Monatsfrau – Nathalie Schneitter

Text Judith Lell-Wagener Bild Michele Mondini
Monatsfrau

Von der Profibikerin zum Weltmeistertitel der E Mountainbike WM

Einst erfolgreiche Profibikerin, erklärte die Schweizerin Nathalie Schneitter 2016 offiziell das Ende ihrer Karriere. Dem Radsport blieb sie jedoch als erste weibliche Kommentato­rin für den Cross Country Weltcup Livestream sowie als Organisatorin verschiedener Rad Events, etwa des Urban Bike Festivals in Zürich, weiterhin treu. 2019 erlebten wir ihr „Comeback“ – allerdings in einer neuen Disziplin: E Racing! Das Rennformat wurde mit einer eigenen europäischen Rennserie, der World E- ike Series (WES), sowie einer offiziellen UCI Weltmeisterschaft „geadelt“ und begeistert Fahrer wie Zuschauer gleichermaßen. Von Anfang ganz vorne mit dabei: Nathalie, die sich nicht nur die Silbermedaille bei der WES, sondern auch den Weltmeistertitel sicherte.

Aus der E-MTB Sonderausgabe 1.20

Monatsfrau - Nathalie Schneitter

Bild Marco Rosasco

Judith Lell-Wagener: Du hast 2016 deine Profikarriere als XC-Fahrerin beendet. Jetzt bist du mit einem „E“ zurück. War dir immer schon klar, dass das Rennfieber noch nicht ganz erloschen ist? Oder überraschst du dich gerade selbst?

Nathalie Schneitter: Ich liebe das Radfahren und auch das Rennfieber. Zu Profizeiten drehte sich mein Leben 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche um den Sport. Jetzt schätze ich den Spagat zwischen Büroalltag und exzessivem Sporttreiben. Dieser Balanceakt gibt mir die nötige Lockerheit, um Spitzenleistungen zu erbringen. Für die E MTB WM habe ich natürlich viel investiert, auch im Training. Insofern wusste ich, dass ich parat bin. Der Titel war dann aber trotzdem überraschend.

Judith Lell-Wagener: Was hat dich zurück auf die Rennstrecke gelockt? Was begeistert dich an der noch ganz jungen Disziplin „E MTB (XC)“?

Nathalie Schneitter: E Racing ist ein sehr junger Sport und bietet viel Neues und Unbekanntes. Es hat mir extrem Spaß gemacht, mich in dieses neue Thema zu vertiefen. Die Faszination liegt für mich in der strategischen, taktischen und auch technischen Komponente des Sports.

Judith Lell-Wagener: Inwiefern unterscheiden sich E Cross Country- von klassischen Cross Country Rennen?

Nathalie Schneitter: Beim E Racing muss die Abstimmung von Athlet und Bike noch viel besser harmonieren und die Strecken können technisch viel anspruchsvoller sein, vor allem bergauf. Die fahrtechnischen Fähigkeiten kommen so noch viel besser zum Ausdruck, das ist voll mein Ding.

Monatsfrau - Nathalie Schneitter

Judith Lell-Wagener: Was sind für dich persönlich die größten sportlichen Herausforderungen bei diesem neuen Rennformat?

Nathalie Schneitter: Ich musste den Rennsport neu denken lernen. Die Taktik, die Linienwahl, die Einteilung der eigenen Kräfte – alles muss man neu lernen. Das macht es für mich spannend und aufregend, ich bin manchmal gerne wieder Anfänger.

Judith Lell-Wagener: Was denkst du: Worauf fußte dein großer Erfolg im vergangenen Jahr?

Nathalie Schneitter: Ich glaube, dass ich mich etwas intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt habe als die meisten anderen. Ich habe beispielsweise so viel Rennerfahrung wie nur möglich gesammelt die ganze Saison hindurch. Am Schluss waren es fünf Sekunden, die über den Sieg entschieden haben. Ich bin überzeugt, dass ich meinen „Partner“ E Mountainbike eine Kleinigkeit besser im Griff hatte als meine Konkurrentinnen.

Judith Lell-Wagener: Viele haben Bedenken, dass Erfolg oder Misserfolg bei diesem Sport vor allem eine Frage des Equipments ist. Wie erlebst und siehst du das?

Nathalie Schneitter: Bei der WM hat man gesehen, dass es schlussendlich die Athleten sind, die die Differenz machen. Aber klar, auch das Bike, der Motor, die Software und die Batterie spielen eine Rolle. Rennsport war schon immer ein Treiber der Innovation, das wird auch im E Racing nicht anders sein. E Racing macht aber meiner Meinung nach vor allem dann Sinn, wenn die Strecken so schwierig sind, dass sie ohne E Unterstützung kaum fahrbar wären. So kann man auch verhindern, dass nur der leichteste Fahrer oder der stärkste Motor gewinnen kann.

Judith Lell-Wagener: Du bist vergangene Saison nicht nur in der Kategorie E XC, sondern auch bei einem E Enduro Rennen aus der neuen E MTB World Series an den Start gegangen: Was gefiel dir besser und was liegt dir mehr?

Nathalie Schneitter: Ich bin im Herzen Cross Country Fahrerin. Mir gefallen Kopf an Kopf Rennen, dabei kann ich am besten an meine eigenen Grenzen pushen. Enduro finde ich aber auch toll, egal ob mit oder ohne E Unterstützung!

Judith Lell-Wagener: Wie professionell geht es im E Rennzirkus bereits zu? Gibt es offizielle Teams, Sponsoren, Unterstützung seitens der Länderverbände?

