Monatsfrau – Johanna Urkauf

Interview Judith Lell-Wagener Bild Heiko Mandl
Interview

Mit 29 Jahren Geschäftsführererin eines Millionenunternehmens

2018 ging ein Generationenwechsel der besonderen (und in der Bikebranche mehr als ungewöhnlichen) Art durch die Medien: Carol Urkauf-Chen, die als Eigentümerin und Geschäftsführerin die österreichische KTM Fahrrad GmbH aus der Krise führte, übergibt das Ruder an ihre Tochter Johanna Urkauf und wechselt selbst in den Aufsichtsrat. Seitdem lenkt die 29-Jährige die Geschicke des millionenschweren Unternehmens – mit ruhigem, reflektiertem Wesen und bedachter Hand. Mit viel Respekt vor der Verantwortung und spürbarer Wertschätzung für ihre Mitarbeiter. Mit großer Dankbarkeit für das Vertrauen und den starken Rückhalt aus der Familie.

Aus der E-MTB Sonderausgabe

Judith Lell-Wagener: Welche Rolle spielte KTM in deiner Kindheit und Jugend?

Johanna Urkauf: KTM war stets ein Thema. Es ist ein Familienunternehmen. Da sind die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben oft fließend. Aber dadurch, dass wir in Salzburg leben und die Firma in Mattighofen ist, war es jetzt nicht so, dass ich tagtäglich in den Produktionshallen herumgehüpft bin. Natürlich bin ich mit KTM Fahrrädern groß geworden. Berührungspunkte gab es immer – sowohl in Österreich wie vor allem in Asien, denn wie ich klein war, musste meine Mutter oft in Asien bei ihrer ersten Firma sein und hatte mich meistens dabei. Dementsprechend habe ich viele, mit denen ich heute zusammenarbeite, bereits gekannt und mit einigen heutigen Kollegen als kleines Kind sogar gespielt.

Judith Lell-Wagener: Wann hat sich dann wie entschieden, dass du die Geschäftsführung bei KTM übernimmst? War dieser Weg vorgezeichnet oder hattest du freie Wahl?

Johanna Urkauf: Solange ich mich erinnern kann, gab es die Thematik im Hintergrund – weil ja auch schon meine Großmutter vor über 70 Jahren im Fahrradunternehmen tätig war, im Großhandelsgeschäft. Dadurch habe ich aber auch gemerkt, dass die Höhen und Tiefen eines Familienunternehmens die Familie und ihr Zusammenleben beeinflussen – und dass man eine sehr große Verantwortung für die Mitarbeiter und ihre Familien übernimmt. Deswegen hatte ich immer sehr großen Respekt vor der Aufgabe und es hat eine Weile gebraucht, bis ich mir selbst gesagt habe: Das will ich machen. Der Zeitpunkt kam, als ich etwa ein Jahr im Unternehmen war. Da habe ich gemerkt: Ich mag die Branche, ich mag das Unternehmen und ich mag die Leute, mit denen ich tagtäglich zu tun habe. Ich hatte sicherlich freie Wahl. Das bin ich mir und unserem Unternehmen auch schuldig: Denn mit einem unguten Gefühl kann ich keine gute Leistung erbringen. Wenn nicht Wille und Einsatz dahinterstehen, dann hätte das Ganze keinen Sinn und kann keine Früchte tragen. Da sind meine Mutter und ich einer Meinung.

Judith Lell-Wagener: Wie gestaltet ihr den Übergang, den Rollenwechsel zwischen den Generationen?

Johanna Urkauf: Meine Mutter hat das Unternehmen Jahrzehnte lang geprägt, das ist ein Lebenswerk. Insofern denke ich, kann es jetzt nicht so sein, dass der eine geht und der andere kommt. Es ist vielmehr ein fließender Prozess mit einer sehr engen Zusammenarbeit seit den letzten Jahren und in den nächsten Jahren. Das erste Jahr bei KTM habe ich in der Buchhaltung gearbeitet, um die grundlegenden Strukturen und Zahlen kennenzulernen. Das klingt vielleicht etwas trocken, ist aber eine wichtige Basis. Danach bin ich immer mehr in den Produktbereich gekommen und irgendwann einmal hat meine Mutter mich gefragt, ob ich die Geschäftsführung übernehmen möchte. Damals wusste ich schon, dass ich diesen Weg gehen möchte und war sehr dankbar darüber, dass sie mir das zugetraut hat und ich die Verantwortung sukzessive übernehmen durfte. Auch heute arbeiten wir noch sehr viel zusammen und halten täglich Rücksprache – nicht nur in der Arbeit. Das empfinde ich als sehr positiv und produktiv. Ich erwarte zudem dieses Jahr selbst ein Kind – und das wird bestimmt sehr zeitintensiv. Da bin ich dankbar, dass dieser Familienzusammenhalt gegeben ist, sowohl privat als auch beruflich.

Judith Lell-Wagener: Gönn uns mal einen kleinen Blick hinter die Kulissen: Wie ist es, mit der eigenen Mutter zusammenzuarbeiten?

Johanna Urkauf: Natürlich ist die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter enger als in einem klassischen Arbeitsverhältnis. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man sich gegenseitig respektiert und sich die Hand reicht: Sie nimmt sich die Zeit, ihre Erfahrung mit mir zu teilen und ich schätze diese Chance sehr. Ich bin immer wieder positiv überrascht, welche neue Seiten meiner Mutter ich durch unsere Zusammenarbeit kennen gelernt habe. Privat und beruflich.

Judith Lell-Wagener: Wo liegen aktuell für dich die größten Herausforderungen?

