Monatsfrau – Antje Kramer

Text Judith Lell-Wagener Bild Archiv Antje Kramer
Monatsfrau

Sieben deutsche Meistertitel im Downhill und zahlreiche weitere Siege

Man kann sie zu Recht eine Ikone und Wegbereiterin für alle weiblichen Downhillerinnen nennen: Antje Kramer. Eineinhalb Jahrzehnte lang prägte sie die Gravity Rennszene mit ihrem Wagemut, ihrer Tapferkeit und ihren Leistungen, vor allem aber mit ihrer ebenso extrovertierten wie mitreißenden Persönlichkeit entscheidend. Sieben deutsche Meistertitel im Downhill, zahlreiche weitere Siege in diversen Serien plus ein Master-Europa Titel im Enduro schmücken die Vita der „Grande Dame“, die als Quereinstei­gerin ihre Liebe für den Bikesport erst mit Anfang 30 entdeckte. Gemeinsam mit uns blickt sie auf ihr Lebenswerk zurück und erzählt, wofür sie sich heute engagiert.

Aus der Gravity Spezial 2019

Monatsfrau - Antje Kramer

Bild Sebastian Hofer

Judith Lell-Wagener: Wenn du rückblickend ein Buch über deine Rennjahre schreiben würdest: Wie würde der Titel lauten? Und warum gerade so?

Antje Kramer: „Die Kramer – Downhill, ein großes Erlebnis“ ... Der Name „die Kramer“ ist ein Begriff in der Bike Szene. Ein Buch zu schreiben, wäre tatsächlich nicht abwägig. ich erzähle immer so viele Geschichten über meine Erlebnisse. Puh, und ich kann immer schlecht aufhören zu erzählen … (lacht)

Judith Lell-Wagener: Wie kam es, dass dich – vergleichsweise spät, dafür aber umso heftiger – das Rennfieber so stark erwischt hat und du dein Leben danach mit einer erstaunlichen Konsequenz umgekrempelt hast?

Antje Kramer: Ich war ein Jahr erst hobbymäßig mit dem Fahrrad unterwegs. Mein damaliger Freund hat sich sehr für den Mountainbike Rennsport interessiert und mir vorgeschlagen, auch mal bei Rennen teilzunehmen. Dass dann der Erfolg gleich so schnell kam, hat mich neugierig gemacht auf mehr. Für den Sport musste man sehr vielseitig trainieren – es wurde nie langweilig. Rennrad, Touren, Street, Downhill, 4Cross, Fitnessstudio (Kraft) … ich hatte einen eigenen Trainingsplan. Ich lernte am Bike zu schrauben und Defekte selbst zu reparieren. Ich war fasziniert von der Vielseitigkeit. Am Anfang war die Lernkurve sehr steil, später macht man nur kleine Fortschritte, aber ich habe mich immer über jede Kleinigkeit gefreut, die meine Radbeherrschung sicherer gemacht hat, und das Lernen reißt einfach nicht ab.

Judith Lell-Wagener: Was war für dich das Schönste am Rennfahren?

Antje Kramer: Das Tolle am Rennsport ist natürlich immer die Herausforderung, der Kick beim Rennen, der Adrenalinschub. Nicht zuletzt war toll für mich, dass ich, obwohl ich erst so spät damit angefangen habe, recht schnell Erfolge auch bei den Wettkämpfen hatte.

Judith Lell-Wagener: Gibt es ein Rennen oder Event, das in deiner Erinnerung ganz besonders herausragt? Wa­rum gerade dieses?

Antje Kramer: Ja, als ich meinen ersten Deutschen Meisterschaftstitel errungen habe, mein erstes Rennen nach drei Jahren, bei dem ich verletzungsfrei angekommen bin. Die Menschen an der Strecke und im Ziel haben sich sooo für mich gefreut, mein Trainingspartner hatte bei der Siegerehrung Tränen in den Augen … das werde ich nie vergessen, das war ein unglaubliches Gefühl der Freude.

Judith Lell-Wagener: Gab es vor dem Bike Sport schon etwas, für das du ähnlich „gebrannt“ hast?

Antje Kramer: Ich war schon immer sehr sportlich und habe viele Dinge ausprobiert. Dazu gehören unter anderem das Kanufahren, das Surfen, Ski- und Snowboard Fahren. Aber gepackt hat es mich erst beim Mountainbike Fahren so richtig.

Judith Lell-Wagener: Im Rennen hast du deine harte Seite, vor allem dir selbst gegenüber, zumeist mehr als deutlich gezeigt, und Downhill ist – zumindest in der Außenwirkung – ja eher ein rauer, lauter Sport, während es bei deinem Beruf als Krankenschwester oft gerade um die leisen, zarten Töne geht. Wie schwer war es für dich, diese beiden Gegenpole und Welten zu vereinen?

