Zu Besuch bei Jolanda Neff

Text Judith Lell-Wagener Bild Stefan Schopf
Geschichten

"Ich bin gekommen, um zu bleiben."

Jolanda Neff gilt für viele als die beste CrossCountry-Fahrerin der Welt. Dekoriert mit Welt- und Europameister-Titeln sowie drei Weltcup-Gesamtsiegen ist die 26-Jährige mittlerweile ein herausragender Stern der Mountainbike-Welt. Ihre Fahrtechnik ist legendär, ihr starker Siegeswille offentsichtlich, ihre Freude mitreissend.

Aus der Cross Country Spezial 2019

Wie außergewöhnlich das Schweizer Ausnahmetalent tatsächlich ist, wird uns bewusst, als wir sie zuhause in Thal, einer kleinen Gemeinde unweit des Bodensees, besuchen. Zwei Tage vor den Schweizer Cross-Meisterschaften, führt sie uns durch tiefen Schnee weit mehr als 500 Stufen hinauf zu ihrem liebsten Aussichtspunkt und erzählt uns währenddessen mehr über das, was sie ausmacht, prägt und bewegt.

Werdegang

Jolanda, du sitzt seit deiner frühesten Kindheit auf dem Mountainbike und fährst Rennen, seitdem du sechs Jahre alt bist. Hattest du damals schon Ambitionen, dass daraus mehr werden könnte?

Nein, überhaupt nicht. Für mich war es einfach mein liebstes Hobby. Ich wollte auch immer gewinnen (lacht), aber ich habe immer gedacht, ich geh studieren oder arbeiten. Ich hatte nie vor, das mal als Beruf auszuüben, das hat sich dann einfach so ergeben.

Wie wurde Biken dann schließlich doch zu deinem Beruf?

Ich habe ganz normal die Kantonsschule besucht bis ich 18 war und bin parallel einfach die Rennen gefahren. Ich bin nie in eine Sportklasse gegangen und hatte nie irgendwelche Sonderregelungen. Nach dem Abschluss hatte ich mich sogar schon für die Universität angemeldet und mit Freunden eine WG geplant. Dann bekam ich ein Angebot der Schweizer Armee für die Rekrutenschule für Spitzensportler. Dort gibt es alle zwei Jahre drei Plätze für Radfahrer. Da habe ich echt abgewogen: Uni oder Armee? Und mich dann entschieden: Ich setze auf den Sport. Aber das war erst mit 19.

Kamen mit dem Erfolg dann auch die Träume, à la „ich möchte mal Olympiasiegerin werden“?

Ich wollte einfach immer die Beste sein. Das ist mir auch geblieben und definiert mich vielleicht auch ein Stück weit. Ich habe aber nie so richtig festgelegt, wohin mich das führen soll. Ich weiß nur: Olympia war nie wirklich ein Thema. Ich habe einfach im Moment gelebt und nie von etwas geträumt, was so weit weg war. Das wurde dann erst später greifbar, wie ich anfing internationale Rennen zu fahren.

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Jolandas privates Fotoalbum führt uns durch die Kindheitsjahre. Schnell wird klar, wo Jolandas Freude am Rad- und Lust am Rennenfahren ihren Ursprung hat.

Hattest du in all den Jahren nie ein Motivationsloch?

Ja, das ist noch spannend. Wenn die Pubertät oder die Lehre anfängt, hören so viele mit dem Sport auf. Mein Glück war, dass ich so gut aufgehoben war in meiner Welt des Radfahrens zwischen Gleichaltrigen, die das Gleiche toll fanden. Abends wegzugehen hat mich gar nie angemacht, im Gegenteil. Ich war am Wochenende auf den Rennen und hatte dort mein Umfeld, in dem ich mich superwohl gefühlt habe – und das hat es wohl ausgemacht, dass ich dem Sport treu geblieben bin.

Eine Schlüsselrolle in Jolandas Leben spielt seit jeher auch ihre radsportbegeisterte Familie. In der von den Eltern aufgebauten und mit viel Herzblut betreuten Bike-Trainingsgruppe findet Jolanda mit ihren Geschwistern ein sportliches Zuhause. Sie begleiten sie zu den Kinderrennen, die in der Schweiz als spielerische Geschicklichkeits- Parcours aufgebaut sind, und sind auch später stets an ihrer Seite. Und von ihnen bekommt sie Werte mit auf den Weg, die bis heute wegbestimmend für sie sind. Nach wie vor sind beide wichtige Pfeiler ihrer Karriere.

Wie haben dich deine Eltern begleitet und unterstützt?

