Marin Bikes – Zu Besuch in Marin County

Text Christian Ettl Bild Andreas Meyer
Firmenportrait

Wo Hippies Bergräder bauten

Mann, was haben wir uns immer danach gesehnt, mal dorthin zu kommen. Dahin, wo alles anfing. Wo die ersten Radsportler von der Straße runter wollten, hinein in die Wälder, Berg hoch, Berg runter. Es hat fast etwas Surreales, dass wir jetzt an die Orte dürfen, an denen die Urväter der Szene das Mountainbike erfanden. Das wir einige Ikonen der Bike-Geschichte persönlich kennenlernen würden, das ahnten wir noch nicht, als wir im Flugzeug saßen. Entstanden ist die Idee mit Joern und Julia von Marin, sie haben uns vorgeschwärmt, dass man einfach mal da gewesen sein muss, da, wo alles begann. Jedes Detail in den Erzählungen ließ den Wunsch zu diesem Trip wachsen. Also haben wir uns mit ihnen vor Ort verabredet.

Aus der Ausgabe 04.16

Gesagt, getan – wir wollen da hin!

Der Flug über Amsterdam nach San Francisco ist nicht anders als jeder andere Überseeflug. Erste Handlung: Leihwagen mieten. Die Kompaktklasse entpuppt sich als Geländewagen mit mehr PS, als unsere Autos in Deutschland zusammen haben, und locker dem doppelten Hubraum. Mit dem Umweltgedanken darf da keiner kommen und ich beruhige mich damit, dass es ja praktisch beruflich notwendig ist. Ab durch San Francisco, vorbei an Cablecars und Restaurants, die riesige rote Krabben anpreisen, immer Richtung Golden Gate Bridge. Diese überqueren wir passenderweise in „golden sunshine“ und machen auf der anderen Seite direkt halt für ein paar Fotos. Von hier geht es eine gute halbe Stunde weiter nach Novato ins Headquarter von Marin. Wir fahren einmal an dem Gebäude vorbei, bevor wir an einem Pick-up einen großen Marin Schriftzug entdecken. Die Hausfassade gibt keinen Aufschluss über den Nutzer. Diese Zurückhaltung ist begründet, wie wir erfahren. „Wir hatten in der Vergangenheit schon unser Logo am Gebäude, groß und gut sichtbar, aber das hat dazu geführt, dass wir ständig Leute im Büro stehen hatten, die aus der Region kamen und bei uns ein Fahrrad kaufen wollten“, erklärt Tom. Der ist seit 27 Jahren für Marin tätig, kennt die Firma seit den ersten Tagen und führt uns mit CEO Matt durch das Gebäude. Das hatte übrigens eine bewegte Geschichte, hier war das Studio von The Grateful Dead. Diese Rocklegenden spielten unter anderem beim Woodstock Festival oder vor den Pyramiden von Gizeh. Man kann nur erahnen, was für Partys hier gefeiert wurden. Neben den Lagerflächen – es gibt auch noch ein weiteres Versandlager an der Ostküste – befinden sich hier die Büros des Vertriebs, des Marketings, der Produktentwicklung und auch die der Geschäftsführung. Knapp 30 Personen sind in den einzelnen Bereichen tätig. Der rebellische Geist vergangener Tage lebt hier noch immer. Man spürt ihn im Gespräch mit den Mitarbeitern und er spiegelt sich in der Gestaltung der Räume wider. Zwischen Buddhabildern und Spendenaufrufen für gemeinnützige Organisationen hängt auch noch eine Gitarre der Grateful Dead Crew.

Das Gasthaus in Fairfax - hier kann man mit seinem Bike gut abhängen.

