Hilfe für Afghanistan

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Abasha und das Drop and Ride Projekt

In Afghanistan ist Fahrrad fahren nicht so selbstverständlich wie bei uns – erst recht nicht für Frauen. Das Projekt „Drop and Ride“ in Kabul will dem entgegenwirken und ermöglicht Mädchen und Jungen zu biken und nebenbei Englisch zu lernen. Moritz Kistenfeger, 24, unterstützt sie von Deutschland aus mit seinem Verein Abasha.

Hilfe für Afghanistan

Moritz, du studierst Geografie und hast in unterschiedlichen Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit mitgewirkt. Wodurch wurde dein Interesse für diese Arbeit geweckt?
Ich habe während des Studiums viel praktische Erfahrungen gesammelt. Das fing mit der Arbeit für Tretlager e.V. in München an, dann war ich in Bremen in einem Verein tätig, später in Südafrika für ein Fahrradprojekt – das hat alles so aufeinander aufgebaut. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich das ziemlich cool finde, Vereinsarbeit und Arbeit, die auf Sportförderung abzielt; besonders im Zusammenhang mit anderen Ländern und anderen Kulturen. Und anderen Problemen – sehr vielen anderen Problemen.

Du hast in diesem Jahr den Verein Abasha gegründet – mit welchem Ziel?
Abasha hat zum Ziel, weltweit junge Initiativen aus dem Bereich Bildung und Sport zu unterstützen. Das heißt, wir sind recht breit aufgestellt, aber ursprünglich haben wir Abasha gegründet, um die Kooperation mit Drop and Ride, die schon seit 2016 stattfindet, zu formalisieren. Wir wollen Drop and Ride als erstes Projekt weiterführen, aber sind auch komplett offen für neue Projekte, bei denen wir das ganze Netzwerk, das Wissen und die Strukturen für ähnliche Projekte mit weltweiter Perspektive nutzen können.

Hilfe für Afghanistan Moritz Kistenfeger
"Es gibt in Kabul häufig Bombenanschläge, und als Sportgruppe, die sich für Gleichberechtigung einsetzt, ist es gefährlich."
Moritz Kistenfeger

Erzähl mal: Worum geht es bei dem Projekt Drop and Ride?
Anfangs war da einfach eine Jugendgruppe, die entschieden hat, Fahrradsport in Afghanistan zu machen. Später hat sie einen Verein unter dem Namen „Drop and Ride“ gegründet – das steht für „drop the weapon and ride a bike“. Man merkt schon am Namen: Da geht’s um mehr als nur den Sport. Die Leute vor Ort sind müde von Jahrzehnten des Konfliktes. Die Jugendlichen wollen Grenzen verschieben, sich für Dinge einsetzen, die in Afghanistan einfach nicht gegeben sind, wie Frieden, Partizipation und Gleichberechtigung. Bei Drop and Ride werden alle Angebote für Männer und Frauen gemacht. Schon das ist in Afghanistan etwas ganz Besonderes. Ich finde es sehr schön, weil die Jugendlichen einfach durch ihr Handeln viele Argumente Andersdenkender entkräften. Mittlerweile sind einige der Mädels auf dem Fahrrad so gut, dass sie den Jungs etwas erklären müssen. Die Trainingsgruppen sind zwar getrennt und da werden gewisse Regeln eingehalten, aber man verschiebt ein bisschen die Grenzen.

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Meist trainieren die Jugendlichen auf einem geschlossenen Gelände - mit Erfolg, wie man sieht.

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Frauen, die biken? In Afghanistan alles andere als selbstverständlich.

Wie setzt Drop and Ride Bildung neben dem Biken um?
Seit Ende 2018 ist der Verein als NGO angemeldet, die neben dem Sport auch Bildungsangebote schaffen möchte. Wenn man Sport und Bildung kombiniert, kommen Kinder und Jugendliche mit ganz verschiedenen sozialen Hintergründen in einem Programm zusammen und können sich kennenlernen. So wird ein sozialer Austausch angeregt – das Fahrradfahren verbindet. Die Teilnehmer wollen gerne Englisch lernen, sind sehr motiviert. Es ist oft eine Hürde, wenn man kein Englisch spricht. Und die will Drop and Ride überbrücken. Zahra, die zusammen mit Ashgar Drop and Ride gegründet hat, übernahm dann den ersten Kurs und wir haben Hefte, Englischbücher und alles, was man so braucht, gekauft. Der erste Kurs war sehr erfolgreich. Das Ziel ist nun, diese Kurse zu professionalisieren. Wir suchen daher gerade nach einem Sponsor für einen einjährigen Kurs mit einem ausgebildeten Englischlehrer für 20 Personen.

Wie kamst du erstmals mit Zahra Rona und Ashgar Mehrzada, den Gründern von Drop and Ride, in Kontakt?
Als ich aus Südafrika zurückkam, fehlte mir im Studium das Praktische. Dann ist mir Ende 2016 ein Interview mit Ashgar auf Pinkbike ins Auge gesprungen. Darin erzählte er, was sie vorhaben. Sie hatten auch schon eine Facebook-Seite, und so habe ich ihm einfach mal geschrieben und gefragt, ob man ihn irgendwie unterstützen könne. Ich habe schnell gemerkt: Ashgar und Zahra haben eine tolle Einstellung, sind richtig motiviert und haben auch die Fähigkeiten, das durchzusetzen, was sie sich vorgenommen haben. Beide haben eine gute Bildung und sprechen Englisch. Natürlich gibt es sehr viele kulturelle Unterschiede; das war am Anfang gar nicht so einfach, aber das hat sich inzwischen ein bisschen eingespielt.
Der erste Schritt war, dass ich gesagt habe: Ihr seid in Kabul, da sind so viele internationale Organisationen, da finden wir sicher Unterstützung. Und dann haben wir erst einmal ein Konzept geschrieben, mit dem wir an Leute herantreten können. In Afghanistan gar nicht so selbstverständlich; dort läuft sehr viel mündlich und mit Handschlag, aber wenn du eine Botschaft aus der westlichen Welt angehst, wird als Erstes ein schriftliches Dokument angefordert. Und das war so die Initialzündung für unsere Zusammenarbeit, die dann Fahrt aufgenommen hat.
In der gleichen Zeit schrieb auch Ramon Hunziker von der Flying Metal GmbH Drop and Ride an, und so hat sich ein kleines europäisches Netzwerk gebildet. Wir beschlossen, gemeinsam Equipment zu sammeln. Am Ende kam ein ganzer Schiffscontainer mit Material zusammen.