Sie haben extrem viel für mich getan und mich genau an der richtigen Stelle unterstützt. Denn sie haben ihre Zeit investiert, nicht Geld – das finde ich noch einen ganz wichtigen Punkt! Ich sehe das bei so viele Eltern: Sie kaufen das teuerste Rad, engagieren den Super-Coach, bezahlen teure Trainingslager im Ausland... Dabei ist es so viel wertvoller, wenn du dich dem Kind annimmst und mit ihm nach draußen Radfahren gehst.

Welche offizielle Förderung hast du als Jugendliche erlebt?

Das Förderprogramm der Armee ist ganz klein in der Schweiz. Ich glaube, was die Schweiz auszeichnet, sind die tollen Rennserien für die Kids, das ist echt ein großer Punkt; und das intensive Vereinsleben. Ganz deutlich merke ich, dass wir seit 2014 einen Nationaltrainer für die Frauen haben. Der Edi Telser macht wirklich einen super Job und kümmert sich intensiv auch um den Nachwuchs. Für uns Frauen ist das ein Riesenschritt: In den letzten acht Jahren hat bei jeder WM eine Schweizer Nachwuchsfahrerin eine Medaille geholt – vor mir in der Elite Kategorie 25 Jahre lang keine einzige.

Häufige Teamwechsel prägen Jolandas vergangene Jahre – das zermürbt und kostet Energie, Zeit und Leistung. Wenn Sponsoren aussteigen, so erzählt sie uns, brechen Teams oftmals zusammen und die Suche nach einem neuen Team beginnt. „Dann fängst du wieder von vorne an, dir etwas aufzubauen. Und dann steigt wieder ein Sponsor aus und alles geht von vorne los.“ Jeder Teamwechsel kostet ein, zwei Jahre, bis man wieder auf dem gleichen Niveau wie zuvor ist. Stabilität wird damit zum echten Erfolgsfaktor. Dennoch wagt Jolanda 2019 – diesmal auf eigenen Wunsch – erneut einen Wechsel. Wir wollten wissen, warum.

Seit diesem Jahr fährst du für das Trek Factory Racing Team. Wie kam das?

Ja, ein Teamwechsel ist immer mit extrem viel Energie verbunden – und in dem Sinne nicht etwas Anzustrebendes. Wenn du die Chance oder Möglichkeit hast, bei deinem Team zu bleiben und es ist ein gutes Team, dann ist das das Beste, was dir passieren kann. Dass ich jetzt wieder das Team gewechselt habe, lag diesmal an mir. Ich hatte das Gefühl, bereit zu sein für einen Schritt in Richtung mehr Professionalität. Ich bin mir bewusst, ich muss wieder Zeit investieren. Aber schon jetzt auf den wenigen Rennen habe ich erlebt, wie professionell das Team unterwegs ist und dass ich mich dort ganz aufs Rennenfahren konzentrieren kann – daher habe ich ein gutes Gefühl.

Du gehst dieses Jahr XC, Cross und Straße an. Ist das ein Anliegen von dir oder der Wunsch von Trek?

Ja, das ist echt ein Anliegen von mir und kommt nicht von Trek. In der Vergangenheit war das immer mit extrem viel Aufwand und Stress verbunden. Dass ich jetzt bei Trek überall mitfahren darf und sich um alles gekümmert wird, ist sensationell. Doch Mountainbiken wird immer meine Nummer eins bleiben. Anders als in Rio werde ich daher 2020 in Tokio auch nur auf dem Bike starten – das darf ich heute schon verraten.

Jolanda ist ein absoluter Draußenmensch und so zieht es uns nach einem ersten Kaffee hinaus an die frische Luft – darin sind wir uns sofort einig.

Training

Jolandas Einstieg in die Rennszene verläuft spielerisch – für sie heute noch ein entscheidender Punkt. Ob sie in der Jugend bereits trainiert hat, fällt ihr von daher schwer zu sagen: „Ich bin einfach immer gerne Rad gefahren und es hat mir Freude gemacht und ich denke, das ist das Entscheidende.“ Einen Trainingsplan hatte Jolanda nie – und hat ihn bis heute nicht, was sie zur echten Exotin in der Profiwelt macht. Stattdessen verlässt sie sich viel auf ihr Gefühl. Zudem steht ihr der Vater, einst selbst erfolgreicher Straßenfahrer, als Trainer und Mechaniker zur Seite.

Wie sah „Training“ für dich in deiner Kindheit und Jugend aus?

