Lenzerheide
Heimat des Enduro Wimbledons
und dem Weltcup

Text Anna Weiß Bild Manuel Sulzer
Reise

Schweiz - Graubünden - Lenzerheide
Der Ort der großen Namen

Schon als wir mit dem Auto langsam durch den Ort rollen, beschleicht uns das bekannte Festival-Gefühl. Doch statt XC-Piloten steuern hier unzählige geharnischte Downhiller, Freerider und Enduristen vergnügt in Richtung Rothornbahn. Wir haben uns die besten Tage des Jahres für unseren Besuch herausgepickt, das Wochenende der Trek Bike Attack. In Scharen stehen holländische Wohnwagen neben österreichischen Pickups und deutschen Mittelklasselimousinen. Auf dem Parkplatz der Rothornbahn herrscht unglaublich buntes Jahrmarktstreiben, die Stände der Aussteller werden fast verdeckt von der Menge der farbenfrohen Fahrer. Ein überaus fröhliches Völkchen, das sich grundsätzlich mit „Du“ anspricht und bei dem jeder jeden zu kennen scheint.

 

Wie verloren geglaubte Söhne werden jugendliche Nachwuchsfahrer von grauhaarigen Mittfünfzigern an die Brust gedrückt, die verblüffenderweise doch ziemlich hohe Anzahl von Starterinnen hat sich zu einer gemütlichen Stehkaffee-Runde zusammengefunden und einige Pros lassen sich ebenfalls durch die Menge treiben. Auch wir werden vom Sog erfasst und entdecken im Strudel einige lang verschollene Bikefreunde. Keine Spur von Konkurrenz, ein freundlicher Umgang miteinander und geballte Fachkompetenz. „Welche Reifengröße, welche Felge, welcher Reifen, tubeless oder mit Schlauch, welcher Druck?“ lauten hier die wichtigen Fragen der Menschheit.

So schauen die Teilnehmer der Trek Bike Attack also aus. Alpencrossguide, langjähriger Biker und dann noch Profi Rene Wildhaber.

FINALE IDEALLINIENFINDUNG

Die Türen der Kabine gleiten auf, eine bunte Schar Biker ergießt sich auf das Plateau der Bergstation. Vom Winde verweht stehen wir da, am Westgipfel des Rothorns, uns umgebend die fast brachiale Bündner Bergwelt. Wolkenfetzen verzerren sich im Wind zu grotesken Formen und umtosen die Felsen. Wäre dies ein Film, er wäre von Trommelwirbeln untermalt. Allzu lange verharren wir nicht im beeindruckten Freeze-Modus, es wird einfach zu kalt und wir konsultieren unsere Karte, um eine Route abseits des Freerider-Mainstreams auszuloten. Natürlich und einstimmig fällt unsere Wahl auf einen gestrichelten Wanderweg rechts von der Bergstation, 900 Höhenmeter vielversprechender Bikertraum. Im oberen Teil ist er durch enge Spitzkehren mit dickem Felsbrockenbelag schon schwierig zu fahren, im unteren wird das Ganze durch hohe Absätze und Absturzgefahr dann noch ein bisschen interessanter. Das schnell herannahende Gewitter sorgt noch für ein paar Adrenalineinheiten mehr und der peitschende Regen überzieht die Felsen und Wurzeln der Heidesträucher mit einer schlüpfrigen Schicht, die zumindest meine Hormonproduktion vollends ans Limit bringt. Patschnass und gefühlte zehn Mal gestürzt verfluche ich immer wieder meine Reifen. Hätte ich doch nur dem Expertenrat gelauscht! Einigermaßen heil komme ich an der Mittelstation Scharmoin an und will gerade höchst überzeugend zum Plädoyer für die Talfahrt ansetzen, da bringen mich die Blicke der Jungs und der Ausdruck „Pussy“ in ihren Augen auch schon zum Schweigen. Ich straffe die Schultern und füge mich meinem Schicksal. Einen Vorteil hat der Regen, rede ich mir ein, wenigstens haben wir die Strecke jetzt für uns allein, kein anderer Biker ist in Sicht. „Pussies“, denke ich kopfschüttelnd und werfe mich in die offizielle Strecke der Trek Bike Attack.

GETTIN’ DIRTY
Nur mal so nebenbei: einer der Gründe, warum ich Mountainbiken liebe, ist die Tatsache, dass man sich offiziell dreckig machen darf, ja soll. Je dreckiger, desto besser. Es soll ja sogar Leute geben, die vor dem Café-Besuch ihr Bike mit Dreck aus der Dose einsauen. Soweit müssen wir heute zum Glück nicht gehen, ein schneller Durchlauf auf der Strecke der Bike Attack reicht vollkommen. Tatsache ist, dass die Strecke bei Regen wahrscheinlich noch mehr Spaß macht, wir drücken die Bikes in die matschigen Anlieger und sogar ich nehme zumindest die kleinen Sprünge bevor wir die schnelle letzte Passage hinunter fliegen. Ein paar Runden drehen wir noch im Pumptrack des Skills Centers an der Rothorn Talstation. Den Airbag und den Slopestyle-Kurs lassen wir für heute links liegen und steuern die Schlange vor den Bikewaschplätzen an. Und siehe da, es gibt tatsächlich noch Kavaliere: während ich wieder mal ins Gespräch vertieft bin, hat ein wohlwollender Biker mein Gerät schon mit Hochdruck auf Hochglanz gebracht.
Verdreckt und demütig stehen wir anschließend in der Lobby unseres Hotels Collina. Die Hausherrin nimmt unseren Aufzug freundlich-professionell hin und zückt unsere Zimmerkarten. Beim Tritt auf den Balkon erhasche ich den Blick auf ein weiteres Bike-Highlight: den Piz Scalottas. Ab dem 2.321m hohen Gipfel erleben Flow Freaks Höhenflüge, auch, weil die Bergbahnen am Scalottas keine Bikes über 160 mm transportieren und die Strecken deshalb nicht ausgefahren sind.