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Vor seinem Studium und bevor er Drop and Ride unterstützte, arbeitete Moritz ein Jahr lang für ein Fahrradprojekt in Südafrika.

Wo liegen die größten Herausforderungen vor Ort?
Für die Menschen in Afghanistan ist das erste Thema natürlich die Sicherheit. Es gibt in Kabul häufig Bombenanschläge, und als Sportgruppe, die sich für Gleichberechtigung einsetzt, ist es gefährlich. Das ist auch ein Grund, weshalb auf geschlossenem Gelände trainiert wird. Einmal die Woche fahren die Jugendlichen durch die Stadt, aber immer in einer großen Gruppe. Das zweite Thema ist die Planungsunsicherheit. Wer weiß, was in einem Jahr in Afghanistan ist? Was der Vertrag mit dem Vermieter des Geländes eigentlich wert ist, wenn der Rechtsstaat vielleicht nicht gegeben ist? Und da sehen wir uns auch ein bisschen als verlässliche Unterstützung, gerade in finanzieller Hinsicht.

Ihr möchtet Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Welche Rahmenbedingungen sind wichtig, um ein nachhaltiges Fortbestehen der Projekte zu gewährleisten?
Drop and Ride wurde im Gegensatz zu vielen Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit selbstständig von Leuten vor Ort und nicht extern von westlichen Ländern initiiert. Der Schub kommt von den Leuten selbst. Solange sie die Motivation haben weiterzumachen, ist für mich das Ziel, langfristig eine finanzielle Unabhängigkeit von westlichen Geldgebern zu erreichen. Ich denke nicht, dass wir uns komplett zurückziehen, aber eine Sache, die ich sehe, ist, dass das Budget selbst organisiert aus unterschiedlichen Quellen kommen muss. Ein Vorteil von Abasha als Verein ist, dass wir Fördermitglieder suchen. Die zahlen einen kleinen Betrag, 24 Euro im Jahr, aber fortlaufend. Das ermöglicht eine langfristige Planung und bedeutet auch, dass das Projekt nicht in sechs Monaten daran scheitert, dass man keine Ersatzreifen oder so kaufen kann. Wir sehen uns also durchaus als Stütze, aber vielleicht wird längerfristig unsere Stütze unwichtiger. Das wäre etwas Schönes, es kommt aber sehr darauf an, wie sich lokal alles entwickelt.

"Was uns alle verbindet, ist die Leidenschaft zum Radfahren."
Moritz Kistenfeger

Manche Menschen haben wenig Vertrauen, wenn es um Spenden geht, oder bezweifeln ihren Erfolg. Wie entkräftest du ihre Sorgen?
Abasha ist sehr klein und wir sind sehr auf Transparenz bedacht. Wir sind auch Teil der Initiative Transparente Zivilgesellschaft. Und: Bei Abasha wird niemand für das Engagement bezahlt. Wir haben viel Arbeit in die Website gesteckt, um Spenden professionell abwickeln zu können, aber wir machen das alle ehrenamtlich. Dadurch haben wir einen sehr hohen Wirkungsgrad, das Geld geht direkt in das Projekt. Man kann auch auf Facebook verfolgen, wofür das Geld vor Ort eingesetzt wird.
Wie kann man euch unterstützen? Können Interessierte auch selbst aktiv werden und mithelfen?
Der beste Weg ist, wie gesagt, eine Fördermitgliedschaft. Dann gibt es noch die Vollmitgliedschaft, bei der man selbst aktiv werden kann und Einblick in die Planung bekommt. Die dritte Möglichkeit ist eine einmalige Spende. Manche Leute fragen auch, ob sie ihr Fahrrad spenden können. Im Moment geht das leider nicht, weil wir gerade einen großen Container verschickt haben. Da entstehen unglaubliche Kosten und das muss sich einfach lohnen. Und momentan brauchen wir vor allem ein kleines finanzielles Polster für Mieten, Bildungsprogramme, Events oder Ähnliches.

Du kommst ursprünglich vom BMX. Was verbindest du persönlich mit dem Sport, was bedeutet er für dich?
Bei uns ist das Fahrradfahren selbstverständlich – für Männer und für Frauen – quasi jeder kann sich ein Fahrrad leisten. Deshalb finde ich so ein Projekt wie Drop and Ride total beeindruckend. Weil die Menschen dort vor ganz anderen Hürden stehen. Was uns alle verbindet, ist die Leidenschaft zum Radfahren. Und ich kann meine Kapazitäten nutzen, diese Leute, die sich mit einem enormen Rückgrat fürs Radfahren einsetzen, noch weiter zu stärken.

Vielen Dank, Moritz!

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Abasha wurde Anfang 2019 als gemeinnütziger Verein in Deutschland mit dem Ziel gegründet, weltweit junge Initiativen aus dem Bereich Sport und Bildung zu unterstützen. Wer den Verein und damit auch das Drop-and-Ride-Projekt unterstützen möchte, findet ausführliche Informationen unter www.abasha.de.