Nathalie Schneitter: Einen offiziellen E Weltcup gibt es noch nicht. Es gibt jedoch bereits einige Athleten, die sich auf E Racing spezialisieren, und 2020 wird sich mit Sicherheit einiges tun. Die Enduro World Series beispielsweise hat ja bereits angekündet, dass sie eine Serie mit drei Rennen mit E Unterstützung veranstalten wird. Teams und Sponsoren steigen nun zögerlich ein. Die Landesverbände tun sich aber noch eher schwer mit der Unterstützung von E Racing.

Monatsfrau - Nathalie Schneitter

Bei der UCI Mountainbike Weltmeisterschaft in Mont Saint Anne, Disziplin E MTB XC

Judith Lell-Wagener: Wie „ernsthaft“ und ambitioniert bist du aktuell im E Weltcup unterwegs? Oder gehst du das Ganze noch weitgehend experimentell, spielerisch und „ergebnisoffen“ an?

Nathalie Schneitter: Ich bin ein zielorientierter Mensch. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann gebe ich auch alles, um alles rauszuholen. Ich denke in Projekten und Zielen, und die sind für das kommende Jahr noch nicht in Stein gemeißelt. Aber klar: Jetzt will ich mein Weltmeistertrikot auch mal spazieren fahren.

Judith Lell-Wagener: Hast du das Bestreben, über das reine Fahren hinaus auch bei der Weiterentwicklung der Renndisziplin mitzuwirken? Und habt ihr als Fahrer hier überhaupt Möglichkeiten, euch einzubringen?

Nathalie Schneitter: Ja klar! E Racing ist so neu, dass jede Expertise gefragt ist, und als konstruktiv mitdenkende Athletin stößt man schon auf Gehör. Ich bin ja in der Schweiz auch als Event Managerin tätig, das hilft beim gegenseitigen Verständnis.

Judith Lell-Wagener: Fährst du privat nur noch E Bike oder bist du nach wie vor auch noch ganz klassisch ohne Motor unterwegs? Wann bevorzugst du was?

Nathalie Schneitter: Ich finde es lustig, dass ich diese Frage immer wieder beantworten muss. Ich bin in erster Linie Radfahrerin, ganz egal ob Rennrad, Gravel Bike, XC, Enduro oder eben E MTB. Für mich ist das E MTB eine Ergänzung meines Fuhrparks, die neue Möglichkeiten eröffnet. Ich benutze das E MTB meistens für kürzere Ausfahrten bis zwei Stunden, wenn ich echt Action will. Ich bin mein Leben lang XC Rennen gefahren, war aber privat immer auch sehr viel auf dem Trailbike oder Enduro unterwegs. Ich sehe nicht ein, warum das E Bike meine Liebe zu den anderen Stahlrössern im Keller schmälern sollte.

Judith Lell-Wagener: Wie kam es überhaupt, dass du als junge, trainierte Sportlerin das E Biken für dich entdeckt hast?

Nathalie Schneitter: Eigentlich aus purer Neugier. Ich bin ein offener Mensch und interessiere mich für Neues und Unbekanntes. Bevor ich etwas verurteile, probiere ich es lieber selbst aus. E Racing hat sich vor einem Jahr auch für mich noch fremd angehört und ich konnte mir nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Vor allem E XC gegenüber war ich sehr, sehr kritisch. Aber ich entschied mich dafür, es auszuprobieren anstatt zu verurteilen. Offensichtlich habe ich eine große Leidenschaft dafür entwickeln können.

Judith Lell-Wagener: E Mountainbiken ist allgemein eine recht umstrittene Sportart. Bekommst du in deinem Umfeld eher Rücken- oder Gegenwind für dein Engagement?

Nathalie Schneitter: Natürlich bin ich mit beidem konfrontiert. Interessanterweise sind die Reaktionen von außerhalb der Industrie durchgehend positiv.

Judith Lell-Wagener: Stehst du persönlich dem Thema uneingeschränkt positiv gegenüber?

Nathalie Schneitter: Für mich ist das E Mountainbike ein Spaßgerät wie das Bio Bike auch. Es ermöglicht einfach technischere Aufstiege und mehr Höhenmeter für jedermann. Ich halte es grundsätzlich für eine tolle Sache. Wenn es Probleme gibt, dann liegt es an den Menschen, die die Möglichkeiten des E Mountainbikes missbrauchen.

Judith Lell-Wagener: Siehst du dich mit deinem Engagement auch als Botschafterin für das E Mountainbiken?

Nathalie Schneitter: Ja, schon. Ich sehe täglich bei meinen Eltern, wie viel Freude die E Unterstützung in den Alltag bringen kann. Ich schätze es sehr, dass ich nun zusammen mit Menschen biken kann, die ich mag, die aber nicht dasselbe Fitnessniveau mitbringen. Ich möchte aber auch zeigen, dass das E MTB nicht nur etwas für alte Menschen ist, sondern ein Spaßgerät, das neue Möglichkeiten aufzeigt. Dafür begeistere ich mich, dafür mache ich mich stark.

Judith Lell-Wagener: Wie wird es weitergehen: Werden wir dich auch 2020 wieder auf der Rennstrecke anfeuern können?

Nathalie Schneitter: Wie gesagt, meine Pläne und Ziele für 2020 sind noch nicht definiert. Ich werde aber ganz sicher bei einigen Rennen anzu­treffen sein – mit und ohne Motor, bei Etappen- und Enduro Rennen – einfach bei allem, was für mich nach Abenteuer riecht.