Zu Besuch bei Specialized

Text Michael Klampfl Bild Andreas Meyer
Firmenportrait

#iamspecialized

Das Silicon Valley in Kalifornien ist als Heimat der Innovation bekannt. Hier befinden sich die Zentralen einiger Tec-Riesen wie Google, Apple oder Facebook. Naheliegend, dass sich Specialized mit seinem Firmensitz in dieser inspirierenden Gegend niederließ.

Aus der Ausgabe 07.17

Schließlich wurde hier bereits vor dem Web 2.0 höchst innovativ und an wesentlich „handfesteren“ Dingen gearbeitet. Specialized geht bis heute einen einzigartigen Weg zwischen modernem Vollsortimenter und epochalem Kultproduzenten.

Von San Francisco aus starten wir unsere Fahrt über den vierspurigen Freeway in Richtung Süden. Die Sonne geht gerade auf und lässt das Umland in kräftigem Grün erstrahlen. Etwas aufgeregt, aber durchaus euphorisch, begleitet uns in diesem Morgenlicht, auf dieser Autofahrt zu Specialized eine inspirierende Kraft – womöglich der Geist des Silicon Valley.

"Wenn man 1985 mit einem pinken Rad beim Rennen antrat, war es ratsam, besser schnell im Ziel zu sein."

Endlich angekommen präsentiert sich uns der „Campus“ mit riesigen, verspiegelten Fenstern und in den bekannt-markanten Rottönen. Vor dem Eingang wehen zwei Fahnen im Wind. Einmal, ganz patriotisch, die „Stars and Stripes“, auf dem zweiten Mast dagegen die „Bear Flag“. Dahinter, über dem Eingang, fast dezent: das Logo mit dem „S“.
Wir treten ein und sind just im Moment mit unserer vollen Aufmerksamkeit an Ort und Stelle. Es beginnt eine Reise durch die Geschichte. Erzählt wird uns von den Anfängen, von Innovationen, von Kuriositäten und Rückschlägen wie Erfolgen. Präsent war immer eines: die simple Philosophie einer Marke, die erfolgreich zwischen Kult und Moderne wandert wie wenige andere: „Innovate or die“.

Gründer Mike Sinyard verkaufte seinen VW Bus für ein Flugticket nach Europa.

Rädern James führt uns durch die Geschichte zu ihrem Anfang. Im Vordergrund Mikes Bike und Anhänger, mit welchem er die Komponenten in der Bay Area auslieferte.

Bye, Bye VW Van

Im Eingangsbereich empfängt uns James Nixon, langjähriger Marketing-Mitarbeiter und mit der Firmengeschichte bestens vertraut. Gut gelaunt tritt uns James gegenüber. In seiner linken Hand hält er einen Pot „American Coffe“, dessen Größe einem Maßkrug nahekommt. Welcome to „Big, Bigger, USA“. Gespannt lassen wir uns durch das Museum führen. Wir erblicken Bikes und Komponenten, die aus einer Zeit stammen, in der sich das Mountainbiken gerade erst selbst erfand.

Wir schreiben das Jahr 1974. Die Freiheit zu leben und sich selbst zu erfinden war damals in den USA die Maxime allen Handelns. Auch Mike Sinyard war davon getrieben. Nachdem er das College in San Jose beendete, wollte er unbedingt nach Europa. Er war Radsport-verliebt, aber mittelos. Es blieb nur eine Alternative: Der VW Bus wurde für ein Flugticket versetzt und eine faszinierende Reise, die rückblickend mehr wie ein schicksalhafter Lebensweg erscheint, begann.

"Das Beste an der Geschichte ist, dass der Ursprung wirklich darin lag, dass Mike es einfach liebte zu biken."

Nur wenige können sich erinnern, aber das Level von Bikes und Equipment war in unseren Breiten zur damaligen Zeit um ein Vielfaches höher. Mike wusste das und wollte genau deshalb noch Europa. Er entdeckte die „alte Welt“ natürlich zweirädrig. So landete er schließlich in Italien in einer Jugendherberge. Es begann, wie sollte es anders sein, mit einer Frau. Mike und die heute unbekannte Dame kamen ins Gespräch; Fahrräder waren bald Thema und so erzählte sie beiläufig von ihrem Bekannten Mr. Cino Cinelli, „Don des italienischen Radsports“. Mikes Unternehmergeist witterte DIE Gelegenheit und so überzeugte er seine neue Bekanntschaft, ein Treffen zu arrangieren.
Tatsächlich kam es dazu, Mike gab sich ganz als Geschäftsmann, erklärte wie unterversorgt der US-Markt mit qualitativen Teilen sei und wusste zu überzeugen. Er durfte fortan Cinellis Komponenten in die Staaten importieren. Seine Reise war beendet. Die verbliebenen 1.500 Dollar wurden in die erste Lieferung investiert.

