Das MTB-ABC des Pendlers

Text Anna Weiß Bild Andreas Meyer
Know-How

Pendeln mit dem Bike

Wir Mountainbiker. Genießen Trails in atemberaubenden Landschaften, frönen unserer Leidenschaft in der Natur. Daher ist es Zeit, auch unserer Umwelt mal was Gutes zu tun. Unser guter Vorsatz für das kommende Jahr lautet demnach: Mit dem Bike zur Arbeit!

 

 
 

Nein, ich bin kein Ökofreak, ernähre mich nicht ausschließlich vegan und überhaupt hatte ich einen wahrhaft verkorksten Start in die Pendlerkarriere. Ich hasste mein Rad, das kann nicht unbedingt als beste Ausgangslage gelten. Alle anderen Kinder wurden von ihren Müttern stets von A nach B chauffiert, meine Eltern waren beide berufstätig und hatten ergo keine Zeit für „solchen Unfug“. Was für eine 14-jährige, die um alles in der Welt cool sein will, ungefähr den Supergau darstellt. Mir blieb also nur das Rad. In die Schule, ins Freibad, zum ersten Freund (immerhin 25 km einfach), ins Kino. Ich hasste es und es landete mehr als einmal im Straßengraben. Irgendwann jedoch - und es hatte womöglich mit dem adretten Burschen zu tun, der mich für den Geländeradsport begeisterte - hatte sich still-leise und klangheimlich meine Aversion gegen das Fahrrad in pure Zweiradbegeisterung gewandelt. Ich fuhr einfach überall hin. Zum Einkaufen, an die Uni, keine Distanz war sicher vor mir. Immer wieder höre ich: „Du bist doch die, die immer mit dem Rad unterwegs ist! Und immer in kurzen Hosen...“ Schon komisch, dass ich damit im Landkreis als Kuriosum gelte. Das kann nur eins bedeuten: es pendeln immer noch viel zu wenige Menschen mit dem Bike! Dabei liegen, gerade in Zeiten astronomischer Treibstoffpreise, die Vorteile doch auf der Hand! Ein ABC des Bike-Pendelns.

A   Arbeitgeber

Leider hat sich auf unsere Nachfrage bei diversen Ministerien und Krankenversicherungen herausgestellt, dass es keinerlei finanzielle Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber, die ihren Angestellten das Pendeln erleichtern möchten, gibt. Kein Grund zu verzagen! Vielleicht lässt der Chef dennoch mit sich reden und findet die Pendler-Idee ansprechend. Gründe gibt es viele: Er muss weniger PKW-Parkraum zur Verfügung stellen, Bike-Pendler sind in der Regel produktiver und laut einer niederländischen Studie sind Mitarbeiter, die regelmäßig mit dem Bike zur Arbeit kommen nicht nur gesünder und leistungsfähiger sondern im Durchschnitt einen Tag weniger krank als ihre nicht-radelnden Kollegen. Übrigens arbeiten Finanzexperten gerade an einer Neuregelung, die sicherstellen soll, dass Firmenräder in Zukunft, ebenso wie Firmenwagen, vom Mitarbeiter mit 1% des Neuwerts zu versteuern sind.

B   Bike

Alles, was zwei Räder hat, eignet sich zum Bike-Pendeln (ausgeschlossen vielleicht die Downhillkategorie). Wichtig ist, dass die Komponenten einwandfrei funktionieren und euer Rad zur -> Strecke passt. Wer also nur Radweg fährt, sollte sich an ein Hardtail halten, wer wie ich bergauf, bergab in Wald und Flur unterwegs ist, kann auch sein Fully benutzen. Wer sein Sportgerät mit den teuren Komponenten nicht durch’s Pendeln verfeuern will, dem sei geraten, sich ein günstiges gebrauchtes Stahlhardtail zu besorgen. Für -> Wind und Wetter kann das Gefährt mit Schutzblechen ausgerüstet werden, Lampen sind ein Must-Have um nach Überstunden auch in der Dunkelheit noch wahrgenommen zu werden. Ein Kettenschutzring schützt die Hose vor schwarzen Striemen und Löchern.

C   CO2, gespartes

Mein Auto stößt ungefähr 140g CO2 pro km aus. Wenn ich statt dem Auto mein Rad für den Arbeitsweg benutze, lassen sich so auf 30 km rund 4200g CO2 einsparen. Um ein Gespür zu bekommen: ein Baum mit 600 kg Trockenmasse (z.B. eine Buche, 23 m hoch, 30 cm Umfang auf einer Höhe von 1,30 m) kann eine Tonne CO2 pro Jahr binden. Für diese Trockenmasse muss sie 80 Jahre lang wachsen. Das bedeutet, dass sie pro Jahr 12,5 kg CO2 binden kann. Um eine Tonne produziertes CO2 zu binden, müsste man pro Jahr also 80 Buchen pflanzen. Oder an 238 Tagen mit dem Bike in die Arbeit fahren und so eine Tonne CO2 einsparen.