"Die Trek Bike Attack ist so etwas wie das Wimbledon unter den Hobby-Enduristen. DH-Worldcup und MTB-Weltmeisterschaften adeln Lenzerheide nun zur Region der großen Namen."

Zum Start geht es noch gemütlich in der Gondel. Oben befindet man sich dann mitten in der Ruhe vor dem Sturm.

Der Wert der Emotionen

Als ich mich am nächsten Morgen nach der langen Nacht der Riders Party um zehn Uhr endlich entschließen kann, mit dröhnendem Kopf die Rothornbahn zum Gipfel zu nehmen, stehen da manche der Teilnehmer schon mehr als vier Stunden. Wer sich nämlich in der Quali einen der vordersten Plätze erkämpfen konnte, musste sein Bike schon pünktlich um sechs Uhr morgens in den ersten Startblock legen. Die Routiniers fahren danach nochmal runter und legen sich ins Bett, für alle anderen heißt es bis zum Startschuss um 13 Uhr warten. Ein riesiger Materialteppich breitet sich in der Morgensonne auf dem Wirtschaftsweg von der Bergstation bis zum Starttor aus, fein säuberlich sortiert nach farbigen Startblöcken. Auf 4,5 Millionen Schweizer Franken schätzt der rührige Moderator die vielen Hundert Bikes. „Und erst der Wert der Emotionen!“ Über den ganzen Hang verteilt liegen, stehen, plauschen und meditieren die Teilnehmer und die Spannung nimmt in der letzten halben Stunde vor dem Start deutlich zu und ist schließlich mit Händen zu greifen. Auf das ersehnte Signal des Moderators hin laufen schließlich alle zu ihren Bikes und positionieren sich. Nahezu 800 Teilnehmer stehen völlig regungs- und geräuschlos in der imposanten Bergkulisse, der Anblick hat etwas Surreales. Der Startschuss fällt. Wie in Zeitlupe setzen sich René und Gusti Wildhaber in Bewegung und der erste Startblock ebenso. Langsam folgt auch der Rest der riesigen Horde Freerider, bevor der Letzte das Starttor passieren darf, sind René und Gusti schon bei der Galerie angekommen. Nach den staubigen ersten Kurven, in denen die Sicht teilweise arg beschränkt sein muss, öffnet sich das Gelände und bietet Raum für teils wilde Überholmanöver. Von der Bergstation betrachtet sieht es aus, als würde unzählige Ameisen über die roten Felsen krabbeln. In der ersten Singletrailpassage hat sich das Feld schon auseinandergezogen und nach dem gebauten Bikeparktrail sortiert.

Das Rennen aus Zuschauerperspektive.

Die Trek Bike Attack ist sowas wie das Wimbledon unter den Enduristen, ein Klassiker im Rennkalender, der bereits Monate vor dem Event ausgebucht ist. Die Strecke ist eine Vielseitigkeitsprüfung: Im oberen Teil wird Downhill-Talent verlangt, ab der Talstation muss man Marathon-Fähigkeiten mitbringen, in zahlreichen Auf und Abs geht es kräftezehrend hinunter nach Churwalden. 300 Höhenmeter Anstieg hören sich nach lächerlich wenig an, mit Integralhelm, Protektoren und 18kg-Boliden können sie zum Härtetest werden. Die langen Tretpassagen, Wald- und Wiesentrails werden dann unter dem zum Dampfkessel mutierten Integralhelm zur Tortur und einzig und allein das Überholen anderer Fahrer hält die Motivation hoch. Im Ziel macht sich bald Aufregung breit, alle drängeln sich um die Ergebnislisten. Bei isotonischen Getränken und Snacks feiern wir noch eine Weile mit den Teilnehmern an der Talstation Churwalden und es fällt nicht schwer, folgenden Entschluss zu fällen: Nächstes Jahr, Lenzerheide: Ich bin dabei!

So sieht die Strecke also ohne Rennen und Biker aus, einladend hier.

Wissen

Der Bikepark wurde komplett überarbeitet und bietet 5 verschiedene Strecken an, vom Flowtrail bis zum tiefschwarzen Downhill.

Auch Singletrailfans kommen in Lenzerheide und den angrenzenden Tälern nicht zu kurz, weil – wie überall in Graubünden – gilt: Freie Wegewahl für Mountainbiker!
Da gibt es noch viel zu entdecken!

Highlights

Ganz normal in Lenzerheide: Besondere Bike-Erlebnisse wie Sonnenauf- und -untergangsfahrten vom Rothorn, die Auffahrt erfolgt bequem per Bergbahn. Nach dem Nightride gibt’s BBQ an der Talstation.

Im September 2016 verwandelt sich der Parkplatz der Rothorn-Bahn wieder in das Gelände des testRIDE. Brandneue Bikes und Teile auf Herz und Nieren testen, mit Gleichgesinnten fachsimpeln – gleich in den Kalender eintragen!

Reisezeit

Mai – der erste Schnee fällt

GPS-Touren

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Kartenmaterial

Singletrail Map 102 Lenzerheide-Arosa
Bike-Explorer Karte Lenzerheide

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