Hochwertige Teile waren in den 70ern eine Rarität in den Staaten.

Vom Profil ab

„Er war davon überzeugt, fortan den Unterschied zu machen“, so James über den Firmengründer. „Mike hat drei Säulen aufgestellt, die bis heute gelten: Leidenschaft fürs Fahren, Unternehmergeist und starke Partnerschaften zu Händlern“, so James weiter. „Das Beste an der Geschichte ist, dass der Ursprung der Firma darin lag, dass Mike es einfach liebte zu biken“.
Zurück in der Bay Area startete Mike den Vertrieb der neu erworbenen Komponenten aus seiner Garage. Wenig später begann er, die Teile mit seinem Fahrrad samt Anhänger auszuliefern, um diese den besten Händlern zugänglich zu machen. Es bildeten sich Partnerschaften noch bis heute bestehen.
Mit zunehmendem Auftragsvolumen machte Mike die Erfahrung, dass sein Bike, mit dem er immer noch alles auslieferte, schnell verschliss. „Ihr könnt euch vorstellen, für die Auslieferungen musste Mike sehr viele Kilometer am Tag fahren. Irgendwann fingen seine Reifen an, auseinanderzufallen. Er dachte sich also, wie kann ich das verbessern, wie kann ich das besser machen?!“

Nachdem es mit der Produktion eigener Reifen losging, kamen als nächstes Wasserflaschen dazu. Die Herstellung erfolgt hier, am Campus in Morgan Hill.

Marketing zu seiner Zeit: Jeff Lindsay von Mountain Goat Bicycles zeigt sich auf einem Plakat für den „Hardpack“ Reifen.

Ab dann galt es, nicht mehr einfach nur vorhandene Produkte auszuliefern, sondern diese selbst zu entwickeln, zu produzieren und einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu unterwerfen. Es begann mit einem Team von Reifenherstellern. Mike widmete seine gesamte Aufmerksamkeit diesem Thema und gab sich erst zufrieden, als der „Touring Tire“, der erste von „Specialized“ gebrandete Reifen, auf den Markt gebracht wurde. Gerade einmal zwei Jahre waren seit seinem Europatrip vergangen.
Mit den eigenen Reifen ging plötzlich alles seinen Weg. Der Wunsch nach hochwertigen Parts trieb Mike an. Die Reifen konnten erfolgreich auf dem Markt etabliert werden. Weiter ging es mit Wasserflaschen. Diese werden übrigens noch heute hier am Campus in Morgan Hill gefertigt. Nach und nach kamen weitere Parts ins Portfolio. Getrieben vom Wunsch nach Innovation erblickte 1981 mit dem „Sequoia“ das erste komplette Fahrrad das Licht der Welt; gebaut für den Touring-Bereich und längere Ausfahrten. Heute wissen wir: Dabei blieb es nicht; es folgte weit mehr, weit Differenzierteres und vor allem Hochklassiges.

Im Museum befinden sich verschiedene Modelle.

Mit dem Stumpjumper wurde 1983 das erste MTB-orientierte Bike der Marke herausgebracht. Schon als Frischling legendär.

Ein ganz neuer Sport

Das Biken im Gelände wurde damals mehrheitlich von Rowdys exerziert. Im Sinn hatten sie vor allem eins: Biken, und zwar schnell! An legendären Orten wie dem Mount Tamalpais kam man zusammen, um sich mit Beach Cruisern in die Tiefe zu stürzen. Es war genau die Zeit und der Ort, wo Größen wie Gary Fisher oder Joe Breeze die Sportart prägten.
Motorräder wurden zerrupft, um deren Lenker und Bremsen zu montieren. Pragmatismus stand an oberster Stelle. Das war Mountainbiken in seiner Ursprungsform: Keine Schoner, keine Helme, einfach nur Vollgas!
Mike war hier mitten drin und doch grübelte er: „Wie kann ich stabilere, steifere Bikes bauen?“
Damals Pionier und noch heute legendär wurde 1983 mit dem Stumpjumper das erste MTB-orientierte Fahrrad aus dem Hause Specialized auf den Markt gebracht. Es hatte sage und schreibe 15 Gänge und galt als superleicht. Als das Bike mit „Monster-Bremsen“ wurde das Stumpjumper damals vermarktet. Auf einem Werbeplakat lesen wir: „Fahrt Trails nach unten, von denen ihr noch nicht einmal geträumt habt.“

Auch kultige Bikes, wie das von Shaun Palmer findet man im HQ wieder.

