Paznaun-Ischgl – Den Berg hinauf, der Sonne entgegen

Text Hannah Röther Bild Andreas Meyer
Reise

Paznaun-Ischgl
Biiiig Mountain

Die Luft ist ist rein und glasklar. Am Horizont färbt sich das dunkelblaue Band hinter den Bergspitzen immer mehr ins Rötliche. Die Sonne wird bald aufgehen. Ein Pfeifen und das Gebimmel hunderter Kuhglocken dringen kaum wahrnehmbar von der kargen Almwiese unterhalb unseres Pfades zu uns hinauf. Es ist Spätsommer, der Morgen auf fast 3.000 Meter Höhe bereits eiskalt, die Bauern beginnen langsam, ihr Vieh in die tieferen Lagen zu treiben. Für uns geht es in die entgegen gesetzte Richtung: Die Mountainbikes auf den Schultern bahnen wir uns Stück für Stück unseren Weg nach oben, jeden Schritt auf dem schmalen Weg sorgsam setzend, das Knirschen des losen Untergrunds unter unseren Sohlen als stete Begleitung. Unser Ziel: Der Sonne beim Aufgehen zusehen und zusammen mit ihren ersten Strahlen über die Trails dieser unwirklichen Landschaft hinunter brettern, bergab hämmern, hinabsurfen – Die Pflichtübung in Sachen Epik für jeden Mountainbiker.

„Grenzenlos Biken bis auf über 2.800 Meter Höhe“

Gestartet waren wir mitten in der Nacht in Ischgl. Die Wintertourismus-Hochburg, berühmt-berüchtigt für Après-Ski Zirkus und Events der Superlative, wirkt in den Sommermonaten eher verschlafen. Statt Partyvolk treffen wir in der Nacht auf menschenleere Dorfgassen. Der Sommer ist hier definitiv Off-Season und für Mountainbiker daher besonders einladend. Schon ab einer Übernachtung in einem Hotel in der Region Ischgl-Paznaun gibt es die „Silvretta Card all inklusive“ gratis und damit einen unbegrenzten Transport mit allen Seil- und Sesselbahnen der Region, inklusive Fahrradmitnahme. Die Weiten des
Silvretta-Skigebiets, das sich bis auf über 2.800 Meter Höhe erstreckt und sogar das Schweizerische Samnaun miteinbindet, sind so bequem zu erreichen. Eine Auswahl an für Mountainbiker ausgebaute Strecken sorgt für Abwechslung und lässt Bikepark-Feeling aufkommen. Doch anders als im Winter, wenn sich bis zu 20.000 Skifahrer auf den Pisten tummeln, ist die Auslastung im Sommer gering und lässt die schönsten Seiten der Bergwelt besonders gut zur Geltung kommen: Einsamkeit. Ruhe. Weite. Unzählige Wanderwege durchziehen die Silvretta auf der Südseite des Tals und das Verwallgebirge im Norden und machen auch jenen Hänge und Flanken für Biker und Wanderer zugänglich, die im Winter unter der meterdicken Schneedecke schlummern und nie von den den Pistenraupen erreicht werden.

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“

Ein Paar Mal mit der Bergbahn hoch zum Trail-Surfen oder lieber eine einsame Tour um persönliche Grenzen auszutesten? In Ischgl geht demnach beides, man hat die Qual der Wahl. Oder noch besser: man macht einfach beides. Für uns beginnt der Tag deshalb um drei Uhr in der Frühe. Während die Bergbahnen noch schlafen, machen wir uns mit Rucksäcken voll Frühstücks-Proviant und müden Gliedern daran, die 1.500 Höhenmeter zu bezwingen, die uns von unserem Big-Mountain-Sonnenaufgangserlebnis trennen. Zugegeben, unser Vorhaben ist nicht gerade ein Wellness-Programm. Wer aber schon einmal das Schauspiel eines Sonnenaufganges auf fast 3.000 Meter miterlebt hat, weiß, dass jede Mühe dafür lohnt. Was bleibt, sind nicht nur Neid erweckende Selfies – es ist pure Schönheit, die schlichtweg glücklich macht.

Die letzten Meter bis zur Hütte sind noch einmal ein wahres Vergnügen. An der Hütte können wir uns endlich stärken und entspannen auf dem hauseigenen See.

Auf den Spuren des Ischgl Ironbike

Über die Zufahrtstraßen zu den Bergstationen ist der Uphill zwar anstrengend, aber auch im Schein von Taschenlampen gut machbar. Die breiten Schotterpisten, die zum Idjoch führen, sind jedes Jahr Teil des Ischgl Ironbike – dem höchstdotierten Marathon des Alpenraumes. Im Vergleich zu den wahnwitzigen 4. 000 Höhenmetern, die die Teilnehmer für das Preisgeld im Gesamtwert von EUR 20.000,- bezwingen müssen, wirkt unser Aufstieg bis zum Idjoch eher wie Morgengymnastik. Als wir endlich den Sattel erreichen, empfängt uns bereits die „blaue Stunde“, jenes magische Licht kurz vor den Sonnenaufgang. In dem schwachen Licht schultern wir nun unsere Bikes und beginnen damit, die letzten Höhenmeter zur Greitspitze zu erklimmen.

