Gröden/Südtriol – Von Helden und Herrgottschnitzern

Text Lena Seidl Bild Stefan Schopf
Reise

Das Grödnertal

Spätabends führt uns unser Weg durch Südtirol über das Sellajoch auf einer kurvigen Passstraße hinunter in das bei Wintersportlern weithin berühmte Seitental des Valle d’Isarco. Vorheriges Geplapper über Mountainbike Vorhaben und Pläne für die weiteren Tage verstummt urplötzlich. Ich erwische mich, wie ich mit weit aufgerissenen Augen versuche, meinen Blickwinkel noch zu vergrößern. Richtig winzig fühle ich mich hier zwischen Langkofel und Sellastock, aber auch sehr privilegiert. Im Dämmerlicht zeigen die weißen Riesen noch einmal eindrücklich, warum sie zum wohl berühmtesten Teil der Alpen gehören. Ja…ihr habt es euch verdient!

Handwerk hinterlässt Spuren, im realen wie im übertragenen Sinne.

Sellaronda Hero

Der nächste Tag begrüßt uns mit duftendem Kaffee und frischen Croissants auf der Sonnenterasse des Hotels in der lebendigen Ortschaft Wolkenstein. Etwas länger als geplant schnabulieren wir uns durch das leckere Buffet, füllen unsere Trinkbeutel randvoll und treten frisch gestärkt in die warme Morgensonne des 25 km langen Grödnertals. Jedes Jahr im Juni findet hier der „Sella Ronda Bike Hero“ statt. Das „Hero Green Event“ erfüllt alle Kriterien der Nachhaltigkeit und bietet vom „Hero XCO“ einem CC-Rennen, über den Sella Ronda Bike Day, bis hin zu den „Hero Kids“ und diversen Konzerten alles, was es für ein ordentliches Bikefestival braucht. Höhepunkt des Ganzen ist der „Sellaronda Hero“, bei dem dieses Jahr Alban Lakata seinen WM-Titel über 87 km und 4.700 hm einfuhr. Bei den Damen gewann Gunn-Rita Dahle Flesjå auf der 60 km langen Strecke.

Bergblumenwiesen, wie auf kitschigen Postkarten

Uns ist heute mehr nach Tiefenmetern zumute und so pedalieren wir locker ein paar Höhenmeter zur Dantercepies Bahn, die uns auf den gleichnahmigen Gipfel bringt. Durch die großen Panoramascheiben der neu gebauten Umlaufbahn sehen wir einige geführte Gruppen unter uns über die Trails rumpeln. Wir haben jedoch Lust, selbst die Gegend zu erforschen und sehen uns am Grödnerjoch etwas genauer um. Auf der Suche nach ein paar schönen Fotoecken schieben wir unsere Bikes einen kleinen Weg über dem Grödnerjoch-Haus hinauf und kurbeln ein Stück weiter ins Hinterland. Hier oben scheint die Vegetation zu explodieren. Eine Bergblumenwiese wie auf kitschigen Postkarten macht sich vor uns auf, es duftet herrlich nach Wildkräutern. Almrausch, Edelweiß und den bereits verblühten Enzian kann ich noch gut benennen. Beim Rest muss ich beschämt passen.

"Weiße Riesen umrahmen das „Ghërdeina“, wie das Dolomitental im Ladinischen genannt wird."

Gipfelglück

Nachdem ich schon nicht mit biologischem Wissen glänzen konnte, ist zumindest der Fotograf mit mir und dem Grödnertal zufrieden und wir flitzen juchichzend (oberbayerisch für jubeln) den 654 hm-Trail über das Grödnerjoch zurück nach Wolkenstein.
NOCHMAAALL schreit es in meinem Kopf, also düsen wir gleich wieder mit der Dantercepies Bahn gen Himmel. Auf einer Anhöhe habe ich bei der Bergfahrt ein kleines Gipfelkreuz entdeckt. Ein paar Meter kurbeln, ein paar Meter schieben und schon habe ich mein Gipfelglück erreicht. Von hier aus haben wir wieder einen wundervollen Blick auf Langkofel, Sellastock und ein bisschen kann man auch ins Grödner-tal hinunter spechten. Ui, und da unten blitzen die sonnengelben Liegestühle der Panorama Alm. Bei mittlerweile 34 Grad haben wir uns ein Päuschen redlich verdient. Der Hitze geschuldet, gönne ich mir das erste Mal in meinem Leben ein Eis auf einer Berghütte. Ein paar Italienerinnen räkeln sich neben mir im Bikini und die zugehörigen Kinder spielen glückselig auf dem schattigen Spielplatz.
La Dolce Vita auf 2.130m - da schmeckt das Erdbeereis gleich nochmal so gut.