Antje Kramer: Für mich war es ein guter Ausgleich zu meinem Beruf. Stressabbau auf der einen Seite und auf der anderen Seite ging es da nur um mich, darum, meine Fähigkeiten auszubauen, meine Leistung zu steigern, gesund zu bleiben und meinen Körper besser kennenzulernen. Durch meine ganzen Verletzungen stand ich auch oft auf der anderen Seite (und zwar als Patient); es hilft einem ungemein, bei diesem ganzen Stress empathisch zu bleiben und die Bedürfnisse der Patienten nicht aus den Augen zu verlieren.

Judith Lell-Wagener: Wie sehr und inwiefern hat sich die Gravity Welt im Verlauf deiner Karriere verändert?

Antje Kramer: Sie ist viel größer geworden und die Sparte Enduro ist dazugekommen. Es gibt so viele Rennserien, dass man jedes Wochenende irgendwo Rennen fahren könnte … und es gibt viel mehr Frauen, die sich für den Sport begeistern.

Judith Lell-Wagener: Wie sehr und in welcher Hinsicht hat die Gravity Welt dich verändert?

Antje Kramer: Mein Leben in der Gravity Welt hat mich schon sehr stark geprägt. Ich habe mich am Anfang mit Feuereifer diesem Sport gewidmet und andere Sachen in meinem Leben zurückgestellt. Für Freunde außerhalb des Sports und Familie habe ich wenig Zeit gehabt. Manchmal frage ich mich, wie ich einen Vollzeitjob und sechsmal die Woche Training unter einen Hut bringen konnte. Inzwischen ist es bei mir etwas ruhiger geworden, und ich kann neben meinen diversen Aktivitäten in der Mountainbike Szene auch wieder mehr Dinge unternehmen, die nicht mit dem Fahrrad zu tun haben.

Judith Lell-Wagener: Und was hast du vielleicht an und in der Gravity Welt selbst ein Stück weit verändert?

Antje Kramer: Durch meine konstanten Titelgewinne und die langjährige Zusammenarbeit mit Giant/Liv bin ich schon eine Kon­stante in der Mountainbike Welt. Daneben nehme ich seit Jahren an mehreren Women’s Bike Camps im Jahr teil und gebe meine Freude und Begeisterung an diesem Sport an gleichgesinnte Frauen weiter. Somit werden immer mehr Frauen von diesem Funken angesteckt.

Bild Sebastian Hofer

Judith Lell-Wagener: Sieben deutsche Meistertitel und zahlreiche weitere Siege bei diversen Rennserien schmücken deinen Werdegang. Wie überraschend war dieser Erfolg für dich? Hattest du ein „Erfolgsrezept“?

Antje Kramer: Anfangs war ich sehr überrascht, dass ich so gut bei den Rennen abgeschnitten habe. Im weiteren Verlauf habe ich aber gemerkt, dass ich nur durch kontinuierliches Training und Verbesserung meiner Technik dieses Niveau halten kann. Dabei hat mir sehr geholfen, dass ich viel mit männlichen Fahrern trainieren konnte.

Judith Lell-Wagener: Erfolgsdruck – war das ein Thema für dich?

Antje Kramer: Nein, eigentlich nicht, die Ergebnisse standen nicht im Vordergrund, eher das Gefühl, jede Linie und jeden Sprung sicher hinzubekommen, einfach einen perfekten Lauf zu haben und verletzungsfrei nach Hause zu fahren.

Judith Lell-Wagener: Du hast Ende 2012 deine Rennkarriere nach gut 15 Jahren beendet. Wie schwer fiel dir der Abschied?

Antje Kramer: Es ist mir sehr schwergefallen, Abschied von der aktiven Rennszene zu nehmen. Aber nach realistischer Betrachtung meiner Lage war es für mich die richtige Entscheidung, keine Rennen mehr zu fahren. Allerdings gibt es noch viele andere Aktivitäten, die ich rund um diesen Sport wahrnehmen kann: die Women’s Bike Camps, diverse Bike Messen und andere Events, zu denen ich in meiner Funktion bei Liv eingeladen werde.

Judith Lell-Wagener: Verfolgst du nach wie vor, was sich in der Rennszene so tut?

Antje Kramer: Auf jeden Fall verfolge ich, was gerade abgeht, ich habe viele Freunde und Bekannte in der Szene und genieße es, bei Events noch mit dabei zu sein.

Judith Lell-Wagener: Du warst (und bist es noch heute) für viele Bikerinnen ein Vorbild. Wechseln wir mal die Perspektive: Welche Nachwuchsfahrerin bewunderst du besonders?