Leben wie ein Rockstar, vom Studio in die Kneipe

Tom möchte uns aber lieber mit nach Fairfax nehmen, als uns weiter herumzuführen. Wir sollen die Orte sehen, wo der Zündfunke für das Mountainbiking, wie wir es heute kennen, aufloderte. Also setzen wir uns wieder ins Auto und fahren eine knappe halbe Stunde zurück Richtung Bay und dann hinein in die Berge. Unser erster Stopp ist das „Gestalthaus“. Das war ursprünglich ein Buchladen und wurde später zu einem vegetarischen Restaurant. In der alternativen Gemeinschaft, die in Fairfax und Umgebung Hochkonjunktur hatte, kam der Laden so gut an, dass die Betreiber sogar selbst Tofu herstellten, weil er nicht immer in ausreichender Menge verfügbar war. Für die gesundheitsbewussten Radfahrer wurde das Lokal schnell zum Szenetreff und, damals wie heute, sind hier an guten Abenden 150 Leute, die relaxen, feiern, ja, oft auch auf den Tischen tanzen. Hier darf man sein Rad mit reinbringen, es gibt Extraplätze, an denen man das Bike aufhängen kann. Im Laden hängen Fotos aus vielen Jahren Bikekultur, die Wände des Platzes davor sind ein Kunstwerk, eine Hommage an die Szene und ihre Gründer. Bei deutschem Bier erzählt Tom von den ersten Jahren bei Marin. Wie Bob Buckley, der Gründer, im Auto herumfuhr, um die Räder zu verkaufen, die er in Kleinstzahlen von Joe Murray bauen ließ. Die Firma wuchs zum seriösen Unternehmen und irgendwann trieben Leute wie Kelly Burr und Jon White die Entwicklung voran. Tom sagt, er werde nie vergessen, wie die ersten Jahre waren: „Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft, Mountainbiken griff wie ein Virus um sich und Bob hat uns alle jedes Jahr in den Urlaub eingeladen, oder wir sind alle gemeinsam zum Surfen gegangen.“ Heute sind Facebook und Twitter in San Francisco angesiedelt, so wie zahlreiche andere High Tech-Unternehmen, also reihen sich die Pendler in den täglichen Stau ein. Früher lebten hier Janis Joplin und Bill Graham, irgendwie waren alle Hippies. „Wir sind mit gezogener Hinterradbremse über den Golfplatz gerutscht und die Jungs von Grateful Dead haben uns alle mit dem Lkw auf den Mount Tam gekarrt, um Repack Rennen zu fahren.“ Das dient als Stichwort für den Aufbruch.

"Heute sind Facebook und Twitter in San Francisco angesiedelt, früher lebten hier Janis Joplin und Bill Graham."

Wir sollen die Trails sehen, auf denen langhaarige, bärtige Locals in Jeans und Bergschuhen alte Cruiser umbauten, um mit ihnen im Gelände fahren zu können. Trial and Error war das gängige Verfahren, um sein Bike zu perfektionieren. Übrigens kommt hier auch der Name Repack her: Das Fett in den Trommelbremsnaben wurde auf den Abfahrten so heiß, das es erneuert werden musste, also „repacked“. Wir kurven durch die Gegend, holen hier und da unsere Bikes raus. Tom ist ein toller Guide und Julia, Joern, Andi und ich können gar nicht alle Details behalten, die er uns darlegt. Sein eigenes Grundstück besitzt sogar ein paar private Trails. Sie schlängeln sich den Hang hoch und runter, stets umrahmt von den riesigen Zedern. Hinunter an einen idyllischen Bachlauf, zurück zum Ausgangspunkt. Unterwegs bleiben wir noch an einer Seilschaukel hängen. Manchmal sind es die einfachsten Dinge, die den größten Spaß machen.

Julia Hoffmann hat Spaß auf Toms privatem Trail.