D   Duschen

Ein sensibles Thema, gibt doch die Mehrheit aller Nicht-Pendler an, dass sie nicht mit dem Rad zur Arbeit fährt, weil sie nicht verschwitzt ankommen will. Duschen schaffen hier natürlich Abhilfe. Die Praxis sieht hier leider düster aus. Selbst Firmen, die sich Gesundheit auf die Fahne schreiben verfügen oftmals über keinerlei Duschmöglichkeiten. Traurig! Aber noch lange kein Grund, sich vom Pendeln abhalten zu lassen! Vielleicht gibt es ein Fitnessstudio oder Schwimmbad in der Nähe oder eines der Nachbargebäude verfügt über Duschmöglichkeiten. Fakt ist: wo ein Wille, da ein Weg. Oftmals reicht auch eine Katzenwäsche und es müssen nicht die vollen 60 l sein. Den Glücklichen mit Duschgelegenheit sei geraten, dort zwei Handtücher und alle benötigte Kosmetika zu deponieren. So kann man auch an hektischen Morgen nichts vergessen.

E   E-Bikes

E-Bikes werden als des Pendler’s Ei der Weisen beworben. Nur so viel: wer Mountainbiken kann, kann auch ohne elektrische Hilfen den Weg zur Arbeit nehmen.

F   Fitness

Nicht nur die Umwelt, auch man selbst profitiert von der täglichen Bewegung. Klar kann man das Pendeln kein Training nach Schema F nennen, dennoch lässt sich eine deutliche Verbesserung des persönlichen Wohlgefühls und der Fitness messen. Die Muskeln werden gelockert und die Ausdauer gesteigert. Zudem verbrenne ich (1,65 m/ 65 kg) auf meinem Arbeitsweg bei einer Geschwindigkeit von 20 bis 23 km/h etwa 300 kcal. Wer unbedingt seine ungefähre Kalorienbilanz berechnen will, findet zahlreiche Kalorienrechner im Internet. Und dazu passend die Liste der Mahlzeiten, die man sich dann mittags mit gutem Gewissen gönnen darf.

G   Geld, gespartes

Man muss nur einen Blick auf die Zapfsäulen werfen, schon leuchtet einem völlig unwillkürlich ein, dass Bike-Pendeln Ersparnis bedeutet. Für mich beläuft sich die gesparte Summe im Hinblick auf Benzinpreis und Abnutzung meines Autos (ca. 30 Cent/ km) pro Woche auf etwa 45 Euro. Geld, das sich anderswo sinnvoller investieren lässt. Natürlich fällt auch am Bike Verschleiß an, wer aber ein älteres Modell zum Pendlerbike umfunktionieren will, kann schon bei der Ausstattung darauf achten, dass er einigermaßen langlebige Komponenten verbaut. Bei den Reifen haben wir z.B. mit Schwalbe’s Racing Ralph beste Erfahrungen hinsichtlich Haltbarkeit gemacht und für Bike-Pendler, die ausschließlich auf Radwegen unterwegs sind ist der Schwalbe Marathon Plus mit seinen Weltumrundungsqualitäten sicherlich eine gute Wahl. Außerdem kann man z.B. aus den Reifen, die für den sportlichen Geländeeinsatz nicht mehr taugen, im Büroradler-Alltag noch das Letzte herausholen.

H   Helm und Haare

Wem sich trotz allem Einsatz keine -> Duschmöglichkeit aufgetan hat, kann wie gesagt auf die Katzenwäsche zurückgreifen. Bei den Haaren sieht die Geschichte schon wieder anders aus, wer will schon mit krauser Helmfrisur ins Meeting?
Trockenshampoo, eine helmfreundliche Frisur und zähmende Stylingprodukte heißen hier die Zauberworte. Oder, gegebenenfalls, ein hinterlegter Fön.

I   Inspiration

Tatsächlich verhält es sich so, dass man morgens frischer zur Arbeit kommt und mit mehr Energie in den Tag starten kann. Viele Ideen entstehen an der frischen Luft und man kann sich mental auf den Arbeitstag vorbereiten. Abends lässt sich beim Heimradeln noch ein abschließendes Resumé zum Tag ziehen. Hatte man in der Arbeit Ärger, lässt sich dieser hervorragend durch extra festes Treten abbauen. Das war’s dann aber auch schon, die Arbeit bleibt mit dem Rad in der Garage.

