Im Härtetest: Sram GX Eagle AXS

Jan Timmermann
Anbauteile

Wie gut ist die Funk-Schaltung auf GX-Niveau wirklich?

Text Jan Timmermann Bild Andreas Meyer / Fabian Jaugstetter

Alpencross im Zelt: Sieben Tage, 340km, 12.000hm, Hitze, Kälte, Regen, Staub, heftige Trails, kein Zugang zu Stromquellen. Wir wollten herausfinden, wie sich Srams neustes Kind im AXS-Lineup unter extremen Bedingungen schlägt und nahmen das GX Eagle AXS Upgrade-Kit mit auf eine Alpenüberquerung ohne Gnade für elektronische Bauteile.

 

 

Der Roboter und ich

Gerade unter extremen Bedingungen, wie im Renneinsatz und auf anspruchsvollen Mehrtagestouren, muss ein Mountainbike-Antrieb vor allem eines sein: zuverlässig. Jahrelang vertrauten Biker dafür auf mechanische Schaltungen. Gerissene Schaltzüge lassen sich austauschen, moderne Mechanik funktioniert auch unter rauen Umweltbedingungen und verrichtet ihre Arbeit auch dann, wenn einen das Abenteuer über meilenweit von der nächsten Steckdose entfernte Trails führt. Warum also ein Mountainbike mit einem Roboter bestücken, der die Gänge nur wechselt, wenn er mit elektrischer Energie versorgt wird und bei dem keine greifbare Verbindung zum Lenker besteht?

Etwas skeptisch bin ich deshalb schon, als ich den Schaltzug aus meinem Rahmen zupfe und das groß wirkende GX Eagle AXS Schaltwerk ans Ausfallende schraube. Ich werde das sogenannte „Upgrade-Kit“ testen, sprich lediglich die mechanischen Komponenten Schaltwerk und -hebel meines Sram Eagle Antriebs durch die neuen Funk-Modelle ersetzen. Praktisch, denn so können Kassette, Kette und Kurbel am Bike verbleiben. Die Montage der AXS-Teile ist denkbar simpel. Kein Drahtseil, das mit Zahnarzt-Werkzeug und akrobatischen Fingertricks durch den Rahmen verlegt werden muss, kein aufwändiges Ablängen, keine Sorge um klappernde oder gequetschte Züge. Anschrauben und fertig.

Auch die Einstellung geht leicht von der Hand. Das Pairing von Schaltwerk und Controller gelingt mit wenigen Tastendrücken und der richtige Abstand der oberen Umlenkrolle von der Kassette ist dank beiliegender Schablone leicht gefunden Die Anschlagsbegrenzungen können wie gewohnt eingestellt werden. Noch springt die Kette unsauber von Ritzel zu Ritzel, doch eine Schraube zur Einstellung der Zugspannung fehlt natürlich. Dafür findet sich am Controller ein kleiner Knopf. Drückt man diesen gleichzeitig mit einem der Wippen zum hoch-, bzw. runterschalten, so verschiebt sich das Schaltwerk um 0,2mm in die entsprechende Richtung. Schaltung einstellen via Knopfdruck – so einfach war es noch nie! Theoretisch könnte ich meinen AXS-Antrieb jetzt noch mithilfe der AXS-App personalisieren und z.B. den Controller-Wippen eine umgekehrte Funktion zuweisen, doch ich belasse es vorerst dabei. Schließlich muss ich noch für die Transalp packen!

 

 

Preisbewusstes Arbeitstier unter Folterstrafe

Elektrische Funkschaltungen sind nichts Neues. Sram hat mit der XX1 AXS und der X01 AXS bereits länger zwölffach-Schaltungen im Programm, welche via Funk angesteuert werden. Die GX Eagle AXS hat Sram als preisgünstigere Alternative zu den Edelschaltgruppen konzipiert und sieht sie als treuen Begleiter für den täglichen Einsatz. Die GX AXS teilt sich die Technologie mit ihren höherpreisigen Schwestern und das Schaltwerk wiegt gerade mal 80g mehr, während die Controller gleich viel auf die Waage bringen. Mit 620,- EUR UVP für das Upgrade-Kit ist der Einstieg in den AXS-Kosmos wahrlich kein Schnäppchen, doch der Preisvorteil von 410,- EUR UVP zu den teureren Funk-Schaltungen von Sram ist beachtlich.

