemberg.

world of mtb: Welche Schwierigkeiten gab es vor Ort?

Andrea Wagner: Natürlich die üblichen, alle Anspruchsgruppen mussten eingebunden und überzeugt werden. Da gab es natürlich auch kritische Stimmen. Aber zum Glück gibt es eine sehr aktive Bike-Gruppe vor Ort, die in einem Verein organisiert ist. Das hilft enorm, weil damit für alle Beteiligten eine gewisse Verbindlichkeit dabei ist, vor allem auch für andere Vereine, die mit den Bikern in Zukunft kooperieren werden. Außerdem gibt es in Baiersbronn sehr viel Staats- und Gemeindewald. Das ist wohl auch der Grund, warum dermaßen viele Trails genehmigt werden konnten. Zusätzlich waren die Verantwortlichen vor Ort zuversichtlich, dass sich die Investitionen am Ende für die Gemeinde rechnen werden. Denn die Planung und Umsetzung eines traillastigen Bikeangebots ist in Baden-Württemberg extrem aufwändig und damit extrem teuer.

world of mtb: Wen spricht das Angebot an?

Andrea Wagner: Zielgruppe sind alle Personen, die sich selbst als "Mountainbiker" bezeichnen würden, aber auch solche, die das Biken mal auf einem E-Bike ausprobieren möchten. Es gibt auch Touren komplett ohne Trails, auch diese werden gut angenommen. Ein Schwerpunkt liegt auf Familien, in denen mindestens ein Elternteil sehr gerne Mountainbike fährt. Aus diesem Grund sind auch einige Trailtouren recht kurz. Dann reicht die Zeit noch für einen Schwimmbadbesuch mit der Familie und ein gemütliches gemeinsames Essen.

world of mtb: Wie wird es angenommen?

Andrea Wagner: Bisher haben wir sehr gute Resonanzen. Ich selbst war - einfach aus Spaß an der Freude - über den 3. Oktober letztes Jahr dort unterwegs und fand mich um die Mittagszeit auf einer Terrasse mit 25 Bikern wieder. Die Gastgeber waren leicht überfordert (lacht). Was auch sehr gut angenommen wird, sind die Pauschalen, die ein Hotel extra für Biker geschnürt hat. Ein Vier-Sterne-Hotel wohlgemerkt.

world of mtb: Was glaubst du wird im deutschen MTB-Tourismus in der nächsten Zeit noch passieren?

Andrea Wagner: Ich gehe davon aus, dass sich die Strukturen weiter professionalisieren werden, ähnlich wie beim Wandern. Da sind wir noch sehr weit davon entfernt. Außerdem wird die Dichte der sehr guten Angebote größer, das heißt man muss nicht mehr 6 Stunden fahren, um auf ein attraktives Angebot zu stoßen. Zusätzlich gehe ich davon aus, dass die Angebote sich weiter differenzieren werden: Biker ist nicht gleich Biker. Und da wird es dann wohl auch spezielle Touren für den Uphill-Flow oder Fatbikes geben.

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