Die Nachfrage stieg und immer mehr Trail-Enthusiasten waren unterwegs. Doch Jerseys, Fullface-Helme und Camelbacks waren Fehlanzeige. Im echten Levis Denim-Outfit und mit Arbeiterhandschuhen ging es darum, als Erster im Ziel anzukommen.
Im Museum bewegen wir uns entlang der nostalgisch anmutenden Werbeplakate und bleiben vor der 85er-Teamedition des Stumpjumpers stehen, das sich knallig präsentiert. Auf die Frage, warum man gerade Pink als Rahmenfarbe wählte, antwortet James belustigt: „Wisst ihr, die Antwort ist ganz simpel: Wenn man in den 80ern mit einem pinken Bike beim Rennen antrat, war es ratsam, besser schnell im Ziel zu sein.“
Über die Jahre wuchsen Unternehmen und Produktportfolio. Neue Radkategorien, neue Standards und der Aufstieg zum Vollsortimenter prägten die Marke.

Im Vordergrund hängend, die 85er Team Edition des Stumpjumper

Dos & Donuts

„Firmenintern ist quasi jeder von uns selbst ein Biker. Alle Athleten, mit denen wir zusammenarbeiten, geben sich dem Radsport hin und haben einfach Spaß dabei“, so James. „Schließlich ging es früher nur um den Spaß, das sollten wir auch 2017 nicht aus den Augen verlieren.“

Nachdem er uns das Museum gezeigt hat, führt er uns weiter über Treppen nach oben, in ein Kuriositätenkabinett von Fahrrad-Experimenten. Wir entdecken die Zweiradversion von Fred Feuerstein, raketenförmige Tandems bis hin zu einem Bike mit echtem Nutzen: Um die langen Streifenfahrten des Morgan Hill Police Department etwas sportlicher zu gestalten, baute Specialized eigens Polizei-Fahrräder – im passenden Blau lackiert und für den Einsatz eines Officers präpariert. Etwas verdutzt deute ich auf ein bestimmtes Bauteil. „Ist es das, was ich denke?“, frage ich James neugierig. „Oh ja, das ist ein Donut-Halter. Wir wollten das bestmögliche Gefühl fürs Fahren geben.“ Da müssen wir lachen.

Im Kuriositätenmuseum befindet sich, unter anderem, das inoffiziell älteste Fahrrad der Welt.

Für das Morgan Hill Police Department wurden bestens präparierte Räder entworfen. Halterungen für Taschenlampe und Donuts inklusive.

„Eigentlich sind all unsere Räder von deren Umgebung inspiriert“. So James. „Sobald wir sagen, dort möchte ich mit meine Bike entlang fahren‘, beginnen wir, den Gedanken weiter zu spinnen, bis am Ende ein bestmögliches Produkt entsteht.“
Hier, im „Global Office“, befinden sich nicht nur Museum und Kuriositätenkabinett, sondern auch die Produktentwicklung, diverse Testlabore, die Prototypenherstellung, ein Windkanal und die gesamte Administrative. „Wenn wir eine Idee umsetzen möchten, können wir sprichwörtlich durch eine Tür gehen und die Idee in ein fahrfertiges Produkt verwandeln.

Beim täglichen Lunch Ride wird auf den Umgang geachtet. Man präsentiert beim Fahren nicht nur die Firma, sondern die Bike-Community an sich.