Da schraube ich nun also ein Premiumprodukt für viele hundert Euro an mein Bike, um es dann bei Durchquerungen von Bergflüssen, Steinkontakten auf dem Trail, Schweißduschen im Anstieg und bei gnadenloser Dauernutzung zu foltern. Da wir auf der geplanten Tour nicht im bequemen Hüttenbett, sondern wahlweise mitten im Nirgendwo im Zelt oder im Biwak übernachten werden, ist Srams Arbeitstier wortwörtlich 24/7 draußen und fernab des angenehm temperierten Radkellers. Ob das wohl unter Tierquälerei fällt?

Das Ansteuern einer Lademöglichkeit ist nicht geplant. Die von Sram angegebene Mindestlaufzeit mit einer Akkuladung von 20 bis 40 Betriebsstunden erscheint mir angesichts unseres Vorhabens lächerlich. Schließlich sind wir auf diesen Touren von Sonnenaufgang bis -untergang unterwegs. Nach zwei vollen Biketagen könnte mir also schon der Saft ausgehen und ich würde mit einem Singlespeed-Bike am Berg stehen!?!! Vorsichtshalber packe ich einen Ersatzakku ein. Der ist erfreulich klein und leicht, kostet jedoch auch stolze 55,- EUR UVP.

 

 

Der Praxistest

Pfiff des Murmeltiers oder Schrei des Adlers?

„Schaut mal: wenn ich aufs Schaltwerk schlage, weicht es nach innen und schützt sich selbst!“ führe ich meinen Transalp-Kollegen auf dem Busparkplatz in Zürich begeistert Srams „Overload Clutch“ Technologie vor. „Lass mal lieber. Du hast kein Ersatzschaltauge dabei, oder?“ entgegnen die wenig beeindruckt. Habe ich tatsächlich nicht und auch so will ich mich keinenfalls dem Spott der mechanisch schaltenden Kumpels aussetzen. Also erstmal geschmeidig treten und die Klappe halten.

In der Ebene rolle ich mit dem 34er Kettenblatt und der Kassette mit 10-50 Zähnen gut mit. Die Schaltvorgänge gehen zackig von der Hand, wie von Srams Eagle Schaltungen gewohnt. Ungewohnt hingegen ist die Bedienung der Wippe am Controller. Ein leichter Druck auf eines der Enden und schon ändert sich die Übersetzung ohne das gewohnte Feedback am Daumen. Das ist faszinierend und gewöhnungsbedürftig zugleich. Der mechanische Widerstand des Zugs und das befriedigende kurze Knacken des Schaltwerks fehlen. Stattdessen nur ein leises elektrisches Fiepen, das irgendwo zwischen dem Zwitschern eines Spatzen und der Warnung eines Murmeltieres rangiert. Das kann höher am Berg schon mal die Mitfahrer verwirren: „Sag mal, bist du ständig am schalten oder pfeifen hier tatsächlich die Murmeltiere im Kanon?“

 

 

Eine harte Arbeitswoche für den Roboter

Es dauert gute zwei Tage, bis ich mich so weit ans elektrische Schalten gewöhnt habe, dass ich nicht bei jedem Daumendruck fasziniert zum Schaltwerk runterschaue. Präzise und schnell – das ist mein erster Eindruck der GX AXS Schaltung. An den steilen Rampen komme ich ganz schön ins Schwitzen. Im Nachhinein hätte ich mich wohl doch für ein kleineres Kettenblatt oder die 10-52er Kassette entscheiden sollen. Beides war jedoch auf die Schnelle nicht lieferbar und so drücke ich mich mit dem Wunsch nach ein bis zwei kleineren Gängen die Alpenhänge hoch.

