Kronplatz/Südtirol – Die schönsten Berge der Welt

Text Hannah Röther Bild Andreas Meyer
Reise

Die schönsten Berge der Welt

Südtirol vor 240 Millionen Jahren: Der Meeresspiegel sank. Lagunen und Riffatolle entstanden, Vulkane brachen aus. Lava ergoß sich über den einstigen Meeresgrund. Dinosaurier besiedelten das neu entstandene Wattenmeer und hinterließen im Schlamm ihre Fußabdrücke. Der Urkonitent Pangäa zerbrach, die europäische Platte schob sich unter die afrikanische. Gewaltige tektonische Kräfte hoben längst verschüttete Gesteinsschichten nach oben – die Dolomiten erblickten das Licht der Welt.

Aus der Ausgabe 04.17

Der Ausblick ist unbeschreiblich. Alpenhauptkamm auf der einen Seite, Dolomiten auf der anderen.

Sonnenaufgang am Gipfel

65 Millionen Jahre nach dieser Geburtsstunde stehen wir auf einem der dabei entstandenen Gipfel, dem Piz da Peres, und können es nicht fassen. Erschöpft, weil wir die letzten Höhenmeter die Bikes schultern mussten, müde, weil wir bereits mitten in der Nacht in St. Vigil aufbrachen, um zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein. Und völlig sprachlos angesichts des Naturspektakels, dass sich uns jetzt präsentiert. Wir haben die Logenplätze als die Sonne hinter dem Fanes-Sennes-Prags Massiv auftaucht. Noch ist sie zu schwach um unsere kalten Glieder zu wärmen, doch die senkrechten, zerfurchten Felstürme um uns herum lässt sie dafür in einem unwirklichen rot strahlen. Wie fasst man so eine Schönheit in Worte?

Im Reich der Fanes

Der anschließende Trail macht es jedenfalls nicht nicht einfacher. Mitten durch das schroffe, gewaltige Gebirge zieht sich wie durch ein Wunder der sanfteste aller Wege richtung Drei-Finger Scharte: schmal, leicht abfallend und in gemächlichen Kurven vor sich hinschlängelnd. Hinter jeder Kurve tut sich ein neues Schauspiel auf, treffen verkarstete Steilwände auf sanfte Wiesenabschnitte, stechen saftig grüne Latschenkiefern aus schneeweißem Kies hervor. Kein Wunder, dass diese Berge die Fantasie der Menschen schon früh angeregt haben: in der Erzählung „Reich der Fanes“, dem Nationalepos der Ladiner, gehen die Menschen Bündnisse mit Murmeltieren und Adlern ein und Zauberer erscheinen in Form von verwesten Maultieren. Schauplatz dieser Sagen ist genau die Erde, in die sich jetzt unsere Stollen graben. Und auch unser Trailmärchen geht weiter. Am Grünwaldjoch haben wir die Wahl: entweder dem Weg weiter gen Süden folgen um irgendwann am legendären Pragser Wildsee herauszukommen, oder einen kurzen Gegenanstieg bewältigen und damit den Trail nehmen, der uns fast direkt vor unserem Hotel wieder ausspucken wird. Wir entscheiden uns für die zweite Variante.

Im Reich der Fanes. Sagenhaft Mountainbiken.

Die Ästhetik des Erhabenen

Was dann folgt, spottet jeder Beschreibung. Wer mir nicht glaubt, muss nur einen Blick in die Kulturgeschichte werfen. Die Dolomiten gelten weltweit als Beispiel für die Ästhetik des Erhabenen, eine philosophische Richtung, die das Phänomen Naturschönheit zu erklären versucht. Die Dolomiten trugen zur Definition des modernen Begriffs von Naturschönheit überhaupt erst bei. Lange bevor Maler und Fotografen die Dolomiten bildlich festhielten, wurden sie in Berichten beschrieben. Forscher, Dichter und Reisende haben Texte hinterlassen, die alle von mächtigen Gefühlen und demütigem Staunen beseelt sind. Großartigkeit, Monumentalität, unruhige Formen, essenzielle Reinheit, Intensität der Farben, Staunen, mystische Askese, Transzendenz – all das findet sich in frühen Zeugnissen jener wieder, die versuchten, ihr Erleben in Worte zu fassen. Reinhold Meßmer schreibt über sie: „Kein Gebirge kann sich an Schönheit mit den Dolomiten messen.“ Für den modernen Architekten Le Corbusier sind die Dolomiten „les plus belles constructions du monde“. Und schon im berühmten Red book von John Murray (der erste englisch- sprachige Reiseführer aus dem Jahr 1837) fehlen dem Autoren die Worte: „Insgesamt verleihen sie der Landschaft eine Originalität und erhabene Grandiosität, die nur derjenige vollständig würdigen kann, der sie gesehen hat“. Wenn ihr in Zukunft also einem Dolomiten-Urlauber begegnen, der mit Superlativen um sich wirft und von den „schönsten Bergen der Welt“ stammelt, macht euch nicht lustig. Fahrt hin und überzeugt euch selbst.

