Beratung beim E Bike Kauf ist entscheidend

Text Holger Schaarschmidt Bild Andreas Meyer
E MTB Know How

Die richtige Beratung beim E-Bike Kauf ist entscheidend

Hardtail? Fully? Und weitere Kaufentscheidungen?

Tagtäglich berät Valentin E-Mountainbiker auf der Suche nach dem optimalen Bike. Sein Geschäft liegt in Deggendorf, am Tor zum Bayerischen Wald, wo die Ansprüche und Anforderungen ebenso vielfältig sind wie das kaum mehr zu überschauende Angebot an E-Bikes.

Valentin

Genau deshalb ist es wichtig, zuerst zu bestimmen, welchem Mountainbike-Typ der Kunde entspricht. Geplanter Einsatzbereich? Hardtail oder Fully?

Aus der E-MTB Spezial N°2.18

Im Interview mit Valentin Biller
Fachhändler für Mountainbikes aus Deggendorf

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Holger Schaarschmidt: Welche Argumente sprechen für welches Bike?

Valentin Biller : Klassischerweise, also wie beim „normalen“ MTB, ist das Systemgewicht eines Hardtails von Haus aus geringer. Es ist effizienter und spritziger als das Fully, da die komplette Antriebskraft direkt auf die Reifen wirkt. Wer vermehrt Sand- und asphaltierte Nebenstraßen fahren oder auch im normalen Straßenverkehr teilnehmen will, ist mit einem Hardtail bestens bedient. Flowige Singletrails, Waldwege, auch mal etwas gröbere Passagen steckt das Bike mit ungefedertem Hinterbau trotzdem locker weg. Es ist durch die „einfachere“ Konstruktion günstiger als ein Fully.

Holger Schaarschmidt: Das heißt, die meisten E-Biker wären mit einem Hardtail bestens versorgt. Trotzdem sehen wir wesentlich mehr Fullys in freier Wildbahn?

Valentin Biller : Die meistverkauften E-Bikes sind Touren- und AllMountain-Bikes. Die Vorteile liegen auf der Hand: eine Geometrie, die eine aufrechtere Haltung und komfortable Sitzposition unterstützt. Mehr Federweg und ein flacher Lenkwinkel vermitteln mehr Fahrsicherheit. Die Traktion ist bergauf und bergab deutlich besser und das Fahrgefühl „satter“, weil man in jeder Situation Bodenkontakt hält. Selbst auf dem Donauradweg schätzen E-Biker den Komfort, obwohl das Fully deutlich Antriebsenergie absorbiert und weniger effizient läuft. Auch das Gewicht ist systembedingt höher.

Holger Schaarschmidt: Welche Akku-Leistung empfiehlst du?

Valentin Biller : Klassische, sportive E-MTBs werden zu 99 Prozent mit 500 Wh-Akkus angeboten. Mittlerweile kommen schon Modelle mit 650 und 700 Wh, jedoch sollte man darauf achten, dass die Effizienz vom Motor zum Akku passt. Da kommt es aufs Fahrverhalten, die Konstruktion des Bikes und die Optimierung der Steuerung zwischen Akku und Motor an. Je stärker der Motor, desto mehr Energie braucht er.

Holger Schaarschmidt: Wo liegen die Vorteile eines externen Akkus, wenn ein integrierter vermeintlich ausgereifter ist?

Valentin Biller : Externe Akkus wird es nur noch an Einstiegsbikes geben, obwohl diese auch Vorteile mit sich bringen. So sind sie leichter zu handhaben; Design und Rahmenproduktion sind günstiger. Durch die spezielle Auslegung des Rahmens auf die integrierten Akkus werden die Bikes teurer. Doch sie sind besser gegen äußere Einflüsse geschützt, das Design wird ansprechender, der Schwerpunkt des Bikes rutscht tiefer und liegt damit zentraler, wodurch sich die Fahreigenschaften verbessern. Ein Problem, das die Kunden und mich lang gestört hat, wurde behoben: Es können wieder Flaschenhalter im Rahmen integriert werden. Nachteil: Durch die spezielle Rahmenkonstruktion erhöht sich das Gewicht.

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Holger : Wie ist das Handling mit einem Ersatz-Akku für lange Strecken? Bei integrierten Akkus ist das sicher schwierig?

Valentin : Um ehrlich zu sein, sehe ich da kein tatsächliches Problem. Nur etwa fünf bis zehn Prozent unserer Kunden legen sich einen Zweitakku zu. Weit üblicher ist es, dass der Partner ein E-Bike mit baugleichem Akku kauft. Falls einer allein auf lange Tour fährt, kann er den Akku vom zweiten Radl einfach mitnehmen. Eine Herstellerlösung ist das Dual Battery System von Bosch, mit dem sich die Kapazität verdoppelt. Eine nachträgliche Installation am Bike ist jedoch nicht möglich, sondern muss bereits ab Werk vorgesehen sein. So kann zum Beispiel ein 500-Wh-Akku integriert sein und der zweite am Rahmen aufgesetzt werden.

Holger : E-Bikes bringen mächtig Dampf auf die Piste und ihr hohes Systemgewicht schiebt gewaltig. Wie schaut es da mit speziellen E-Bike-Komponenten aus?

