Glück auf!
Unterwegs in Slowenien

Text Hannah Röther Bild Andreas Meyer
Geschichten

Glück auf!
Slowenisch: Srecno!

Dort, wo das österreichische Kärnten auf die slowenischen Region Koroska trifft, liegt der grenzüberschreitende Geopark Karawanken. Er ist die symbolische Wiedervereinigung von zwei Regionen mit gemeinsamer Geschichte und Sprache. Der Park ist berühmt für Tropfsteinhöhlen und stillgelegte Bergwerksstollen, für Mountainbiker dagegen noch ein echter Geheimtipp.

 

Aus der Ausgabe 03.17

Immer dem Bleiflötz nach, entstanden 1.000 km, teilweise skurrile, Stollen durch die uns Anej unter Tage führt.

Mountainbike Nomad - ein Logo wie eine urzeitliche Felsenmalerei.

"Hier zwischen den verschiedenen Biersorten bekommt unser Trip eine ganz ungewohnte Note."

Unser Ziel wird uns von einem zweisprachigen Ortsschild angekündigt: Bleiburg / Pliberk. Die slowenische Grenze ist hier, am äußersten Rande des österreichischen Bundeslands Kärnten, nur noch 4 km entfernt. Über 30% der Bleiburger Bevölkerung spricht einen slowenischen Dialekt, mit den Menschen jenseits der Grenze teilen sie die selben Wurzeln. Eine wichtige Rolle spielte schon früh der Bergbau, dem die Stadt ihren Namen zu verdanken hat und der die gesamten Karawanken prägt. Um das gemeinsame kulturelle Erbe zu schützen und nachhaltige Entwicklung zu fördern, wurde 2012 der Geopark gegründet. Sein Gebiet erstreckt sich über eine faszinierende Naturlandschaft: zerklüftete Karstgebirge, Buchen- und Mischwälder, dazwischen Seen, wilde Bergbäche und Wasserfälle.

Es beginnt wie eine Interrail-Reise durch Osteuropa

Drei Mal fahren wir an unserem Hotel vorbei, bevor wir es erkennen. Dass der Name „Brauhaus Breznik“ Programm ist, hatten wir so nicht erwartet. In einer verschlafenen Dorfgasse schmiegt sich das Brauhaus nahtlos in die Häuserfassade ein, zwischen Bäckerei und Bank. Etwas ungläubig treten wir über die Terrasse in die Lobby ein, in der alles – vom Schlüsselbrett bis zum Empfangsschalter – an ein Hotel aus den 50er Jahren in einer europäischen Metropole erinnert. Zum Abendessen werden wir ins Wirtshaus gebeten, in dem das hauseigene Bier ausgeschenkt wird. Wer sich für die Herstellung interessiert, kann an den regelmäßig stattfindenden Brauereiführungen teilnehmen. Wir geben uns an diesem Abend mit einer ausgiebigen Verköstigung zufrieden. Hier, zwischen den verschiedenen Biersorten, den mit antiken Bierwerbungen getafelten Wänden und den Gästen aller Altersgruppen bekommt unser Mountainbike-Trip eine ganz ungewohnte Note. So muss es sich anfühlen, mit dem Interrailticket durch Osteuropa zu reisen. Allein für diese Unterkunft lohnt ein Besuch in Bleiburg!

Unser Rendez-Vous am nächsten Tag trägt den schmeichelhaften Namen Petzen, eine alte Dame aus weißem Kalkstein. Die Petzen ist ein imposantes Bergmassiv, deren höchster Gipfel auf 2126 Meter Höhe die Grenze nach Slowenien markiert.
Die Petzen hat zwar keinen Bikepark, dafür aber eine Strecke, die sich bereits einen Ruf weit über Österreich hinaus gemacht hat. Didi Schneider, Trailbau-Legende aus dem Bayerischen Wald, schuf hier den längsten Flowtrail Europas. 11 Kilometer – während der langen Liftfahrt versuche ich mir die Dimension zu verbildlichen. Fast drei Mal die Länge meines Hometrails ausschließlich Anliegerkurven, Wellen und Tables? Schwer vorzustellen, aber wahr.

