Biken in der Provence -Terres Noires

Text Hannah Röther Bild David Schultheiss
Geschichten

Provence Roadtrippin

„Lasst den Finger einfach blind auf die Karte fallen. Ihr könnt sicher sein, dass es dort genügend Trails für tagelange Touren gibt.“ Mit diesen Worten überreicht uns unser Kumpel Matze einen Stapel ausgefranster Landkarten der Provence. Ein Versprechen, wie gemacht für das, was wir wollen: Reisen ohne Ziel, uns treiben lassen, umherstreifen und natürlich shredden, was das Zeug hält. Uns verlieren, um zu das zu finden, wonach wir immer auf der Suche sind – das Kribbeln im Bauch nach einem Tag voll fantastischer Trails.

Vorbereitungen: Trails suchen und Nahrung kaufen.

Dass die Provence beste Bedingungen zum Biken bietet, ist kein Geheimnis. Die Region im Südosten Frankreichs, die sich von der Rhone bis nach Italien, von den Seealpen bis zur Mittelmeerküste erstreckt, ist einmal im Jahr Schauplatz für die legendäre Trans-Provence. Bei dem mehrtägigen Enduro-Etappenrennen messen sich nicht nur die schnellsten Fahrer der Welt, sondern auch all jene Abenteurer, die es irgendwie geschafft haben, an einen der heiß begehrten Startplätze zu kommen. Hauptsache, dabei sein! Den nicht nur zuletzt wegen der atemberaubenden Bilder, mit denen uns die Fotografen jedes Jahr versorgen, steht das Bestreiten der Trans-Provence für viele an erster Stelle auf der To-do-Liste eines Mountainbiker-Lebens.
Auf Weltklasse-Abfahrten zu treffen – das war von uns daher fest eingeplant. Dennoch waren wir in erster Linie auf der Suche nach genau dem Gegenteil eines eng durchgetakteten Rennens, bei dem jeder Zentimeter bereits im Voraus geplant ist. Was wir wollten, war das ungeplante Treiben, das Sich-Verlieren. Wie sehr uns die Provence mit ihrer geradezu filmreifen Roadtrip-Kulisse dabei in ihren Bann ziehen sollte, hätten wir uns vor Antritt unserer Reise allerdings nie träumen lassen …

Jede Reise beginnt mit einem ersten kleinen Schritt

Freiburg, neun Grad, ein regnerischer Aprilabend – wir treffen die letzten Reisevorbereitungen. Unsere Bikes sind im VW-Bus verstaut, die Freunde abgeholt und das Navi gen Süden gerichtet. Mit von der Partie sind Basti, Sanne, Matze und David, Letzterer, um alles zu dokumentieren und mit Kamera und Objektiven bis an die Zähne bewaffnet. Es geht auf die Autobahn: Schweiz, Frankreich, Route Nationale, noch kleinere Straßen, Kreisverkehr hinter Kreisverkehr, immer mehr Sterne, die am pechschwarzen Nachthimmel auftauchen. Nach einer gefühlt endlosen Fahrt spuckt uns die Nacht schließlich mitten im Nirgendwo aus, dessen ganze Großartigkeit uns erst bewusst wird, als die ersten Sonnenstrahlen den winzigen Campingplatz erhellen. In der noch frischen Frühlingsmorgenluft zeichnen sich am Horizont zackige schneebedeckte Gipfel ab, während um uns herum dichter mediterraner Urwald an steilen Felswänden wuchert. BÄM – wir haben auf Anhieb einen Volltreffer gelandet!

Die Gegend um Digne-Les-Bains ist der erste Stop unseres Trips. Während der Rest von uns ausschläft, hat Sanne bereits die nächste Boulangerie geplündert und bringt eine üppige Ausbeute an Baguettes und Pain au Chocolats mit zum Kaffee. Als besonders ergiebig erweist sich außerdem ihr Besuch im örtlichen Office de Tourisme. Wer in unseren Breitengraden in einer Touri-Info schon einmal nach Bike-Möglichkeiten gefragt hat, kennt die üblichen Genuss-Forstweg- Kaffeefahrten, die die nett lächelnden Damen in der Regel empfehlen. Nicht so in der Radsport-Nation Frankreich! Eine vielversprechend aussehende Landkarte mit Linien, die in verschiedenen Farben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade bedeuten, bietet uns beim Frühstück genügend Diskussionsstoff für die Tagesplanung.