Auftanken, körperlich und geistig

Zurück in Fairfax, spazieren wir zu Toms liebstem Burgerladen. Auch hier gibt es wieder vegetarische Varianten, aber alle entschließen sich für Rindfleisch. Die Burger sind eine Wucht, das amerikanische Light Beer dagegen ist weniger nach unserem Geschmack. So bleiben wir nicht allzu lange sitzen, sondern schlendern noch ein wenig herum, was sich als echter Glücksfall erweist. Wenige Meter vom Grill-el-Dorado entfernt ist die Eröffnung eines Fahrrad-Museums, inklusive Bike Hall of Fame, geplant. Und es brennt Licht. Tom meint, wir sollten da hin, Joe arbeite wohl noch. Auf meine Nachfrage: „Welcher Joe?“ sieht er mich ungläubig an: „Joe Breeze natürlich.“ Etwas sprachlos und zugegebenermaßen ziemlich aufgeregt steuern wir auf das Gebäude zu. Joe ist mit Holzarbeiten beschäftigt, nimmt sich aber gerne die Zeit, uns herumzuführen. Er verliert sich in seinem Wissen über Fahrräder im Allgemeinen und MTBs im Besonderen. Seine Augen leuchten, er gestikuliert immer wilder. Ob ein frühes Rad von 1868 oder die Highlights der Marin Geschichte – Joe hat unglaublich viele Schätzchen in seiner Sammlung. Auch exklusive Stücke, mit denen große Siege errungen wurden. Er gibt uns den Tipp mit auf den Weg, wir sollten mit Gravy sprechen. Joe selbst sei immer so beschäftigt gewesen, er habe zu oft im Büro gesessen. Gravy aber habe alles mitbekommen, er sei bei jedem wichtigen Rennen vor Ort gewesen.

Joe Breeze kennt die Räder über die er spricht, einige hat er mit entwickelt, andere gute Freunde von ihm.

Ein Museum, unserem Sport gewidmet.

Bikegeschichte zum Anfassen.

Legende Nummer Zwei

Steve „Gravy“ Gravenites treffen wir am nächsten Tag. Er sitzt in einem Zelt am Laguna Raceway und zentriert Laufräder. Unter dem Label Gravy Wheels baut er eigene Laufräder und versorgt damit seit Jahrzehnten viele der erfolgreichsten Radsportler Amerikas. Die Empfehlung des Vorabends ist schnell erklärt, Gravys Vater, übrigens in der Music Hall Of Fame verewigt, ist Joes Nachbar gewesen. Gravy hat sich in den 1970ern an die Gruppe um Gary Fischer, Charles Kelly und Joe Breeze gehängt. Sie nahmen ihn mit auf die Shuttle-Touren, zum Beispiel am Mount Tam. Irgendwann begannen sie aber auch hochzufahren, und er war mit seinem alten ca. 50 Pfund. schwerem Rad hoffnungslos verloren. Sein Vater traf eine Übereinkunft mit Joe, und so wog das nächste Bike nur noch 27 Pfund. Gravy meint, ohne das Radfahren wäre er auf die schiefe Bahn geraten. Zu dieser Zeit ging es in Kalifornien rund, an allen Ecken wurde Bewusstseinserweiterung durch diverse Drogen gepredigt. Die Clique, zu der irgendwann auch Tom Ritchey oder Charley Cunningham gehörten, hätte ihn davor bewahrt. Es folgen Exkurse über seine Karriere als Rennmechaniker für Ned Overend, Nicolas Vouilloz und viele andere. Wir erfahren von den ersten Procore-ähnlichen Vorläufern, die er mit Michelin an die Bikes gebastelt hat, dass Dave Turner mal für Marin Rennen fuhr. Eigentlich müssten wir anhand seiner Erzählungen eine eigene Story schreiben.

"Ohne das Radfahren wäre ich auf die schiefe Bahn geraten. Zu dieser Zeit ging es in Kalifornien rund, an Ellen Ecken wurde Bewusstseinserweiterung durch diverse Drogen gepredigt."
Steve "Gravy" Gravenites

Wir haben verstanden, was hier vor sich ging: Mountainbike nicht nur als Sport, sondern auch als Widerstand gegen Konventionen. Eine Verbrüderung mit der Natur, abseits der Straßen. Musikkultur, alternatives Denken und eine Portion Lust an der Bewegung. Kein Wettkampfgedanke, nur Spaß und sich selbst spüren. Für mich ist MTB noch immer genau das. Anscheinend für die Jungs von Marin auch, denn dass der Ceo Matt US Cyclocross-Meister war oder dass Eric Carter, EX US DH Meister, im Vertrieb für sie arbeitet, das hat man uns verschwiegen. Ergebnisse sind nicht alles, manchmal zählt die Erfahrung. Und wir haben eine echt nachhaltige Erfahrung gemacht, da sind Andi und ich uns einig. Danke für die Einladung.

Die Zedern findet man überall in Marin County.

Auf dem Vorplatz des Gestalthaus wird klar, wo alles begann.

