Bike Circus Saalbach/Hinterglemm – Bikeinfrastruktur vom Feinsten

Text Hannah Röther Bild David Schultheiss
Reise

... bis die Sonne untergeht

„Es ist kein Bikepark, sondern eine Bikeregion.“ – Tibor Simai, Bikeprofi und „Botschafter“ der Region, bringt auf den Punkt, was das Besondere an Saalbach ist. Stellt euch einen Bikepark vor, mit gebauten Strecken und Liften, der jedoch nicht in einem begrenzten Gebiet endet, sondern seine Vorteile auf die ganze Umgebung ausweitet: Viele Gipfel der Grasberge um Saalbach sind mit dem Lift erreichbar. Zu den gebauten Bikepark-Strecken kommen Singletrails, die zwar ausgewiesen und gepflegt werden, dabei aber nichts von ihrem natürlichen Charakter einbüßen. In dieser Region repräsentieren nicht ein Bikeshop und ein Streckenbauer die Bikeszene, sondern gleich zwei Orte sind komplett auf den Sport eingestellt. In der Hauptsaison sind bis zu acht Streckenpfleger in 40-Stunden-Wochen im Einsatz. Eine Alm, das berühmte Spielberghaus, ist Szenetreff und bietet eine mit Northshore-Elementen gespickte Strecke zurück ins Tal. Mit der „Big-5-Bike Challenge“ lassen sich fünf Gipfel zu 5.000 Höhenmetern Abfahrtsgenuss verbinden – dank Liftunterstützung müssen dabei weniger als 500 Höhenmeter selbst erradelt werden. Teil der großen Tour ist auch der Hacklbergtrail, eine Abfahrt von Weltruhm. Er gehört zu den wenigen Trails weltweit, dessen Name auch denen ein Begriff ist, die noch nicht in seinen Genuss kamen. Das klingt alles ganz schön nach Zirkus, und genau diesen Namen hat sich Saalbach Hinterglemm für sein Sommerangebot auch gewählt: „Bike-Circus“ steht für eine MTB-Infrastruktur, die in Europa ihresgleichen sucht. Das Erstaunliche ist, dass wir trotz allem hier noch Abgeschiedenheit und einsame Gipfelerlebnisse fanden, denn das große Besucheraufkommen verteilt sich mühelos auf die weitläufige Region. Wer das Glück hat, einen Tag in Saalbach zu verbringen, sollte ihn restlos ausnutzen. Genau dies war unser Plan, und so wurden aus 14 Stunden Tageslicht 14 Stunden Bike-Tag.

Sonnenaufgang über dem Steinernen Meer.

Alpines Feeling

Um kurz vor sieben Uhr blinzelt die Sonne über der Silhouette des Steinernen Meers hervor, unser Platz auf dem Bernkogel ist ideal, um einen ersten Überblick über die Pinzgauer Grasberge zu bekommen. Norman kennt sich schon aus und beschreibt, welche Trails von welchen Bergflanken nach unten führen, uns wird dabei das Ausmaß dieser großen Bikeregion das erste Mal bewusst, denn hinter der einen Kuppe versteckt sich bereits der Anschluss zum benachbarten Leogang. Es folgt ein erster technischer Downhill, Spitzkehre an Spitzkehre geht es bergab bis zum Spielberghaus. Hier schläft noch alles, nichts lässt auf den Trubel bikeverrückter Menschen schließen, die die Sonnenterrassen bald bevölkern werden. Auch der Höllentrail, flowige Bikeparkabfahrt bis zurück zur Talstation, gehört uns alleine. Unten schnell frühstücken und zurück zum Schattberg-Express – wir wollen ja nichts verpassen!

Es folgt die X-Line, eine der längsten Freeride-Abfahrten Europas. Erst Singletrail bei Traumpanorama, dann riesengroße Anlieger, Stufen, Drops, Bikeparkcharme. Eigentlich genug Abwechslung für einen Tag, aber wir wollen mehr sehen: Also biegen wir von der X-Line auf einen Höhenweg ab, der uns schmal und zum Schluss steil dem nächsten Highlight näherbringt: dem Bergstadltrail. Auf dem Höhenweg wird es einsam und zum Teil so verblockt, dass wir die Bikes kurz schultern. Alles klar, alpines Feeling gibt es heute also auch noch. Ähnlich der Bergstadltrail: ein technischer Singletrail wie aus dem Bilderbuch, inklusive der wohl schönsten Wurzelpassagen Österreichs. Die Konzentration steigt, die Oberschenkel fangen langsam an zu brennen. Aber das Beste steht uns noch bevor, und deswegen gibt es eine Pause erst in der Gondel zurück zum Schattberg. Keine Zeit zu verlieren! Es folgt ein letzter Uphill, wir müssen zum Westgipfel queren, um zum Einstieg des Hacklbergstrails zu gelangen. Oben dann endlich Rast und Zeit zum Durchatmen. Gut, dass wir Proviant dabeihaben. Brot und Käse werden hier oben zum Festmahl, satt und glücklich könnten wir in der nun schon tief stehenden Nachmittagssonne fast einschlafen. Das Happy End beschert uns der Hacklbergtrail: Flow, bis die Sonne untergeht.

Die erste Abfahrt des Tages wechselt zwischen flüssig fahrbar und technisch anspruchsvoll.

Ein verdammt guter Biketag
Als ich auf den letzten Kurven des Hacklbergtrails Mühe habe, den Lenker noch festzuhalten, freue ich mich fast über die einsetzende Dämmerung. Saalbach hat es geschafft, mich mit einem Bruchteil seines Trailangebots restlos zu zershredden. Erst jetzt spüre ich die Erschöpfung, die sich eigentlich schon viel früher angekündigt hat. Wenn Pausen, Ausruhen und andere lebenserhaltende Maßnahmen zur Nebensache werden, weiß man, dass man es mit einem verdammt guten Biketag zu tun hat. Solche Tage werden zu wahren Erinnerungs-Schätzen, die man immer wieder herauskramt, wenn der Hometrail mal wieder langweilig wird und einen das Fernweh packt. Saalbach Hinterglemm lädt mit seinen schier endlosen Trails dazu ein, sich davon einen ganzen Vorrat anzulegen.

Die X-Line beeindruck vor allem erst einmal durch den Ausblick ins Tal.

Tibor Simai // Bike-Profi

World of MTB: Welchen Typ Fahrer würdest du nach Saalbach/Hinterglemm mitnehmen?

Tibor Simai: Alle, die einfach Spaß am Bergabfahren haben und sich auch mal einen Toptrail erradeln wollen (Hacklberg und Hacklberg II). Für Vollgaser gibt es die X-Line mit ein paar Drops bzw. einem fetten Roadgap und auch für Tourenfahrer oder gar Bergziegen hat es hier ein breites Angebot an Strecken. Einfach einen Guide buchen und die Bike-Region mit dem Radel erkunden.

World of MTB: Was gefällt dir an Saalbach/Hinterglemm besonders?

Tibor Simai: Es ist kein Bikepark, sondern eine Bikeregion. Ich kann kilometerweise Trails fahren und bin nie auf der gleichen Strecke.

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