J   Johannes’ Tipp

Nicht nur der mit dem Auto, auch der mit dem Fahrrad zurückgelegte Arbeitsweg lässt sich per Kilometer-Pauschale steuerlich geltend machen.

K   Kleidung

Die Qual der Wahl: fährt man in Sportklamotten zur Arbeit oder doch lieber gleich im Büro-Dress? Das hängt zum einen von der -> Strecke ab, zum anderen auch von -> Zeitaufwand und -> Duschmöglichkeit. Am besten einen Schrank oder Spind reservieren, dann können die Klamotten schön auslüften. Alternativ gibt es mittlerweile auch eine Handvoll Anbieter, die funktionale Alltagsmode anbieten, so z.B. tripletwo.de

L   Leitbild; anderes Wort für Vorbild

Fakt ist, dass man als Pendler ganz klar ein Vorbild darstellt. Nicht nur für die Arbeitskollegen, sondern ganz klar auch für die eigenen Kinder. Sind die Kinder es von klein auf gewohnt, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, werden sie auch später eher auf dieses Transportmittel zurückgreifen. Die Vorbildfunktion funkioniert sogar noch bei Eltern. Bestes Beispiel: meine Mama, 51. Bei Wind und Wetter fährt sie neuerdings mit dem Rad zur Arbeit und hat dort wiederum schon einige Kolleginnen vom Bike-Pendeln überzeugen können.

M   Motivation

Der innere Schweinehund, er ist ein mieser Sack. Da liegt man morgens im Bett unter der wohlig warmen Daunendecke und... draussen hört man den Regen prasseln. Klar, dass in solchen Momenten die Motivation mit -10 zu beziffern ist. Der Trick ist, sich auf keine Diskussion mit dem Schweinehund einzulassen. Einfach energisch seine Siebensachen zusammenpacken und nach draussen stürzen. Hat man sich einmal aufgerafft, den Schritt ins Freie zu wagen, ist die Freude um so größer und mit geröteten Wangen kommt man in Hochstimmung im Büro an.

N   Nahverkehr

Wer sich zunächst nicht übernehmen will, sollte sich über die Möglichkeiten der öffentlichen Verkehrsmittel informieren. Manchmal ist man einfach zu müde, um nach der Arbeit noch nach Hause zu biken, da bieten sich Bus und Bahn oder auch ein freundlicher Kollege zur Mitfahrt an. Achtung: zu Stoßzeiten sind in vielen öffentlichen Verkehrsmitteln Räder nicht erlaubt!

O   Organisation

Aller Anfang ist schwer und das gilt beim Pendeln nicht nur für die Motivation. Wohin mit der Wechselkleidung, wohin mit dem Rad, welche Route... Für Angestellte, die in der Arbeit Anzug oder Kostüm tragen müssen, wäre eine Variante z.B. folgende: Montags mit dem Auto zur Arbeit, die Outfits für die kommenden Tage am Arbeitsplatz hinterlegen. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag mit dem Rad fahren. Freitag wieder mit dem Auto und die Kleidung wieder abgeholt. Alternativen gibt es viele.

P   Parkplatz

Nie wieder nervige Parkplatzsuche! Keine 5 Blocks vom Arbeitsplatz parken um danach wieder 20 Minuten zurückzumarschieren. Nein, das Bike findet zumeist auch Platz in Nischen. Natürlich ist es wichtig, dass dieser Stellplatz sicher ist, und wenn schon nicht abgeschlossen, so sollte sich das Bike zumindest an einen Pfosten oder Ähnliches ketten lassen.

Q   Qualität

Wer durch einen Park oder gar Wald und Wiesen zum Arbeitsplatz zu radeln, wird doppelt beglückt. Die frische Luft lässt einen klar denken und es tun sich unendlich viele kleine Momente der Glückseligkeit auf. Frühmorgens sieht man Rehe beim Äsen, kann unzählige Vögel beobachten, die besondere Nebelstimmung über dem Fluss genießen oder auch den Sonnenaufgang. Mit dem Bike zu pendeln bedeutet ein riesiges Plus an Lebensqualität, auch im Alltag und nicht nur am Wochenende.