Johanna Urkauf: Ich sehe die Arbeit im Unternehmen als stetige persönliche Weiterentwicklung. In diesem Jahr stehen viele große neue Projekte an – etwa der Neubau einer Produktionshalle oder zahlreiche Produktneueinführungen, von denen wir uns nächstes Jahr circa 70 Prozent unseres Umsatzes erwarten. Zudem verändert sich ja für mich privat auch vieles. Von daher hoffe ich für mich persönlich, dass ich hier die Waage halten kann. Dass ich mich gut in der neuen Situation einfinde, und Zeit für meine Familie und das Unternehmen habe.

Judith Lell-Wagener: Wie nah bist du als Geschäftsführerin an euren Produkten und am Markt dran? Bist du an der Entwicklung der Produkte und auch an ihrer Vermarktung beteiligt?

Johanna Urkauf: Ich muss nah dran sein – alles andere wäre nicht möglich. Das war auch schon immer eine Devise meiner Mutter. Wenn wir das Unternehmen erfolgreich führen wollen, dann müssen wir wirklich im Unternehmen operativ tätig sein. Aber gerade das macht mir sehr viel Spaß: Dass man sieht, wie man gemeinsam mit anderen Menschen etwas erschafft und Erfolg hat.

Judith Lell-Wagener: Ein Fahrrad ist ja auch ein sehr technisches Produkt. Wie gut ist dein technisches Know-how?

Johanna Urkauf: Von meiner Ausbildung her habe ich keinen technischen Background. Deshalb war die Zeit in der Entwicklungsabteilung eine äußerst wichtige Grundlage. Hinzu kommt, dass ich von Anfang an bei allen Video-Konferenzen mit unserer Qualitätssicherung bei Rahmenlieferanten, den meisten Lieferantenbesuchen, Entwicklungs- und Produkt-Spezifikationsgesprächen mit dabei war. Es gehört zum Job dazu, dass gewisse Sachen direkt im Beruf erlernt werden. Das macht es spannend.

"Ich bin immer wieder positiv überrascht, welche neue Seiten meiner Mutter ich durch unsere Zusammenarbeit kennengelernt habe. Privat und Beruflich."
Johanna Urkauf

Gegenseitige Wertschätzung und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, möchte auch Johanna weiterleben lassen.

Respekt und Bewunderung für die Leistungen ihrer Mutter motivieren sie, ihr Bestes zu geben. Bild Michael Rausch-Schott

Johannas Lebenspartner Gerold Grabner ist bei KTM für die Finanzen und Controlling verantwortlich.

Judith Lell-Wagener: Wie siehst du persönlich die Entwicklung des E-Bike- Marktes?

Johanna Urkauf: Ich sehe nach wie vor großes Potenzial. Einerseits bei den Stückzahlen, andererseits wird aber auch das Produkt selbst zunehmend komplexer und spezifischer. Es gibt ja jetzt zum Beispiel sogar E-Roadbikes. E-MTBs und E-Fullies werden immer beliebter. Ein E-Bike ist seit ein paar Jahren nicht mehr nur das „Hilfstransportmittel“, sondern ein echtes Spaßgerät geworden. Da merken wir, dass auch die Käufer immer jünger und sportlicher werden und möchten von daher noch stärker in diesen Markt reingehen. Wir möchten den Käufern gemeinsam mit unseren Händlern noch stärker die Möglichkeit geben, das Thema E-Bike selbst zu erleben und auszuprobieren. Denn wir sagen immer: Einmal probiert, für immer infiziert.

Judith Lell-Wagener: E-MTB ist ja durchaus auch ein umstrittenes Thema, gerade in Hinblick auf Natur- und Sozialverträglichkeit. Ist das ein Aspekt, mit dem du dich als Hersteller beschäftigst?

Johanna Urkauf: Ich persönlich finde, das E-MTB gibt vielen Leuten die Möglichkeit, sich wieder mehr zu bewegen, die Natur gemeinsam mit Freunden zu erleben. Insofern bewerte ich es als etwas Positives. Die gegenseitige Wertschätzung für die anderen Menschen und auch für die Natur ist uns wichtig. Das ist für mich jetzt aber kein E-MTB-spezifisches Thema, sondern tritt auf alle Gruppen zu, die sich in der Natur bewegen.

Judith Lell-Wagener: Du bist noch recht jung – und zudem eine Frau: Spürst du Vorbehalte dir und deiner Rolle gegenüber?

Johanna Urkauf: Bezogen auf das Thema „Frau“ nicht so stark. Da hat sicherlich meine Mutter sehr geholfen. Das ist für mich eher etwas Natürliches, weil ich sie ja tagtäglich in ihrer Rolle sehe. Ich bin jung, das stimmt. Ich glaube, Erfahrung ist eben etwas, das Zeit benötigt. Wir haben Mitarbeiter, welche schon zehn, 20, 30 Jahre bei uns sind. Die haben so viel Erfahrung, da kann ich nicht auf einmal mehr wissen. Da bin ich einfach diejenige, die zuhört und lernt.

Judith Lell-Wagener: Meinst du, dass ein weiblich geführtes Fahrrad-Unternehmen weibliche Zielgruppen besser ansprechen kann als Mitbewerber?

Johanna Urkauf: Dass von der Geschäftsführung die Produkte selbst getestet werden und sie diese direkt als Frau und Radfahrerin erlebt, birgt sicher ein großes Potenzial. Frauen fürs Radfahren zu begeistern ist für mich ein Thema, das über die reinen Absatzgedanken hinausgeht. Interessant wäre es, einmal wirklich herauszufinden, warum es immer noch so viel weniger mountainbikende Frauen als Männer gibt.

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