Mit dem Finger auf der Karte erschließt sich ein unglaubliches Tourengebiet.

"Hinter jeder Kurve tut sich ein neues Schauspiel auf. Verkarstete Felswände wechseln sich mit knochigen Alpinwänden ab."

Ehrliche Gastlichkeit

Zurück im Hotel erwartet uns ein spätes Frühstück. Während wir essen, gesellt sich die Wirtin Barbara Erlacher zu uns, die uns am Vorabend mit Proviant für unseren Sonnenaufgangstrip versorgt hatte. Fasziniert betrachtet sie auf dem kleinen Bildschirm von Andis Kamera die Fotos, die wir mitgebracht haben. „Da denkt man immer, man weiß wie schön es bei uns ist – und wird dann doch immer wieder überwältigt“. Und das, obwohl sie es wirklich wissen muss. Sie und ihr Mann Roman Erlacher, mit dem sie gemeinsam das Hotel als Familienbetrieb führt, sind Outdoorsportler durch und durch. Egal ob Skifahren, Rennradeln, Wandern oder Mountainbiken, die beiden kennen jeden Winkel ihrer Heimat und teilen ihre Geheimtips gerne mit ihren Gästen. In der Garage steht ein Fahrradtransport-Anhänger bereit, der je nach Bedarf und Tourenplanung der Urlauber eingesetzt wird. Roman Erlacher ist ehemaliger Ski-Nationaltrainier für Italien, der Geist des Sports ist im schicken Hotel überall zu spüren. Dreckige Mountainbiker in der Hotellobby sind hier so selbstverständlich wie die für alle Gäste offene Schrauber-Werkstatt. Am Abend begrüßt Roman Erlacher seine Gäste im Speisesaal gerne persönlich – durchaus auch mal im Jogginganzug.

Vor Ort helfen die vielen Beschilderungen des südtiroler Alpenvereins bei der Orientierung, und im Zweifelsfall geht es sowieso immer bergab.

Trails am Kronplatz

Das kleine Örtchen Sankt Vigil nicht besticht nicht nur durch seine Lage direkt am Eingang zum Fanes-Sennes-Prags Naturpark, sondern auch durch die Nähe zum Kronplatz. Ein Shuttlebus fährt mehrmals täglich über den Furkelpass und damit direkt in das Herz des Skigebietes mit seinen Liften und Abfahrten in alle Himmelsrichtungen. Mit 2273 Höhe thront der Kronplatz vor dem Naturpark, er ist das Tor zu den Dolomiten. Anders als im Naturpark, den lediglich Wanderwege durchziehen (die aber – wenn nicht ausdrücklich verboten – mit Mountainbikes befahren werden dürfen) geht es auf dem „Plan de Coronnes“ turbulenter zu. Beim Verlassen der Gondel an der Bergstation empfängt uns buntes Treiben. Auf dem weitläufigen Gipfel gibt es nichts, was es nicht gibt: das futuristische Meßmer Mountain Museum, Après-Ski-Almen, Trampolins, eine Tipi-Zeltsiedlung, eine überdimensionierte Glocke, Wanderer, selfie-schießende Touristen, Restaurants – und Wegweiser zu drei Freeride-Strecken. Doch trotz des Rummels ist die Stimmung entspannt, man merkt, dass man hier als Mountainbiker willkommen ist. Liegt es daran, dass wir uns Italien befinden? Den köstlichen Espresso im Gipfelrestaurant Cima haben wir diesen Umstand jedenfalls mit Sicherheit zu verdanken, und so verbringen wir erst einige Zeit am dortigen Tresen, bevor wir uns an das Austesten der Trails machen.

Am Kronplatz hat man die Wahl zwischen Biken in schroffer Felskulisse und sanften Grashügel mit fantastischen Trails im Wald. Eine gute Auswahl und keine Entscheidung ist falsch.

"Dreckige Mountainbiker in der Hotellobby sind hier so selbstverständlich wie die für alle Gäste offene Werkstatt."

Der Herrnsteig

Wir starten mit dem Klassiker: den „Herrensteig“ gibt es bereits seit 2010, er war die erste ausgewiesene Freeride-Abfahrt der Region. Vom Kronplatz überwindet er bis nach Reischach fast 1300 Tiefenmeter. Im oberen Teil geht es über ruppigen Untergrund durch hohe Anlieger. Kurz unterhalb der Waldgrenze zweigt eine frisch gebaute Linie ab: „Nicht bei Nässe fahren“ begrüßt uns ein Warnschild am aufwendig gebauten Tor, das den Einstieg in „Franz“ verkündet. Die ersten Meter erklären, warum. Ab hier ändert sich der Untergrund komplett, es geht durch fluffigen Waldboden über alles, was dieser an Wurzeln zu bieten hat. Der Trail wurde in minimalistischem Stil gebaut, kein extra Schotter, die Schneise nur so breit wie nötig. Die steilen Kehren sind in perfekten Winkeln angelegt, trotz fehlender Anlieger greifen sie am Ausgang genau im richtigen Moment, sodass man sich in sie hineinfallen lassen kann, in dem Wissen, stets aufgefangen zu werden. Hier waren echte Trailbaumeister am Werk. Unsere Begeisterung über „Franz“ wird erst übertroffen, als kurz nach seinem Ende „Hans“ beginnt, der das Vergnügen bis kurz vor die Talstation fortführt.