Anfang September ist es trocken und heiß in den Schweizer Alpen. Mit Sonne mehr als satt, Temperaturen über 35 Grad und staubigen Trails müssen Mensch und Maschine klarkommen. Dann der Wetterumschwung: heftiges Gewitter und Starkregen. IP69K heißt die Prüfnorm, nach der die GX AXS staub- und wasserdicht sein soll. Hans heißt der Milchbauer, in dessen Viehstall wir uns gerade unterstellen. Ob die klugen Menschen in den Testlaboren wohl wussten, was ich mit ihrer Technik vorhabe? Ich hätte die Sram-Schaltung auch einfach in den nächsten Badeweiher schmeißen können… der Test-Effekt wäre wohl derselbe gewesen. Nun wird sie mit Matsch und Kuhdung beschossen. Feiner nasser Sand schmirgelt alle Komponenten durch und die Temperatur ist auf ungemütlich-feuchte fünf Grad gefallen. Unbeeindruckt fiept am Schaltauge der GX-Roboter.

 

 

Das Power-Sensibelchen

Aus Prinzip haben wir den Transalp-Track, wie jedes Jahr, über die besten Trails entlang der Route gelegt und scheppern deshalb täglich durch dichte Wurzelfelder und über alpine Steinformationen. Dabei hält das Schaltwerk die Kette zuverlässig auf Spannung und verhindert Kettenschlagen effektiv. Obwohl es den ein oder anderen Steinkontakt einstecken muss, zeigt das Schaltwerk bis auf einige Kratzer keine Blessuren. Die schnelle Reaktion des Controllers führt währenddessen zu einem bislang unbekannten Phänomen: ab und an gelangt der Daumen in ruppigen Abfahrten an die sensible Wippe und wechselt ungewollt die Gänge. Kein Beinbruch, doch Gewöhnungssache.

Am dritten Tag wächst bei mir die Aufregung. Wann wird dem kleinen Akku wohl der Saft ausgehen? Hatte sich das letzte Fiepen nicht etwas schwächer, ja müder angehört? Meine Sorge erweist sich als unbegründet. Auch nach dem vierten Tag zeigt sich noch kein Energieversagen. Überprüfen kann ich den Ladestand unterwegs nicht – es gibt keine LED-Anzeige oder ähnliches. Erst am sechsten und damit vorletzten Tag drücke ich auf den Controller und das Schaltwerk bleibt still.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit einer Akkuladung bereits 288,9 km und 10.882hm unterwegs. Die reine Bewegungszeit liegt mit netto 27h 14min ziemlich mittig im von Sram angegebenen Fenster. Klar – an so manchem langen Anstieg war die Schaltung im Prinzip arbeitslos, da wir uns stundenlang im kleinsten Gang den Berg hochmühten. Dennoch bin ich mit der Laufzeit zufrieden, als ich den zweiten Akku einklipse. Der Wechsel ist in fünf Sekunden geschehen und auch den letzten Tag mit Ziel Lago Maggiore übersteht die GX AXS mit frischem Energiespeicher dann ohne Probleme.

 

 

Fazit

Das Schalten via Funk fasziniert. Wer einmal eine AXS-Schaltung montiert hat, will sich in der Werkstatt nie wieder mit Zügen herumschlagen. Das direkte Ansprechverhalten und die zackig-präzisen Schaltvorgänge sind allererste Antriebs-Liga. An den sensiblen Controller und die digitale Haptik muss man sich zunächst gewöhnen. Dann aber macht das widerstandslose Gänge wechseln richtig Spaß. Ob einem der saftige Aufpreis gegenüber dem ebenfalls sehr gut funktionierenden mechanischen Modell wert ist, muss jeder Biker selbst entscheiden. In unserem Härtetest konnten wir der Sram GX Eagle AXS keine Schwächen entlocken. Dank ausdauerndem Akku können wir der kabellosen GX auch eine bedenkenlose Eignung für Mehrtagestouren bescheinigen.

 

 
 
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