Die Flyer zu den legendären Repack Rennen in Keramik an die Wand gefließt.

Informationen

Marin Bikes

1986 gegründet brachte man mit dem Madrone Trail ein zu der Zeit einzigartiges Bike auf den Markt. Ein Fahrrad für den Geländeeinsatz war weitestgehend unbekannt. Zwei Jahre nach der Gründung wurde die Branche abermals mit dem 1988er Team Titanium überrascht, das erste in Serie produzierte Titanium Mountainbike überhaupt. Zu dieser Zeit begann Marin, seine Modelle nach bekannten Spots & Trails im Marin County zu benennen: Pine Mountain, Indian Fire Trail, Muirwoods, Bolinas Ridge, Eldridge Grade oder Hidden Canyon. Marin ist ein absoluter Pionier im Segment der vollgefederten Mountainbikes. Das Marin Titanium FRS von 1993 besaß die ersten verbauten Manitou Federelemente und wog dabei nur bahnbrechende 12,5 Kilogramm. Im selben Jahr holte der Deutsche Jürgen Beneke den Weltmeister-Titel auf dem Titanium FRS – Fahrer und Bike sorgten maßgeblich für eine stark steigende Popularität des MTB-Sports in Deutschland. Zusammen mit dem Ausbau der Urban Bike Linien wurde Marin zu einem einflussreichen und wegweisenden Unternehmen in der Fahrradindustrie. Die 2016er Kollektion, mit speziellen Jubiläumsmodellen, feiert 30 Jahre Mountainbike-Geschichte.

www.marinbikes.com/de

Marin County

Marin County ist Teil der sogenannten San Francisco Bay Area, nahe der Stadt San Francisco im Norden Kaliforniens. In Marin County liegt die Geburtsstätte des Mountainbikes, ebenso wie die Skywalker Ranch, das Hauptquartier der Film- und Mediengesellschaft Lucasfilm Ltd. Ungefähr eine viertel Million Menschen leben in Marin County, das für die Städter der Metropolregion San Francisco traditionell ein Naherholungsgebiet darstellt. Die Gegend bietet seinen Besuchern ein abwechslungsreiches Programm, das von blühenden Wäldern mit Mammutbäumen und ausgedehnten Wanderwegen über wundervolle Küstenabschnitte und einmalige kulinarische Entdeckungstouren oder auch Museen und Freilufttheater reicht. Aber Marin hat auch eine reiche Musikvergangenheit: Grateful Dead, Journey, Jefferson Airplane und Starship, Steve Miller und viele andere trugen zur reichen Historie der Musikkultur in Marin bei. Die beste Reisezeit ist zwischen Mai und September, wobei ich empfehle, den August auszusparen. Das ist der große Ferienmonat in den USA. Dann sind Hotels und Strände, Sehenswürdigkeiten und Restaurants voll und deutlich teurer als im Rest des Jahres. Der nächstgelegene Flughafen ist San Francisco. Gute Flüge gibt es schon ab ca. 700 Euro für Hin- und Rückflug.

www.marincounty.org
www.visitcalifornia.com/de

Marin Museum of Bicycling and Mountain Bike Hall of Fame

Das Marin „Museum of Bicycling“ ist eine gemeinnützige Organisation, die die Wahrnehmung des Fahrrads in der Öffentlichkeit verbessern und das Verständnis für Fahrrad-Geschichte und Kultur fördern will. Die öffentliche Wertschätzung des Fahrrads als effizienteste Form des Verkehrs, die je ersonnen wurde, soll erweitert werden. Das Museum ist in Fairfax, Kalifornien, angesiedelt, offiziell als gemeinnützige Bildungseinrichtung anerkannt und von Freiwilligen, also ehrenamtlich, geschaffen und betrieben. Es ist auch die neue Heimat der „Mountain Bike Hall of Fame“, die in Crested Butte, Colorado im Jahr 1988 gegründet wurde. Die Sammlung enthält Exponate von den 1820er Jahren bis heute. Die Eröffnung des 3.000 Quadratmeter großen Komplexes, zu dem auch ein Kino gehört, fand am 6. Juni 2015 statt.

www.mmbhof.org

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