Der schwarze Sand ist unbeschreiblich, ebenso wie das Fahrgefühl auf ihm.

Während die Sonne langsam höher wandert, brechen wir auf. Erst geht es über einsame Landstraßen, schließlich über Forstwege, auf denen hart malochende Waldarbeiter mit sonnengegerbten Gesichtern, schweren Geräten und ohne Schutzkleidung uns freundlich grüßen. Nach wenigen Kilometern startet bereits die erste ausgewiesene „piste cyclable“ – weder Forststraße noch Wanderweg, sondern TRAIL und das mitten durch die südfranzösische Provinz. Unzählige Kurven und ein paar Flussdurchquerungen später spuckt uns der Weg schließlich auf einem Bergkamm aus. Vor uns eröffnet sich das, wovon ich bisher nur zu träumen wagte: die Terres Noires – „Schwarze Erden“ so der mythisch anmutende Name für die schwarz schimmernden Hügel, die ohne jeden Bewuchs den wunderbarsten aller Spielgründe für Zweiräder bieten. „Wir haben so ein verdammtes Glück, dass dieses Fleckchen Erde in Frankreich liegt, in Deutschland wäre es längst eingezäunt und das Betreten stünde unter Todesstrafe“, bringt es Basti auf den Punkt. Hier aber führt die offizielle Bikestrecke direkt über den knirschenden und Grip ohne Ende liefernden schwarzen Schiefer, auf dem tausend Varianten zum Spielen einladen. Die beste Line? Gibt es nicht, deiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Mehr als das was uns dieser Landstrich gibt brauchen wir einfach nicht.

Die Sonne nähert sich immer mehr dem Horizont und taucht alles in ein goldenes, unwirkliches Licht, in dem wir jedes Zeitgefühl verlieren. Uns auch wir verlieren uns in den verwinkelten Hügeln und kehren erst bei Dunkelheit zu unseren Bussen zurück. Mitten in dieser Wildnis schlagen wir unser Lager auf, packen uns dick in unsere Westen und Schlafsäcke ein und verschmelzen mit der frischen Nacht um uns herum. Flow-trunken von den Eindrücken des Tages überbieten wir uns mit unseren persönlichen Heldengeschichten, in denen jeder – na klar! – noch krasser driftet, noch höher abzieht, als der Nächste.

Weiter geht‘s. Unsere Reise führt uns vorbei an bunten Märkten mit lauthals schreienden Händlern, die zum Probieren einladen, durch verschlafene Bergdörfer, an einen Ort, der ausgerechnet am Ostersonntag ein internationales Motocross-Endurorennen ausrichtet und Hunderte knatternde MX-Maschinen unter den läutenden Kirchenglocken empfängt, über Singletrails, die auf den Tourismus-Karten als „famililale“ gekennzeichnet sind, uns aber zum Absteigen zwingen. Vorbei an einem beinahe ausgetrockneten Stausee, in dessen Restwasser, zu dem wir durch knöcheltiefen Schlamm hinwaten mussten, wir ein eiskaltes Morgenbad nehmen, durch Schluchten und Canyons, so einsam und vergessen, dass wir bald nicht mehr glauben, uns immer noch auf europäischem Boden zu befinden. Immer mehr zieht uns die Landschaft in ihren Sog, wir lassen uns über Saint-André nach Guillaumes treiben und schließlich weiter Richtung Küste.