Valentin : Leistungsstarke Scheibenbremsen sind obligatorisch! Wie du richtig sagst, ist das Systemgewicht bei hohen Geschwindigkeiten – besonders bergab schiebt das Bike viel mehr – schlicht und einfach ein Sicherheitsrisiko.

Holger : Und der Antrieb?

Valentin : Meine Empfehlung ist ein Einfach-Antrieb mit möglichst großer Übersetzungsspreizung. Die 12-fach Eagle Gruppe von SRAM, mit der derzeit größten Bandbreite, ist für den Einsatz am E-Bike noch nicht freigegeben. Die 1x11 von Shimano mit 11-46-Kassette oder 11-42 an Hardtails haben sich durchgesetzt. Nachteil einer zu geringen Spreizung, wie z.B. bei der speziellen SRAM EX1 E-Bike Schaltung: Durch die großen Gangsprünge ist die Trittfrequenz nicht optimal. Weil man relativ harte Gänge fährt, hat man keinen runden Tritt; dadurch benötigt der Motor mehr Energie. Je größer die Übersetzungsbandbreite, desto höher die Effizienz des Antriebs/Motors.

Holger : Was sind dann die Vorzüge der SRAM EX1 E-Bike Schaltgruppe?

Valentin : Die 1x8-Antriebsgruppe von SRAM hat durch die breitere Kette, stabilere Ritzel und ein robusteres Kettenblatt weniger Verschleiß. Größter Vorteil des Systems: der spezielle Schalthebel – jeder Gang ist nur einfach schaltbar. Ein „normaler“ Shifter kann mehrere Gänge überspringen. Damit bekommt der Motor soviel Zug, dass die Last auf die Kette plötzlich enorm steigt und sich der Verschleiß erhöht. Auch kommt durch den plötzlichen Wechsel mehrerer Gänge und den damit verbundenen Schräglauf eine schlagartige Scherbelastung auf die Kette, was zu Kettenrissen führen kann. Der Einfach-Schalthebel verhindert das.

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Holger : Welche Laufräder und Reifengrößen empfiehlst du?

Valentin : 27,5 Zoll hat sich bei Fullys durchgesetzt; daneben 27,5 Plus. Die Vorteile sind ein agiles und wendiges Fahrverhalten bei möglichst hoher Stabilität. 29 Zoll-Laufräder sind bei Hardtails üblich. Sie sind fahrstabil, laufruhig und geben Fahrsicherheit bergab, durch das etwas bessere Überrollverhalten; Unebenheiten werden besser ausgeglichen. Touren- und AllMountain-Fullys benötigen hingegen mehr Traktion in Matsch und auf grobem Untergrund, besonders bergauf. Die Vorteile der Plus-Bereifung – 2,8 Zoll hat sich als Standard etabliert – sind bessere Traktion, fehlerverzeihendes Handling und ein komfortableres Fahrverhalten, da mit weniger Luftdruck gefahren werden kann.

Holger : Auch im Bereich der Steuerung hat der Kunde die Qual der Wahl. Wie sind da die Trends?

Valentin : Manche Hersteller verkaufen serienmäßig E-Bikes ohne Displays. Ladezustand und Unterstützungsmodus erkennt man am Akku selbst. Nur ein sogenannter Modus-Schalter am Lenker gibt ein akustisches Signal. Weiter gibt es puristisch kleine Displays nur mit Anzeige der Geschwindigkeit, des Akku-Ladestands und der Unterstützungsmodi. Diese kommen hauptsächlich im Einstiegsbereich oder bei sehr sportiven Bikes vor. Sie sind weniger anfällig bei Stürzen und tragen zu einer cleanen Optik bei. Bei vielen Antrieben ist eine Kopplung mit ANT+-fähigen Geräten wie klassischen Fahrradtachos, die ja sowieso Geschwindigkeitsgeschichten anzeigen, oder Navigationsgeräten möglich. Vorteil des Navis: Der Akku hält deutlich länger als beim Handy. Eine sehr populäre Möglichkeit ist die Steuerung mit dem Smartphone. Die Hersteller-Apps bieten Navigation, das Auslesen von sämtlichen Fahrdaten bis hin zu Optimierungen und Anpassungen des Antriebs auf die Nutzerbedürfnisse. Mit der App kann ich zum Beispiel die Unterstützungsstufen anpassen und den Motorstrom drosseln, um die Akkulaufzeit zu erhöhen und mehr Reichweite zu generieren. Auch das Motoransprechverhaltens kann optimiert werden.

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Holger : Wozu die Abstimmung des Ansprechverhaltens?

Valentin: Wenn ich zum Beispiel einen steilen Berg mit losem Untergrund hinauffahre, stoppe und wieder anfahren möchte, sollte das Anfahrverhalten eher moderat eingestellt werden, damit das Hinterrad Traktion behält und nicht durchgeht.

Holger : Funktioniert das mit jedem Antriebssystem?

Valentin: Nicht alle E-Bike Systeme bieten die Möglichkeit, per App die Parameter zu verändern.

Valentin – vielen Dank für die umfangreichen Informationen und deine kompetente Beratung!