Es ging bei uns immer darum, dass wir uns in der Natur bewegen und das, was wir machen, gerne tun, nie um Leistungsdruck. Unsere Eltern haben mich nie zu irgendwas gezwungen. Meine Freunde und ich haben uns jede Woche zwei bis dreimal im Training gesehen und am Wochenende waren wir zusammen auf den Rennen. Ich glaube, die Ergebnisse kommen von allein, wenn du mit Freude dabei bist. Wenn man Kindern etwas mitgeben will, dann das.

Wie gestaltest du dein Training heute?

Im Grunde nicht anders als früher. Nach wie vor ist die Freude das Wichtigste für mich. Und natürlich möchte ich mich weiter verbessern. Meiner Meinung nach heißt das aber nicht, dass man einen niedergeschriebenen Plan von einem teuren Coach haben muss. Klar, ich habe durchaus einen Plan im Kopf. Aber ich finde, das Körpergefühl und die Flexibilität, darauf reagieren zu können ist, entscheidend. Oft fahren mein Vater und ich zusammen, dann sieht er selbst, wie es mir geht und kann das Training entsprechend steuern.

Verrätst du uns trotzdem ein paar von deinen Leistungswerten?

Vor drei Jahren habe ich in London vor Olympia einen Kurzfilm zu dem Thema gemacht (siehe https://youtube/TrEo-Q9H6dA). Wenn ihr Zahlen wissen wollt, müsst ihr euch den anschauen. Was sicher speziell ist: Ich trainiere nicht mit Watt und auch nicht nach Puls, sondern ich trainiere mit meinen Beinen (lacht). Ich mache auch kein Intervall-Training. Wenn es mir gut geht, dann fahre ich schneller und wenn es mir sehr gut geht, dann fahre ich ganz schnell. Ich habe mir schon immer gesagt: ich bin hier für den „long run“. Ich will nicht ein Jahr den Mega-Erfolg haben und dann abstürzen. Das Lied „Ich bin gekommen, um zu bleiben“, das ist mein Motto.

"ICH KOMME OFT HIER RAUF. LINKS SEHE ICH THAL, RECHTS DEN BODENSEE. DAS IST SO WUNDERSCHÖN, DIE SICHERE HEIMAT, SO SCHÖN GESCHÜTZT UND EINGEBETTET UND AUF DER ANDEREN SEITE DIE OFFENE WELT."
JOLANDA NEFF

Wie schulst du deine unglaubliche Fahrtechnik?

Ich bin eigentlich fast immer auf meinem MTB und auf Trails unterwegs. Viele Kolleginnen trainieren dagegen fast nur auf dem Rennrad. Dann kommen sie zum Rennen und sind zwar fit, aber geschockt von den technischen Passagen.

Gibt es Renn-Passagen, die dir noch Bauchweh machen?

Die Strecken werden ja immer schwieriger …Genau das finde ich supercool, denn es ist ja immer noch alles gut machbar. Ich weiß, ich kann alles fahren und das gibt mir die Ruhe und Gelassenheit. Ich kann auf dem Aufstieg entspannt sein, weil ich mich vor der Abfahrt nicht fürchten muss.

Kannst du es noch nachvollziehen, wenn jemand an der ein oder anderen technischen Stelle Angst hat?

Absolut! Aber ich denke, diese Angst ist nur zu wenig Training geschuldet. Man muss mit kleinen Übungen starten. Wenn jemand neu anfängt, sollte er zuerst mal einen Bunny Hop oder einen Wheelie üben, das ist aus meiner Sicht essenziell.

Im Rennen
Jolanda bei den Rennen zuzuschauen, ist ein Genuss: Strahlend geht sie an den Start, um unmittelbar danach nach vorne zu stürmen und sich an die Spitze des Feldes zu setzen. Mit absolutem Siegeswillen, einer schwindelerregenden Trittfrequenz und atemberaubenden Leichtigkeit im Trail kurbelt sie sich regelmäßig zum Sieg … und zugleich in die Herzen ihrer Fans.

Dehnen und Übungen zur Rumpfstabilität gehören zu Jolandas festem Trainingsprogramm – ob unterwegs oder zuhause, wo sie gerne im Studio der Mutter trainiert.

Gewinnen, das ist es, was es für Jolanda spannend macht. Die Trophäen selbst wandern in die Sammlung.

Am Start wirkt es so, als könntest du es kaum erwarten, dass es los geht. Ist das wirklich so?

Ja, ich kann es wirklich meist kaum erwarten. Oft muss ich mich sogar ein wenig runterbremsen. Ich freu mich einfach so, die Rennen zu fahren. Dann kann ich endlich zeigen, was ich im Training geübt habe. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich im Winter Cross-Rennen gefahren bin. Sechs Monate ohne Rennen, das kann echt zäh und lang werden.

