Charaktere

Text Sebastian Lehr Bild Hannes Berger / Red Bull Content Pool Fahrer Fabio Wibmer
Meinung

Kommentar von Sebastian Lehr

Nicht im selben Maße mit Mut gesegnet wie manch anderer, stellen mich die Tage im Bikepark, unterwegs mit den Kumpels auf der DH oder Jumpline, vor vollendete Tatsachen: Nicht dass die Überwindung zu groß wäre – zwar muss ich mich natürlich bei jedem großen Sprung überwinden; anders als bei anderen stellt sich bei mir aber auch hinterher kein Gefühl von Freude ein. Das positive Resultat in Form eines endorphingeschwängerten Körpergefühls – ein Zustand, der der Überwindung gewissermaßen innewohnt und sie motiviert – bleibt bei mir aus. Daher umfahre ich meistens alles mit mehr Airtime und, ja, ich ernte misstrauische und abschätzige Blicke. Aber ich bin jetzt 30 und über alles erhaben – sowas Ähnliches rede ich mir zumindest ein. Abends auf der Couch hege ich dann doch heimlich Bewunderung für junge Fahrer wie Fabio Wibmer, der locker und lässig aus dem Heli springt und auf seinem DH-Bike das Skigebiet Saalbach rockt. Worauf will ich eigentlich hinaus?

Aus der Gravity Spezial 2018

Extremsport, das ist Futter für die Seele, das ist Eigenliebe, das ist Narzissmus. Was fehlt den Menschen, die aus einem Heli springen, über 15 Meter-Gaps fliegen oder auf kleinen Steinwänden über dem Abgrund balancieren? Es muss doch mehr als diese eine Erklärung geben, die zu hören ich mittlerweile derart leid bin – ihr kennt sie alle: Dieser große Konzern mit dem geflügelten Logo, einer der Sponsoren all dieser verrückten Veranstaltungen, treibe die jungen Biker an, lasse sie immer verrücktere Sachen tun, nehme Verletzungen und die mögliche letzte Konsequenz billigend in Kauf. Hauptsache, die Sensationsgier einer immer hungrigen Crowd wird befriedigt. Blödsinn, sage ich. Ein Sportler, der vorhat, beim Rampage in Utah tatsächlich die Fallline als bevorzugen Weg zu wählen, der handelt und denkt in diesem Augenblick nicht auf Anweisung von Sponsoren. In diesen Momenten herrscht ein Höchstmaß an Individualität, naturreine Selbstbestimmung. Ok – der Alltag eines 9 to 5-Jobs, der ist selbst mir zu langweilig und zu sehr gewöhnliches Mittelmaß – und, ja, bestimmt steckt das Streben nach Einzigartigkeit jedem Menschen in den Genen, nur diesen Extremsportlern eben etwas mehr. Aber das ist Hosentaschenpsychologie. Ich will tiefer hinein. Sehnsucht und Auflehnung spielen eine große Rolle. Sehnsucht nach den ursprünglichsten, menschlichen Handlungsweisen; danach, sich ständig weiterzuentwickeln, sich in Rivalität vor seinem Gegenüber zu platzieren, um das eigene Überleben zu sichern. Extremsport, das ist ein evolutionsgetriebener Tatendrang im modernen Kontext. Negativbotschaften des Körpers werden ignoriert, bestenfalls werden sie in Kauf genommen und dem größeren Ziel – "Ich muss besser sein als mein Gegenüber" – untergeordnet. Zumeist ist es sogar so, dass Leid oder Schmerz nicht als sinnfrei bewertet, sondern bewusst herbeigeführt werden – als notwendiger Bestandteil des angestrebten Lebensgefühls. Es sind gewollte Aspekte eines spezifischen Körperprogramms, das in scharfem Kontrast zur Anstrengungs- und Risikovermeidung der Restgesellschaft steht. Es ist Auflehnung gegen etablierte Gesellschaftsmuster. Wir leben nach dem Prinzip "Sicherheit, Bequemlichkeit und Gefahrenabwendung". Gefahr, Schweiß, Verausgabung, Unerwartbarkeit – das sind alles Dinge, die im Extremsport normal sind, in unserem heutigen Alltag jedoch wenig Raum haben. Und gerade deshalb sind Menschen; Charaktere, die sich für Extremsport entscheiden, so anziehend. Sie signalisieren wie ungemein unabhängig und, im Vergleich zur Restgesellschaft, ungewöhnlich sie sind. Das Andersartige und aus dem Rahmen Fallende hat uns schon immer fasziniert. Extremsportler sind beeindruckende Menschen; Anpassungsgedanken sind ihnen fremd. Es sind intrinsisch motivierte Individuen, die ihre körperlichen und geistigen Grenzen ständig aufs Neue ausloten. Allemal ihre Konkurrenten treiben sie an. Konzerne hingegen können höchstens Rahmenbedingungen schaffen, die meinetwegen für die Durchschnittsbevölkerung aus dem Rahmen fallende Möglichkeiten bieten, sicher aber keinen in den Abgrund zwingen. Fabio Wibmer oder Danny MacAskill beispielsweise machen sich diese Rahmenbedingungen einfach zu eigen und leben so frei ihre Neigungen. Sponsoren könnten einen solchen Sportler niemals über dessen Selbstbestimmung hinaus zu Taten verleiten, die ihm eigentlich zuwider sind. Es sind Freigeister; Leid, Schmerz und Endgültigkeit kalkulieren sie allemal für sich selbst. 

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