Und dann ist es soweit.

6:23 Uhr. Während der Vollmond noch mitten am Himmel steht, fallen die ersten Sonnenstrahlen auf die Verwallgruppe und tauchen Madleinkopf, Fatlarspitze und Saumspitze in ein rosarotes Licht. Wir feiern das Spektakel mit dem Verspeisen unseres Proviants (bzw. mit den Resten, die den kräftezehrenden Aufsteig überlebt haben). Käse, Brot, ein Stück Schokolade und dazu Berge soweit das Auge reicht. In diesem Moment ist einfach alles gut. Aber das Schönste kommt erst noch, und dafür ist das Frühstück eine absolute Voraussetzung! Von der Greitspitze nehmen wir den Höhenweg bis zum Salaaser Kopf. Fast so schmal wie ein Drahtseil schlängelt sich dieser Traum eines Singletrails auf dem Sattel, der die Schweiz von Österreich trennt, entlang. An schnell fahren ist nicht zu denken, zu respekteinflößend ist der Abgrund, der sich zu beiden Seiten auftut, zu atemberaubend das Panorama, durch das wir schweben. Am Salaaser Kopf schließlich biegt der Pfad auf die Schweizer Seite ab und taucht ein in die karge Almwiesenlandschaft, die sich mit ihren Kuhglockengeläute schon während unseres Aufstiegs bemerkbar machte. In einem ständigen Auf und Ab und zum Schluss über ein ausgebautes Trailstück mit flowigen Anliegern geht es nun bis zur Alp Trida. Hier kann man entweder über Singletrails bis nach Samnaun (zollfeie Zone!) weiter abfahren oder per Sessellift zurück zum Idjoch gelangen. Da sich unser Bedarf an billigem und Schnaps Zigaretten in Grenzen hält und wir auch ohne den Abstecher nach Samnaun noch genügend noch Tiefenmeter zu vernichten haben, wählen wir die kürzere Variante. Die Gondel bringt uns zurück auf Sattelhöhe und spuckt uns direkt am Einstieg des Vellil Trails aus. Durch steiles, verblocktes Gelände schlängelt sich dieser zurück Richtung Ischgl – technisch anspruchsvoll und definitiv nur nach einem ordentlichen Frühstück zu empfehlen!

Die entspannte Seite der Bergwelt

Auch am nächsten Tag steht wieder Genuss auf dem Programm, diesmal aber in kulinarischer Form: Vier Sterneköche übernehmen einen Sommer lang die Patenschaft für eine Alpenhütte und kreieren für diese ein Gericht, welches dann dort verköstigt werden kann. Unter den auserwählten Hütten des „Kulinarischen Jakobswegs“ ist auch die Heidelberger Hütte, ein beliebtes Etappenziel für Alpencrosser. Wegen eines vielversprechenden Trails entscheiden wir uns aber für die Friedrichshafener Hütte. Und treffen damit voll ins Schwarze! Ja, auch das knusprige Spanferkel von Sternekoch Laurent Smallenge ist nicht zu verachten, ebenso wenig der Kaiserschmarren zum Nachtisch, noch weniger der technische Singletrail, der zurück ins Tal führt und wirklich auch die versiertesten Fahrern noch herausfordert - doch unser persönliches Highlight ist das Schlauchboot, das am Ufer des glasklaren Bergsees hinter der Hütte ankert. Eine gefühlte Ewigkeit verbringen wir damit, uns über das Wasser treiben zu lassen uns dabei die Zeit um uns herum zu vergessen. Die müden Beine baumeln im kalten Wasser, Forellen ziehen unter dem Boot ihre Kreise...und ganz weit weg lässt sich die steile Straße zum Idjoch ausmachen, auf der wir uns noch vor wenigen Stunden in die einzigartige Bergwelt Ischgls vorkämpften. „Big Mountain“, dieser Ausdruck, der auf die Höhe, die Weite und das Außergewöhnliche der faszinierenden Bergwelt abzielt, spukt mir dabei unentwegt wie ein Ohrwurm im Kopf herum. „Big Mountain“ – Eine Formel, wie dafür gemacht um den Ischgl in Worte zu fassen.

Mit dem letzten Abendlicht kommen wir ins Tal...

Wissen

Das „Top of the Mountain Concert“ auf der Idalp rockten: Ischgl Events

Kappl mit seinen 96 Weilern ist österreichweit die Gemeinde mit den meisten Flurnamen.

...und werden mit diesem Panorama belohnt.

Highlights

Silvrettarun 3000 in Ischgl/Galtür

Ischgl - Ironbike

Bouldern im Silvapark Galtür: Es gibt u.a. einen Boulderpark für Kinder und den härtesten Boulder Europas (8c)

Wanderkarten

Kompass WK 41 Silvretta - Verwallgruppe
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