R   Rucksack

Natürlich gibt es eine ganze Menge Anbieter von Pendler- oder Kurierrucksäcken. Wir wollen euch aber nichts vormachen: nahezu alle Pendler, die wir kennen, nutzen ganz einfach ihren „normalen“ Bikerucksack, in einem mäßig großem finden Laptop etc. bequem Platz und sind durch die Regenhülle auch bei Nässe gut geschützt. Wenn ich zusätzlich noch Kleidung, Fön, Kosmetiktasche etc. mitschleppen muss, kommt mein Deuter Air Contact 55+15 zum Einsatz. Der ist nicht nur gut für Südamerika-Trips sondern auch für den Pendler-Alltag. Wer das Gewicht nicht am Rücken haben will, dem seien Körbchen oder Gepäckträger mit Satteltaschen ans Herz gelegt.
Rucksäcke oder Taschen: Deuter, Vaude, Ortlieb, Chromebags
Gepäckträger: BBB, topeak, tubus

S   Strecke

Ein Hauptpunkt in der Pendler-Planung. Wie komme ich mit dem Bike überhaupt an meinen Arbeitsplatz? Über überlastete Einfallstraßen will um 7:30 Uhr morgens schon keiner mit dem Auto fahren aber ganz sicher keiner mit dem Bike! Überleg dir also eine Alternative, schau dir deine Umgebung z.B. auf googlemaps an und plane deinen Arbeitsweg auf ruhigen Seiten- und Nebenstraßen. Probiere verschiedene Varianten mit unterschiedlichen Entfernungen aus, ziehe Höhepunkte mit ein ,so wird dir nie langweilig und du hast für jeden Gemütszustand die passende Route. Ich z.B. wechlse zwischen vier verschiedenen Routen ab: eine schnurgerade auf der Straße, eine Radwegvariante am Donauufer entlang, eine kürzere Bergetappe und eine ziemlich fordernde Bergvariante für etwaige Motivationsüberhänge.

T   Telefon

unverzichtbar, falls doch mal was passiert. Egal ob Platten oder Sturz, der Arbeitgeber will Bescheid wissen und man selbst – falls es etwas Schlimmeres ist – aufgelesen werden.

U   Unabhängigkeit

Die Bahn streikt, die S-Bahn ist überfüllt, das Auto ist in der Werkstatt und überhaupt staut es sich regelmäßig auf deiner Autobahnauffahrt? Gerade für Angestellte, die einem 9-to-5-Job nachgehen und jeden Tag das Rush-Hour-Schreckensszenario live erleben, kann Bike-Pendeln eine sinnvolle Alternative zum motorisierten Verkehr darstellen. Man ist unabhängig von Fahrplänen, schlängelt sich durch kilometerlange Staus oder benutzt spontan Abkürzungen.

V   Versicherung

Fahren Beschäftigte mit dem Bike zur Arbeit, sind sie auf dem Weg dorthin versichert. Dies gilt selbst dann, wenn sie dabei nicht die kürzeste Strecke wählen sondern z.B. die verkehrssicherste.

W   Wind und Wetter

Für alle, die draussen unterwegs sind, ist es einfach unerlässlich, das Wetter zu checken. Nicht nur, weil z.B. Gegenwind auf der Strecke den -> Zeitaufwand enorm in die Höhe schnellen lässt, sondern weil Gewitter oder Glatteis eine unmittelbare Gefahr darstellen. Deshalb: immer am Vorabend und am selben Morgen das Wetter checken und gegebenenfalls auf andere Transportmittel ausweichen.

X   X-Cuses, No

Als Ausrede gelten künftig nur noch Schneestürme, Orkane oder gebrochene Gliedmaßen.

Y   Yoga

Zum Dehnen nach dem frühmorgendlichen Bike- und vor dem alltäglichen Sitzsport empfiehlt sich noch eine kleine Einheit Yoga oder Bikilates.

Z   Zeitaufwand

„So früh aufstehen, da hab ich keine Lust drauf!“ Weit gefehlt. Tatsächlich ist es so, dass man, wenn man alles zusammenzählt, Autofahren, Parkplatzsuche und Fußweg, mit dem Rad oft schneller am Arbeitsplatz ist als mit dem Auto. Zudem verplempert man keine Zeit im Stau oder an der Baustelle. Unerlässlich ist es allerdings, dass man vor dem ersten Arbeitsweg erstmal eine „Dummyfahrt“ der Strecke absolviert, um über den ungefähren Zeitaufwand Bescheid zu wissen. Zusätzlich sollte man sich vor dem Start auf jeden Fall über -> Wind und Wetter informieren, da z.B. Gegenwind ein unerbittlicher Feind der Pünktlichkeit ist! Fakt ist allerdings: für Strecken um 10 km ist das Fahrrad das schnellste und effizienteste Transportmittel.

Quellen:

Handelsblatt, Bundesdeutscher Arbeitskreis für umweltbewusstes Management E.V., Niederländische Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung

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