Hier im Herz der Dolomiten wurde wohl der Traum von alpiner Schönheit geboren.

"Der Hitze geschuldet gönne ich mir das erste Mal in meinem Leben ein Eis auf einer Berg-hütte."

Tal der Bildhauer

Neben Bergen, Bergbahnen, Apfelstrudel und schönen Trails ist das Grödnertal auch als „Tal der Bildhauer“ bekannt. Bei einem Besuch in der Werkstatt des Bildhauers Filip Moroder Doss in St. Ulrich wollen wir mehr über die kulturellen Wurzeln dieses Handwerks erfahren.
Filip Moroder Doss ist Präsident der Künstlervereinigung Unika, die 1994 als Zusammenschluss von Holzbildhauern, Fassmalern, Vergoldern und Verzierungsbildhauern entstand. Deren Ziel besteht darin, die Künstler wieder aus ihrer Werkstatt zu holen und ihren Werken eine Bühne zu schaffen. Die gegen-seitige Motivation, Eigenes zu schaffen, voneinander zu lernen und sich auszutauschen, befähigt die Bildhauer dazu, eine eigene Sprache und wieder zurück zur Produktion von Einzelstücken zu finden. Ursprünglich aus der Dekoration von Werkzeug, entwickelte sich die Bildhauerei über das Anfertigen von Holzspielzeug (in Gröden wurden ab den 1830er Jahren bis zu eine Million Holzpuppen jährlich hergestellt!) bis hin zur sakralen Kunst.
Philip Moroder Doss hat die Entwicklung seines Handwerks miterlebt, schon sein Vater war ein bekannter Bildhauer in der Region. Sehr liebevoll und verwurzelt erzählt er uns über „sein“ Gröden, die Zirbenbäume, die Berge und die Freiheit, die das Tal für ihn bedeutet.
Für seine Arbeit lässt er sich, wie die mittlerweile 40 Mitglieder der UNIKA, gerne von dieser Gegend voller Sagen, mächtiger Gesteinsbrocken und sanfter Wiesen inspirieren. Die Exponate von 30 von ihnen kann man alljährlich auf der UNIKA Skulpturenmesse im August bewundern. Hier hat man auch die seltene Möglichkeit, mit den Handwerkern direkt ins Gespräch zu kommen und mehr über diese faszinierende Tradition zu erfahren. Check, der Termin ist vorgemerkt.

Wissen

4 h 24 min: So lange braucht der amtierende MTB-Weltmeister, bis er den Sella-Stock einmal umrundet hat. Wie lange du brauchst, kannst du beim Sellaronda Hero-Rennen selbst herausfinden: Sellarondahero>>

Die Seiser Alm ist nicht nur die größte Hochalm Europas, sondern auch das bevorzugte Trainingsgebiet von Kenias Lauf-Elite, während im Heimatland der Monsun herrscht.

Highlights

Mehrmals im Jahr werden alle vier Dolomitenpässe rund um den Sellastock für den Autoverkehr gesperrt und sind komplett den Radfahrern vorenthalten:

Sellarondabikeday>>

Zurück in die Kindheit: Schnitzkurs!

Einige der schönsten Klettersteige der südlichen Kalkalpen sind an den Geislerspitzen, der Puez-, Sella- oder Langkofelgruppe zu finden.

Weitere Infos: Valgardena>>

Wanderkarten

Kompass 076
Gröden – Seiser Alm
Kompass>>

Tabacco 05
Val Gardena Alpe di Siusi
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Geführte Touren

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