Es folgt: der Furcia-Trail, weniger Tiefenmeter aber nicht weniger spektakulär. Während die offenen Kurven von Hans und Franz vor allem fortgeschrittener Fahrer verzücken dürften, ist dieser hier auch perfekt für Einsteiger. Selten bin ich in den Genuss von so gut gebauten Anliegern gekommen. Manche der regelrechten Bowls sind so gigantisch, dass ich das Gefühl habe, hier das erste Mal die Bedeutung von Fliehkräften wirklich zu verstehen. Wer die Bremse aufmacht, kann sich hoch an die Außenwände tragen lassen, wer vorsichtiger fährt, genießt einfach eine flowige Abfahrt.
Der letzte im Bunde der gebauten Trails am Kronplatz ist der Gassltraill, der kurz vor unserer Ankunft erst eine Generalüberholung erhielt. Mit seinen fast 9 Kilometern ist er der längste der drei. Aufgeteilt in zwei Abschnitte richtet er sich im oberen Teil an Anfänger – ein echter Flowtrail; ab der Mittelstation wird er schneller anspruchsvoller und taucht wieder in den fantastischen Märchenwald ab.

Die neuen Trails stehen dem Panorama in Nichts nach. Natürlich und mit viel Fingerspitzengefühl wurden diese angelegt.

"Die Dauer eines Menschenlebens wirkt winzig im Angesicht der Erdgeschichte und des Lebens dieser Berge."

Viel zu sehen für ein einziges Leben

Mit der letzten Gondel lassen wir uns zurück auf den Kronplatz bringen, spät am Nachmittag kehrt hier langsam Ruhe ein. Bei Espresso Nr. 8 des Tages philosophieren wir über Streckenbau und Naturschönheit. Unser Fazit: Der Kronplatz bietet eine angenehme Mischung aus abwechslungsreichen Trails, die Bikepark-Feeling aufkommen lässt und Nähe zur ursprünglichen Bergwelt der Dolomiten, mit ihren unzähligen Tourenmöglichkeiten jenseits vom Touristen-Rummel.
An der Bar kommen wir mit drei Locals aus Bruneck ins Gespräch. Sie haben sich Bier und Brotzeit mitgebracht und werden nach Anbruch der Dunkelheit mit ihren Lampen über den Gassltrail nach Hause fahren. Wir begleiten sie zu ihrem Lieblingsplatz, dem Dach des Meßmer Mountain Museums, von dem wir nun gemeinsam den Sonnenuntergang beobachten. In unsere Karte zeichnen sie uns sämtliche Lieblingstrail, genügend Insider-Tipps, für einen ganzen Jahresurlaub. „Ich wohne in Bruneck und kenne noch lange nicht alles“ gibt Martin schließlich zu - „es gibt zu viel zu sehen für ein einziges Leben“.

„Kein Wunder“ denke ich am nächsten Morgen auf dem Piz da Peres, der natürlich auch ein Geheim-Tipp der drei Brunecker war. Über 260 Millionen Jahre sind diese Berge gewachsen, die Dauer eines Menschenlebens wirkt winzig im Angesicht der Erdgeschichte, von der sie erzählen. Es ist definitiv zu viel zu sehen für ein einziges Leben. Und doch lässt sich vom Kronplatz aus wenigstens ein Anfang machen.

Das Messner Mountain Museum am Gipfelplateau des Kronplatz.

Informationen

www.kronplatz.com
www.freeride-kronplatz.com

Beste Reisezeit
Juni - Oktober

Infrastruktur
Tourengebiet/Freeridestrecken/Bergbahnen mit Biketransport/Bikeverleih(+ e-MTBs)/Bikeguides/Bikeshop

GPS-Touren
www.kronplatz.com

Kartenmaterial
Kompass 045/Bruneck Kronplatz,
Tabacco 031/Pragser Dolomiten,
Enneberg, Kronplatz

Bikespezialisten

Hotel Innerhofer***, Gais
www.hotel-innerhofer.com

Sport Hotel exclusive****, St. Vigil Enneberg
www.sporthotel-exclusive.com

Excelsior Dolomites Life Resort****S, St. Vigil Enneberg
www.myexcelsior.com

Hotel Reipertingerhof***S, St. Vigil Enneberg
www.reipertingerhof.com