Gröden/Dolomiten – Im Reich des Adlers

Text WOM Medien Bild Stefan Schopf, mia* knoll
Reise

Im Reich des Adlers

Manchmal bleibt die Zeit einfach stehen. Wir sitzen im Schatten des Langkofels und schauen dem König der Lüfte zu. Weit abgespreizte Federn, fast zeitlupenartige Bewegungen. Als würde er zu uns herunterschauen und sich denken: Balzt euch nur auf, ihr lustigen, bunt gefiederten Bergradlmenschen. „Machen wir eh nicht“, denk ich mir. Wir bleiben bescheiden und genießen ein Mountainbikerleben zwischen Schlern, Langkofel, Geislerspitzen und Sellastock mitten in Südtirol.

Am Anfang war das Holz

Und ausreichend viel davon. Das Grödnertal hat internationale Bekanntheit erlangt für seine Holzschnitzer, für feinste Schreinerarbeiten und beste Zimmerer, die nicht selten auf die Dachstühle anderer italienischer Regionen geholt werden. Wir verlassen die Brennerautobahn in Klausen und fahren vorbei an unzähligen Betrieben, die ihre Schnitzereien anbieten. Ich bin da ganz ehrlich – ursprünglich hatte ich das Gefühl, vor lauter Engeln und heiligen Figuren den wahren Wert dieser Tradition nicht wirklich an mich herankommen lassen zu wollen. Aber es gibt auch die jungen Wilden, die kreativen Köpfe, die aus einem Zirbenstamm unglaublich fragile, dünnwandige Gefäße drehen oder Möbel mit klaren Linien und einer unglaublichen Wärme. Faszinierender Urlaubsprogrammpunkt für den Schlechtwettertag.

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Kino, Kino, Kino

Superlative hat man hier ausreichend. Dolomiti Superski, das größte zusammenhängende Skigebiet mit der weltweit intensivsten und besten Beschneiung, wie immer man dazu stehen möchte. Sella Ronda, die Umrundung des großen Sellastocks. Auf Zeit heißt das dann Sella Ronda Hero und gilt als eines der härtesten Mountainbike-Rennen weit und breit mit stark wachsenden Teilnehmerzahlen. Dolomiti Super Summer nennen sie hier ein Angebot, das Mountainbikern den Zugang zu einer großen Anzahl an Liften und Seilbahnen ermöglicht, die unseren Aktionsradius und die Trailtiefenmeter erhöhen.

"Seit über 40 Jahren bin ich immer wieder von Neuem verzaubert von dem Kontrast zwischen lieblichen Almkulturräumen und markant schroffen Felsformationen, den es so nur in den Dolomiten gibt."

Liebliche Almkulturräumen zu Füßen schroffer Felsformationen

So viele Superlative machen mich normalerweise skeptisch – normal und ursprünglich reicht mir. Echt muss es sein. Da hilft, dass ich eine fast lebenslange Bindung zu dieser Dolomitenregion habe. Ich habe hier skifahren gelernt. Bin, seit ich denken kann, immer wieder hierher gekommen. Kenne wenn nicht jeden Stein, dann doch viele Felsen persönlich. Und lasse mich seit über 40 Jahren immer wieder von Neuem verzaubern von dem Kontrast zwischen lieblichen Almkulturräumen und markant schroffen Felsformationen, die es so nur in den Dolomiten gibt.

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Schlechtwetter­alternative: einen Kurs bei ihnen belegen.

Sella Ronda … muss fast sein

Aufbruch in aller Früh. Die Sella Ronda kann mit Liftunterstützung in beide Richtungen gefahren werden. Wer Körner übrig hat, kann sie nur als die Schlagader für den Panorama-Biketag schlechthin nutzen. Es lohnt sich, an der einen oder anderen Stelle von der Originalroute abzuweichen und ein paar weniger bekannte Trails einzubauen. So oder so: Die Weitläufigkeit und die 3-D-Sichtweisen auf die bereits vertrauten Dolomitenriesen Marmolada, Tofana, Kreuzkofel, Sassongher, Sella, Schlern und Co. nimmt man ohnehin mit nach Hause.

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Das Grödnertal ist seit jeher bekannt für seine Holzschnitzarbeiten – und die jungen Wilden befreien das Handwerk von seinem Kitsch-Image.

So viel Vielfalt

Die schlechte Nachricht: Die Moderne hat uns den alten Raschötzlift genommen. Schon vor Jahren. Allein die fast halbstündige Fahrt mit dem altehrwürdigen Einersessellift, das Bike in der Hand und mit der dauernden (und völlig unbegründeten) Angst, es fallen zu lassen, war ein Highlight. Entschleunigung in ihrer reinsten Form, garniert mit ständig weiter werdenden Ausblicken. Verständlich, dass der Lift dem technischen Fortschritt hatte weichen müssen. Aber schade halt.
Heute schießt uns eine moderne Standseilbahn rohrpostartig hinauf. Einmal Ortskern–Dolomitenhöhenweg in sieben Minuten. Die Sonnenseite des Grödnertals wartet auf mit fast schon mediterranen Pinienwäldern, Nadelbodentrails und der besten Buchweizentorte, die wir uns durch einen Abstecher zur Broglesalm erfahren. Früh dran sein hilft, die Heerscharen der Wanderer sind dann noch nicht so zahlreich. Zurück ins Grödnertal geht es über technisch sehr abwechslungsreiche und meist strohtrockene Trails. Ein Dacapo? Nichts leichter als das. Die Secedabahn nimmt ja auch Biker mit und spätnachmittags, wenn die Wanderer in Richtung Tal aufgebrochen sind, gehören die Trails rund um die Fermedahütte stress- und konfliktfrei den Bikern.

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Seiseralm

Ein ganz anderes Bild auf der anderen Seite des Tals. Die Seiseralm gilt als die größte zusammenhängende Almfläche der Alpen. Zwischen Schlern mit seinem markanten Zahn und dem Duo Platt- und Langkofel liegen Hochalmflächen, weite Wege und jede Menge Kastelruther-Spatzen-Idylle. Dieser entkommt man, wenn man den steilen Anstieg zum Tierser Alpl in Angriff nimmt. Mit einem Schlag ist es hochalpin zwischen Schlern und Rosengarten. Auch hier hat die Moderne Einzug gehalten – als ich das erste Mal hier oben war, sah das
alles noch weniger geradlinig gestylt, sondern viel hölzerner und knöchriger aus. Aber der Urlauber von heute sucht auch auf der Hütte Komfort – und den bekommt er in den Dolomiten.

"Einmal mehr wird mir klar: Ich bin im Innersten nur aus kulinarischen Gründen mit dem Mountainbike unterwegs."

Marmoladablick

Zurück geht es zum Mahlknechtjoch und „auf der Schneid“, einem Höhenweg mit Marmoladablick, der für mich seit jeher nur ein Ziel hat: den Marillenknödel bei Thomas auf der (auch gerade renovierten) Plattkofelhütte. Einmal mehr wird mir klar: Ich bin im Innersten nur aus kulinarischen Gründen mit dem Mountainbike unterwegs. Ich werde nie in meinem Leben diesen Body-Mass-Index auf mein Bike setzen, der die Höhenmeter leicht und genussvoll macht. Und es ist mir wurscht. Der Murmeltier-Trail bringt uns an den Fuß des Langkofels. Gerade in den Nachmittagsstunden ein kitschig schöner Foto­stop nach dem anderen und hinter jeder Ecke. Lass dir Zeit, schau dich um. Setz dich hin. Und als wir dies tun, kreist über uns der Adler.