Antje Kramer: Ich bin ein großer Fan von Valli Höll. Sie ist einfach unglaublich: Wie sie auf dem Bike sitzt, wie sie all die großen Sprünge meistert … Sie trainiert hart und ist sehr sympathisch und liebenswert.

Judith Lell-Wagener: Zu deinen Anfangszeiten war die Downhill Szene eine eindeutige Männerdomäne und du musstest dir den Respekt dort erst hart erkämpfen. Wie ist das heute?

Antje Kramer: Ich glaube, dass die Mountainbike Szene nach wie vor eine Männerdomäne ist. Aber nehmt euch in Acht vor uns – wir werden immer mehr und immer besser!

Judith Lell-Wagener: Du giltst als ehrgeizig und voller Tatendrang: Worauf richtet sich deine Energie heute?

Antje Kramer: Tatendrang habe ich noch ganz viel, aber irgendwie fehlt mir manchmal doch tatsächlich etwas Energie dafür … und vor allem die Zeit.

"Ich glaube, dass die Mountainbikeszene nach wie vor eine Männerdomäne ist. Aber nehmt euch acht vor uns - wir werden immer mehr und immer besser!"
Antje Kramer

Judith Lell-Wagener: Obwohl du selbst zumeist mit Männern auf dem Bike unterwegs warst, engagierst du dich seit Jahren als Fahrtechnik Trainerin für Mountainbikerinnen, etwa bei den bereits erwähnten, äußerst beliebten Women’s Bike Camps. Was bedeutet dir das und was möchtest du den Frauen dort von dir mitgeben?

Antje Kramer: Ich hätte anfänglich nicht gedacht, dass reine Frauencamps etwas für mich sind, aber ich war fasziniert davon, wie interessiert die Mädels waren, wie motiviert und konzentriert. Sie hören zu und wollen lernen. Herrlich, wie sie sich gegenseitig motivieren; und ich freu’ mich über ihre Erfolge. Ich möchte ihnen einfach meine Faszination und meinen Spaß an diesem Sport weitergeben.

Judith Lell-Wagener: Dein eigener Wagemut ist legendär: Das Thema Angst begegnet dir dort sicherlich öfter. Ist das ein Gefühl, das dir auch bekannt ist? Wie gingst und gehst du damit um?

Antje Kramer: Angst hilft uns, eine gefährliche Situation mit Respekt anzugehen. Aber wenn man schwierige Situationen angeht und dann meistern kann, stärkt das für zukünftige Situationen, in denen man zuerst wieder Angst hat. Dabei muss ich gestehen, dass ich zu Beginn meiner Karriere noch den Kopf viel freier hatte als zum Ende hin, mit all den guten und schlechten Erfahrungen, die ich gesammelt habe.

Judith Lell-Wagener: Bist du selbst einfach ein von Haus aus mutiger Typ? Oder musstest auch du deine mentalen Grenzen erst Stück für Stück verschieben? Falls ja, wie bist du dabei „vorgegangen“?

Antje Kramer: Ich habe schon immer Spaß an der Herausforderung gehabt! Bei schwierigen Dingen hat es mir geholfen, wenn ich jemanden hatte, der einfach mal vorfahren konnte: für eine Linie oder zum Beispiel einen besonders weiten Sprung.

Judith Lell-Wagener: Wenn du mit dem Biken und dem Rennsport noch mal von vorne beginnen könntest: Was würdest du anders machen? Was wieder genau so?

Antje Kramer: Bei der Bilanz? Was sollte ich anders machen? Aber vielleicht hätte ich ein paar Jährchen früher angefangen …

Judith Lell-Wagener: Was bedeutet das Biken heute für dich?

Antje Kramer: Beim Biken jetzt genieße ich vor allem, dass ich draußen in der Natur sein kann: Im Wald kann ich bei den Touren so richtig durchatmen! Ich fahre viel mit Freunden rund um meine Stadt und auch gerne bei meinen Camps auf immer neuen Trails durch die Berge. Hier haben sich im Laufe der Zeit viele tolle Freundschaften entwickelt. Dabei bin ich aufgrund meiner diversen Verletzungen auch immer öfter mit dem Liv E Bike unterwegs. Ich bin sehr froh, dass es die E Bikes gibt, denn sonst hätte ich nicht mehr biken können. Von den vielen Verletzungen ist mein Knie am schlimmsten betroffen. Die starken Belastungen berghoch reizen mein Knie so sehr, dass die Schmerzen unerträglich werden. Mein Arzt ist glücklich, dass ich das E Bike nutze, denn so können wir die Knie Endoprothese ein klein wenig nach hinten verschieben.