„1001 Sentiers“ – tausendundein Weg auf Abertausenden Höhenmetern

Nur einen sicheren Hafen hatten wir im Voraus auf unserer Odyssee eingeplant. Für den letzten Tag hatten wir einen Shuttle inklusive Guiding bei Greg Germain und seiner Firma „1001 sentiers“ gebucht. 1001 sentiers bedeutet 1001 Pfade, ein Name, der der Realität mehr als gerecht wird. Im gesamten Departement Alpes-Maritimes bietet Greg nicht nur Tagestouren, Mehrtages-Pakete und individuelle Touren an, sondert organisiert hier auch die lokale Enduro Rennserie „Urge 1001 Enduro Tour“. „Zeig uns einfach einen Tag lang die geilsten Ecken der Südprovence“, lautete unser Auftrag für unseren Tag unter seinen Fittichen. Gar nicht so leicht, wenn sich die Hometrails über ein so großes Gebiet erstrecken, und dabei von fast 2.000 Metern Höhe quasi bis zu den Stränden des Mittelmeeres führen. „Wir leben einfach in der besten Bikeregion der Welt“, fasst es Greg zusammen, „im Winter, wenn oben Schnee liegt, biken wir von 1.000 Metern Höhe bis zum Meer. Wenn es im Sommer zu heiß ist, starten wir ganz oben und fahren bis auf 1.000 Meter ab”. Den ganzen Tag verbringen wir auf teilweise gebauten, teilweise natürlichen Singletrails rund um l’Escarène und Sospel, fahren für einen Espresso nach Italien ab und fragen uns, warum zur Hölle sich wenige Kilometer weiter in Finale Ligure eigentlich alle die Füße platt treten. Die Möglichkeiten hier sind unbegrenzt und unser Shuttletag mit Greg offenbarte nur einen Bruchteil dessen, was hier noch wartet.

Der Tag nimmt erst ein jähes Ende, als sich Malte verletzt – ausgerechnet das wohl einzige Matschloch im Umkreis von 100 Kilometern bringt ihn zur Strecke und ich ihn anschließend mit gebrochenem Schlüsselbein ins Krankenaus. Den letzten Abend hatten wir uns anders ausgemalt. Erst am späten Abend kehren wir zu unserem Lager zurück, Malte leicht traumatisiert von den eher rustikalen Verhältnissen im französischen Krankenhaus. Ein letztes Mal sitzen wir in gemütlicher Runde zusammen. Immerhin erinnert Malte mit seinem seligen Schmerzmittel-Grinsen ein wenig an einen Hippie auf psychedelischen Pilzen – ein Bild, das unser Landstreicher-Feeling zum Abschluss noch perfekter macht. Die Narben sind mittlerweile verheilt, was bleibt, ist die Erinnerung daran, ohne Gefühl für Raum und Zeit durch eine malerische Region zu streifen. Wir kommen wieder, um erneut den Finger blind auf eine Karte der Provence fallen zu lassen ...

Informationen

1001 Sentiers

1001 Sentiers ist nicht nur eine Guiding- und Shuttle-Agentur, sondern auch ein „state of mind“: Greg Germain liebt seine südfranzösische Heimat und wird alles dafür tun, dass ihr es auch tut. Dafür bietet er maßgeschneiderte Tourenpakete an. Außerdem spricht er fließend Englisch. Wer in die Provence reist, sollte unbedingt einen Tag bei ihm einplanen.
1001Sentiers>>

1001 Urge Enduro Tour

Greg von 1001 Sentiers organisiert die 1001 Enduro Tour: Sieben eintägige Enduro-Rennen auf den schönsten Trails der Provence, verteilt über eine Saison. Für die noch ausstehenden Termine im September und Oktober sind sogar noch wenige Plätze zu haben. Infos auf: 1001Sentiers>>

Kartenmaterial

Bestens für Mountainbiketouren eignen sich die „cartes de randonne“ des französischen „Institut Géographique National“ (IGN). Die blauen Karten mit dem Maßstab 1:25.000 gibt es auch in Deutschland beim Kartenfachhändler. Während die IGN Karten noch nichts über die Schwierigkeit der Wanderrouten aussagen, helfen die Offices de Tourisme in Frankreich weiter. Sie können die Wünsche der Biker oft relativ realistisch einschätzen und gute Tipps geben. An einigen Orten gibt es auch gut ausgeschilderte Mountainbike-Wegenetze, zum Beispiel in Digne-les-Bains.

Trans Provence Etappen

GPS-Material oder Karten zu den Transprovence Etappen gibt es so gut wie keine. Viele Abschnitte des Rennens werden ohnehin extra für das Event hergerichtet und sind nicht ganzjährig befahrbar. Wer die Etappen dennoch einmal ohne Rennstress abfahren möchte, kann auf Trans-provence>> entsprechende geguidete Touren buchen. Außerdem gilt: Die Etappennamen vergangener Trans-Provences (zum Beispiel Embrun – Barcelonnette) geben immer gute Hinweise darauf, wo sich ein Stopp lohnt.

Anreise

Für alle, die sich die lange Anreise mit dem Auto sparen wollen: Der Airport in Nizza wird von den Fluglinien Airberlin, Germanwings und Easyjet angeflogen.

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