An der Oberfläche zeigt uns Anej dann den von ihm gebauten Trail Thriller auf der Petzen.

Perfekte Anlieger soweit das Auge reicht auf dem 10 km langen Flow Country Trail.

Der längste Flow-Trail Europas

Wirklich begreifen lässt sich die Größe des Trails erst, wenn man ihn fährt. Schnell wird uns klar: Das hier ist keine eilig angelegte Mountainbike-Strecke, um mal eben den Sommertourismus anzukurbeln. Der Flowtrail erinnert eher an ein mittleres Infrastruktur-Projekt. Für die gigantischen Kurven wurden ganze Felswände abgetragen, auf den gesamten 1700 Tiefenmetern Strecke wurde der Untergrund geschottert. Ab jetzt heißt das Motto Bremse auflassen – keine Wurzeln, keine Steilstücke, ausschließlich Vollgas. Man kann diese Art von „New-School“ Trailbau mögen oder nicht, beeindrucken tut er in diesem Ausmaß und dem Grad an Perfektion allemal. Und er trifft den Nerv der Zeit: egal auf wen wir treffen, vorsichtig fahrende Anfänger oder sich hoch in die Luft schießende Profis, alle vereint dieses breite Grinsen im Gesicht, wenn sie zum Luft holen am Streckenrand eine Pause machen.

Der Flowtrail ist auch deshalb beeindruckend, weil hinter ihm nicht ein glitzerndes, weltberühmtes Ski-Gebiet mit Millionen-Budget steht. An der Petzen gibt es nur eine einzige Seilbahn, und selbst deren Zukunft stand bis vor kurzem in den Sternen. Heute gehört die sie Franz Skuk, einem Unternehmer aus Bleiburg, der neben einem großen Bauernhof jetzt eben auch noch einen Lift betreibt. An diesem Nachmittag empfängt er uns im Kontrollhäuschen an der Bergstation. Zwischen den riesigen Sicherungskästen und Überwachungsbildschirmen erzählt er uns von seiner Vision, noch weitere Strecken zu bauen und ein Bike-Hotel zu eröffnen. Seine wichtigsten Verbündeten sind nicht hochbezahlte Werbeagenturen, sondern mountainbikende, begeisterte Trailbauer aus der Region.
Und so gibt es neben dem breitentauglichen Flowtrail noch mehr an der Petzen zu entdecken. Gerade erst wurde „Thriller“ eröffnet, der sich steil, verwinkelt und naturbelassen über wurzeligen Waldboden schlängelt. Sogar unter einem Jagdsitz hindurch geht die Streckenführung, was unser Bild von der heilen und friedlichen Mountainbike-Welt an der Petzen perfekt macht.
Den Schöpfer dieses kleinen Kunstwerkes treffen wir am nächsten Tag: Anej Strucl, Mountainbike-Guide, Trailbauer und Traum-Verwirklicher.

Neben den 17 km gebauten Trails bei Dixi, gibt es hunderte Kilometer alte Wege und Trails für die man aber einen Guide buchen sollte.

Wandernde Bären aus den Karawanken können schon auch mal der Petzen auftauchen.

Singletrail Park Jamnica, Slowenien

Anej lädt uns zu sich in seine slowenische Heimat ein. Kurz hinter der Grenze geht es rechts ab, von nun an schraubt sich die Straße einspurig in das immer hügeliger werdende Hinterland, bis wir eine zwischen Feldern stehende Farm erreichen.
„Welcome to our Bike & Ecohotel Koros“ begrüßt uns der Hausherr, der sich als Dixi vorstellt und uns barfuß über den Rasen entgegen kommt. Drinnen warten seine Frau und sein Sohn Anej, der Empfang ist herzlich (und das nicht nur wegen dem Schnaps). Wir bekommen ein kurze Führung durchs Haus und als Dixi und Anej zu erzählen beginnen, dämmert uns so langsam, in was für einem wahr gewordenen Mountainbike-Traum wir hier gelandet sind.