Specialized Lunch Time

James wirft einen Blick auf seine Uhr und sagt: „Jetzt gehen wir über zum besten Part. Es ist Lunch Time.“ Und die ist bei Specialized etwas ganz Besonderes. Specialized hat ein hauseigenes 50er-Jahre-Dinner mit allem dazugehörigen Schnickschnack. Ebenfalls zur Lunch-Time gehört der „Lunch-Ride“ auf den heimischen Trails.
Die Mitarbeiter haben das Privileg, ihrer Leidenschaft täglich nachzugehen. So geht es traditionell nach dem Essen auf eine kleine gemeinsame Ausfahrt rund um Morgan Hill.
Mit Doppelcheeseburger und Pepsi gestärkt stehen wir vor den hauseigenen Mechanikern und bekommen zwei „Stumpis“.

Die meisten Mitarbeiter kommen fast täglich mit dem Rad. Das beweist die Anzahl der aufgehängten Räder.

Direkt neben der Werkstatt können sich Mitarbeiter eine Auszeit mit Kickertisch, Tischtennis und Billard nehmen.

„Es hat sich etwas geändert. Wir würden euch gerne mit nach Santa Cruz nehmen, um die Trails zu fahren, auf denen wir auch unsere Bikes testen“, sagt James. Wir müssen nicht lange überredet werden! 45 Minuten lang fahren wir mit dem Van über bergige Passagen in Richtung Südwesten nach Santa Cruz. Bei der University of Santa Cruz, zwischen dem „Pogonip“ und dem „Wilder Ranch State Park“, befindet sich ein Trail-Netzwerk. Raus aus dem Auto und ab in die Natur, die einiges an atemberaubenden Landschaftszügen bietet.

"Mountainbiken in seiner Ursprungsform: Keine Schoner, keine Helme, einfach nur Vollgas!"

Uns kommen Highschool-Gruppen entgegen. Hier wird der MTB-Sport, oftmals regional, ganz unterschiedlich ausgelebt. Grundsätzlich findet er aber eine breite Akzeptanz. Jungs und Mädels unterschiedlichster Altersgruppen strampeln die Wege nach oben. Specialized unterstützt diese Gruppen und trägt dazu dabei, den Sport gesellschaftlich zu verankern. Dementsprechend ist auch eine gewisse Markenrepräsentanz zu sehen. Ein „Hallo, wie geht´s?“ oder „Achtung, Biker!“ folgt dem nächsten. Freundlichkeit wird großgeschrieben. Jeder wirkt offen für einen kleinen Plausch und man begegnet sich mit Respekt.

Hier testet Specialized seine Bikes. Die Landschaft bot abwechslungsreiche Züge und die Trails jede Menge Spaß.

Doch auch dort, in dieser legendären Gegend, gibt es klare Einschränkungen. Die Trails hier sind zugleich Wanderwege. Es gibt auch gänzliche Fahrverbote auf bestimmten Wegen und Missbrauch wird mit einem Ticket geahndet. Vollständige Untersagungen gibt es in den USA vor allem bei E-Bikes. Diese werden mit Motorrädern gleichgestellt und sind auf vielen Strecken nicht erlaubt. Eine Regelung, die den E-MTB Markt in den Staaten nicht gerade stärkt.
Auf unseren nichtmotorisierten Versionen des Stumpjumpers geht es die Trails wieder nach unten. Wir fühlen uns ein wenig wie im Jahre 1983. Der Freiheit wegen, die hier überall mitzuschwingen scheint. Der „Amarican Way of Life“ eben.
Wieder am Van angekommen geht ein Tag zu Ende, an den ich mich noch lange erinnern werde. Die Abenddämmerung bricht ein und ein Lichtspiel aus goldorangen Farbtönen lässt den Tag ähnlich geschmeidig ausklingen wie er begann.
Mike Sinyard schuf ein Unternehmen von Größe, brachte seine Leidenschaft fürs Radfahren ein und etablierte den Anspruch an stetige Innovationen. Nicht als Novum: Vielmehr macht dies den Geist des Sports aus, der bis heute nicht an Bedeutung verloren hat. Danke für die Einladung!

Wir verabschieden uns im goldenen Sonnenuntergang.

Timeline


1974 Mike Sinyard startete seinen Europa-Trip, gründete Specialized
1976 Der Touring Tire wird auf den Markt gebracht
1981 Präsentation des ersten Fahrrads, dem Sequoia
1983 Verkaufsstart des Stumpjumpers mit 500 Einheiten
1984 Umzug der Firma von San Jose nach Morgan Hill
1990 Die Einführung von M2 Metallmatrix-Verbundwerksstoffen bei Fahrrädern
1992 Der erste Carbon Rahmen erscheint mit dem S-Works Epic Ultimate

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