Wen empfindest du als deine härteste Konkurrentin?

Eigentlich mich selbst (lacht) – meine Schwester hat das letzte Woche erst zu mir gesagt. Ich finde, das ist ein spannender Gedanke. Ich glaube, wenn ich gesund bin und mein Training durchziehen kann, dann kann ich auch schnell Rad fahren und dann muss ich mir auch keine Sorgen machen.

"ICH FAHRE IM RENNEN AM LIEBSTEN VORAUS. DANN KANN ICH MEIN DING MACHEN, DIE VORTEILE IN DER ABFAHRT FÜR MICH NUTZEN UND IM AUFSTIEG MEIN TEMPO FAHREN. DAS FÜHLT SICH FÜR MICH EINFACH AM BESTEN AN."
JOLANDA NEFF

Du trägst im Alltag, wie auch bei den Rennen gute sichtbareine Kette, die inzwischen zu einer Art Markenzeichen für dich geworden ist. Gibt es dazu eine Geschichte?

Die Kette ist von meiner Physiotherapeutin. Sie macht Schmuck aus Glas und jede Perle hat sie einzeln im Feuer geformt. Sie hat sie mir letzten Sommer geschenkt und seitdem habe ich sie immer an; zum einen, weil sie mir einfach gefällt und zum anderen, weil sie von einer guten Freundin ist.

Material

Sie möchte ihre Rennen mit „Brot und Wasser“ gewinnen, erzählt uns Jolanda im Gespräch, will heißen: mit eigener Stärke,– nicht, weil sie das beste Material fährt. So war die Frage nach Top-Material bislang eher zweitrangig für sie.
Wird sich daran etwas ändern?

Wie wichtig ist es dir heute, mit welchem Material du unterwegs bist?

Ich war in den letzten Jahren bestimmt nicht auf dem allerbesten Material unterwegs. Das war mir bewusst, aber ich konnte nichts daran ändern und hab mir darum auch keine Gedanken darüber gemacht. Jetzt, wo ich bei Trek bin, merke ich erst, was es eigentlich für Material gibt. Ich habe das Gefühl, so langsam komme ich da an, wo ich hin möchte.

Wer entscheidet, ob du im Rennen auf einem Hardtail oder einem Fully an den Start gehst?

Da kann ich frei entscheiden. Die letzten vier Jahre war ich in Teams, da waren die Fullys noch Prototypen. Das war etwas anderes als jetzt bei Trek, wo ich ein Fully fahren darf, das seit Jahren auf dem Markt ist und x-mal verfeinert wurde.

Gibt es ein Teil, das dir an deinem Bike wirklich wichtig ist?

Ja, das gibt es tatsächlich: die absenkbare Sattelstütze. Darauf möchte ich auf keinen Fall mehr verzichten. Anfang 2017 habe ich das erste Mal so eine Sattelstütze ausprobiert und letzte Saison bin ich jedes Rennen damit gefahren. Die bringt mir so viel, die geb ich auf keinen Fall mehr her.

Öffentlichkeit

Das öffentliche Interesse an Jolandas Karriere und Privatleben ist hoch: Ein Interview-Termin reiht sich an den anderen, und auch die Präsenz in sozialen Medien wird für Profisportler wie sie immer wichtiger. Jolanda bedient all ihre öffentlichen Kanäle selbst und empfängt auch uns ohne PR-Managerin an ihrer Seite ebenso offen wie herzlich.

Du bist inzwischen ein echter Star der MTB-Szene geworden. Wie erlebst du das öffentliche Interesse im Alltag?

Im Alltag kann ich mich völlig normal und frei bewegen, da gibt’s überhaupt keine Einschränkungen. An den Rennveranstaltungen, da ist es, klar, etwas anderes. Abgesehen von der Stunde vor dem Start bin ich immer gerne in Kontakt mit meinen Fans und nehme mir auch die Zeit. In meiner Kindheit hab ich selbst es ja auch immer superspannend gefunden, die Stars auf den Rennen zu treffen. Ich weiß also, was das für eine Freude ist, wenn man eine Karte oder ein Foto bekommt.
Ich finde es schön, dass der MTB-Sport so zugänglich ist.

Wie gern präsentierst du dich in den sozialen Medien?

Das meiste mache ich echt gerne. Schwieriger wird es, wenn ich für einen Sponsor noch ein Foto posten sollte und es ergibt sich einfach nichts. Mir macht es viel mehr Freude, etwas vom Biken zu posten, was sowieso entsteht. Und ich glaube, das ist es auch, was es ausmacht: dass es authentisch ist. Wenn ich nichts zu posten habe, poste ich lieber mal nichts.

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