Dixi fährt seit über 20 Jahren Mountainbike, ein eigenes Bikehotel ist sein Traum, seit er denken kann. Als er vor sieben Jahren die Farm Koros angeboten bekam, zögerte er nicht lange. Er schloss sein Hotel in der Stadt, kaufte die Farm und baute sie zu einem Öko- und Bikehotel um. „Everybody thought I was crazy“, erzählt er lachend über die Anfänge, schließlich hatte er keine Ahnung vom Farmer-Dasein. Doch gemeinsam mit seiner Frau erarbeite er sich das nötige Wissen über Gemüseanbau und Viehhaltung, heute kann die Familie überwiegend von eigenen Produkten leben. Es wird geerntet, was eben wächst, und anstatt die Kühe zu melken, werden die Kälbchen einfach bei ihren Müttern gelassen. Authentischer ist mir ein nachhaltiger Lebensstil selten begegnet. Das Entscheidende beim Kauf der Farm aber war das dazugehörige Land. Vor der Veranda steht eine riesige Tafel mit einer Karte des Gebiets, auf der die von Anej angelegten Singletrails zu sehen sind. 17km sind es aktuell, verschiedene Farben markieren die Schwierigkeitsgrade, von schwarz bis blau ist alles dabei. Auch hier bleibt sich Dixi treu: Geshuttelt wird im Singletrailpark Jamnica nicht, keine Diskussionen. Das würde die Trailpflege viel aufwendiger machen, außerdem sollen die Leute gefälligst Mountainbike fahren, und nicht Auto. Fünf weitere Höfe gehören als enge Partner dazu, statt den Gästen Verpflegung mitzugeben, werden diese zur Einkehr zu den Nachbarn geschickt. Lokale Wirtschaft ankurbeln selbstgemacht! Und auch sonst wird alles selbst gebaut: von der Sauna im Keller über den zur Bike-Garage umfunktionierten Schweinestall bis zum Fahrradanhänger, der bei geguideten Touren durch die Region zum Einsatz kommt.

Von der Natur vorgegebene Anlieger auf dem Thriller Trail kurz nach der Jägersitz Durchfahrt.

"Der Stollen ist eng, finster und es weht uns eisige Luft entgegen."

Trailbau statt Bergbau: unterirdisch Mountainbiken

Anejs Familie hat aber nicht bloß eine Farm mit eigenem Singletrail-Park, es kommt noch besser. Anejs Mutter arbeitet als Geologin im Bergbau Museum Mezica, was Mountainbiken in völlig neuen Dimensionen ermöglicht. Anej erklärt es so: „Der Bergbau hat über 1000 Kilometer Stollen hinterlassen. Ein Großteil davon ist vergessen und schwer zugänglich. Wir haben den Schlüssel zu den Eingängen. Also verbringe ich gerne meine Zeit damit, unterirdische Trails zu erschließen.“ Einen davon hat er bereits einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Beim Underground Biking können Touristen auf einer flachen Strecke fünf Kilometer durch den Berg fahren. Mit Lampen ausgerüstet wandelt man so auf den Spuren der Bergleute, über die Anej viel erzählen kann. Als wir selbst am Stolleneingang stehen, wird mir etwas mulmig. Der Stollen ist eng, finster und es weht uns eisige Luft entgegen. Das hier ist definitiv nichts für Leute mit Platzangst. Für alle anderen dafür aber ein echtes Erlebnis: Auf unserem Weg kommen wir an Höhlen vorbei, so groß wie Kirchenschiffe, dürfen nach Bergkristallen graben und bestaunen schwarzes Gestein, dass sich wie ein Wasserfall in einen Stollen ergießt „Meeresboden“ erläutert Anej, „von den Bergarbeitern gefürchtet, da dieses Gestein viel poröser ist als der Rest. Man stößt immer wieder auf Adern davon“. Als wir auf halber Strecke die Lampen ausschalten, umhüllt uns perfekte Dunkelheit. Es ist verrückt – nie habe ich mich den Bergen näher gefühlt wie hier unten, eingeschlossen von ihrer Großartigkeit. Als wir nach zwei Stunden unter Tage wieder nach draußen rollen, schlägt uns die warme Luft wie ein Sauna-Aufguss entgegen. Im Stollen herrschen konstante 10 Grad Celsius, immer. „Perfekte Bedingungen für ganzjähriges Biken“ so Anej. Ein Underground Bikepark ist bereits in Planung. Beim jährlich stattfindenden Black Hole Enduro, das Teil der slowenischen Enduro Serie ist, gab es letztes Jahr eine Underground Stage.

Als wir zur Farm zurückkehren, wartet Anejs Frau bereits mit frisch gemixten Smoothies auf der Veranda. Wir plaudern mit den anderen Gästen. Menschen aus 17 Nationen haben hier schon genächtigt, darunter Australier, Amerikaner, jedoch selten Deutsche. Ich frage mich, wieso ich bislang noch nie von diesem Fleckchen Erde gehört habe. Hier stimmt einfach alles: die Trails, die Philosophie, die Landschaft. Dixi und seine Familie strahlen eine Zufriedenheit mit dem Leben aus, die ansteckend ist. Diese Menschen haben sich den Traum vom Leben in den Bergen verwirklicht, und dieses Glück geben sie an ihre Gäste weiter. Der Abschied fällt schwer. Aber eine Einladung von Anej macht Mut: Kommt wieder, egal wann. Es gibt noch viele Wege zu entdecken, hunderte Kilometer Natursingletrails führen durch die Karawanken, viele sind ehemalige Verbindungswege zwischen den Stolleneingängen. Und an der Petzen werden weiter Trails gebaut. Wir kommen wieder, versprochen.

Verdiente Brotzeit vor dem Sonnenuntergang.

Anejs Mutter erklärt uns die Geologie des Grenzgebietes und was uns unten erwartet.

Information

Unterkunft
Ecohotel Farm Koroš
www.bikenomad.com
Weitere spezialisierte Bikebetriebe
findest du unter:
www.bike-holidays.com
bikefreundliche Betriebe
www.hiking-biking-slovenia.com

Wissen
Die Karawanken sind ein Gebirgsstock der Südlichen Kalkalpen und markieren die Grenze zwischen Kärnten und Gorenjska. Der Name geht bereits auf 150 n. Chr. zurück. Die Grenze ist bis auf kurze Ausnahmen seite dem Hochmittelalter geblieben. Höchster Gipfel ist der Hochstuhl mit 2.238 m.

Highlights
• 10 km langer Flow Country Trail am
Petzen www.petzen.net
• Biken unter Tage und Trailcenter um
die Ecohotel Farm Koroš
• Slowenien Endurotour, das Rennen
in Jamnica ist EWS-Qualifier
www.sloenduro.com

Infrastruktur
Am Petzen in Kärnten finden sich neben dem 10 km langen Flow Country Trail , noch drei weitere Trails.
Das Wegenetz ist zudem im Ausbau begriffen, naturbelassene Strecken kommen hier hinzu. Auf slowenischer Seite durchzieht die Wälder um die Ecohotel Farm Koroš ein engmaschiges für Biker angelegtes Trailnetz. Highlight ist sicherlich eine Fahrt unter Tage in den alten Stollen.

Reisezeit
April – November

GPS-Touren
Vor Ort im Hotel erhältlich

Kartenmaterial
Kompass WK 65 Klopeiner See,
Karawanken Ost, www.slovenia.org

Weitere Infos
www.slovenia.si

Nie haben wir uns einem Berg näher gefühlt.

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