Tramin/Südtriol – Kontrastreiche Spielwiese für jeden Biker

Text Sebastian Lehr Bild Andreas Meyer
Reise

KontrastReich

Wer sein Mountainbike reisefertig verpackt, um sich aufzumachen, die Trails der Alpensüdseite zu erkunden, den führt sein Weg häufig durch Südtirol. Vorbei an Weinreben, an Apfelbäumen, an Burgen und an kleinen, schmuck aussenden Dörfchen. Wer nicht, der auf diesem Weg schon daran dachte, eines dieser pittoresksten Städtchen zu besuchen, aber dann doch weiterfuhr, zumeist, mit dem mittlerweile für Mountainbiker etwas abgenutztem Ziel Lago di Garda. Ein großes Stoppschild „Mountainbiker hier entlang“ sollte man auf der Autobahn durch das Etschtal anbringen, genau dort wo sich die italienische Autostrada nur noch gemächlich talabwärts schlängelt durch den Süden Südtirols. Vorbei an Tramin, an Kurtatsch, an Kurtinig. Drei dieser Städtchen, fast malerisch eingebettet zwischen den hiesigen Weinreben.

Tramin. Deutlich mediterraner Einfluss

Wir haben zwar kein Stoppschild gesehen, schafften es aber rechtzeitig, kurz nach Bozen die Ausfahrt nach Tramin zu erwischen. Bei der Ankunft wird uns schnell klar, hier ist ein deutlich mediterraner Einfluss spürbar. Tramin, die größte der drei Städte und Namensgeber für den weltbekannten Gewürztraminer, ein charakteristischer Weißwein, bildet mit seinen Nachbarn einen regionalen Verbund. Dessen erklärtes Ziel: Mountainbiker sollen sich angesprochen fühlen, diese Gegend zu besuchen. Denn alles andere als gewöhnlich – empfiehlt es sich neben dem eleganten Wein auch die erlesenen Trails rund um den Roen und das Trudner Horn zu verköstigen. Hier teilen sich ganz liebliche Noten einen Spielplatz mit charakterstarken Schwergewichten. Kontrastreicher könnte eine Bike Region kaum sein. Als erstes fällt auf, was hier nicht zu finden ist. Massentourismus, Bettenburgen, Liftschneisen und eine überladen-übertriebene Gastlichkeit. Vielmehr scheint der „ganz normale“ Südtiroler hier seiner gewohnten Dinge nachzugehen. Rund um Tramin bedeutet das vor allem Wein- und Apfelbau.

Weinanbau und vor allem –genuss ist das bestimmende Element in Tramin und um den Kalterer See.

Genussvoll Einrollen

Perfekt zum Einrollen bieten uns zahllose Schotterpfade, Römersteige, geteerte Rad- und Landwirtschaftswege ein weit gespanntes Netz, um diese Kulturlandschaft padalierend zu erleben. Die Routen über die Talsohle, rund um den Kalterner See und die zunächst sanft ansteigenden Bergflanken, vorbei an den zart rosafarbenen Reben des Gewürztraminers, lassen genug Puste um den Blick schweifen zu lassen. Die Routen Richtung Kalterer See oder Kastelanz bieten Genuss mit Weitblick, stets in greifbarer Nähe zum Ausgangspunkt. Vom die Sinne versüßenden Wein, von der saftigen verbotenen Frucht und regionalen Köstlichkeiten lässt sich hier nicht nur träumen. Abseits des sportlichen Vergnügens lohnt ein Weingutbesuch, man fühlt sich herzlich willkommen. Auch als Mountainbiker, der dem Poloshirt und den Lederschuhen das verschwitze Trikot und die Klickschuhe vorzieht. Es wird weniger Wert auf Äußerlichkeit, umso mehr auf Inhalt gelegt. Dies gilt auch für die regionale fruchtig-golden schimmernde Spezialität, die wir verköstigen durften.

"Der Pfad zerschneidet zunächst mit klarer Kontur ausgedehnte Latschenfelder und folgt der Falllinie grobschottrig und steil."

Sprachliche Nichtigkeiten

Nach einem gemächlicherem Ankommen mit Einrollen und Weinverkostung talseits wollen wir am nächsten Morgen natürlich hinaus in die Natur. Unsere Tour planendend sind wir über die Kompass-Karte gebeugt, um diverse Routen mit einem der Locals zu erörtern. Aus dem Gespräch mit Armin Pomella, der für Zweiradbegeistere stets ein offenes Ohr und einen hilfreichen Tipp hat, prägt sich mir vor allem dieser Satz ein: „Wanderwege gibt es bei uns nicht, das würde ja suggerieren dieser und jener Weg sei exklusiv für Wanderer reserviert. Nein, bei uns sprechen wir von Pfaden und alles was nicht ausdrücklich als verboten gekennzeichnet ist, ist zu fahren erlaubt.“ Eine sprachliche Nichtigkeit möchte man meinen, die Bedeutung wird mir erst hinterher klar. Werden wir als Mountainbiker doch gegenwärtig häufig zum Gegenstand von Debatten gemacht, die sich vor allem um Fahrverbote ranken. Hier im Südtiroler Süden ist diese Diskussion durchaus bekannt, aber polarisierend zum nördlichen Nachbarland verfolgen die Einheimischen alternative Strategien.

Die Natur als episches Mountainbike Eldorado

Dort wo die Natur sich selbst als ein episches Mountainbike Eldorado hervortut, dort ist die Vorfreude auf die nächste Kurve umso größer. Passend dazu und im Gegensatz zu konkurrierenden Regionen vertritt die Mountainbikecommunity hier die Auffassung. Die naturbelassenen Trails erfüllen alle Ansprüche. Es wird wenig gebaut oder angelegt auf den Pfaden rund um Tramin, hinauf und hinunter vom großen Roen, dem Hausberg, genau das vermittelt uns das Gefühl, in unbekanntes Terrain vorzustoßen. Der natürliche Untergrund besteht aus Nadelboden, aus Fels, aus Wurzeln und in höheren Lagen aus griffiger Wiese und Schotter. Schnell merken wir, dass Mountainbiken hier noch als Natursport verstanden wird. Als ein Draußensein und sich den durch die Natur entstandenen Herausforderungen zu stellen.

Monte Roen. In einem Wort: Spektakulär!

Unsere gewählte Runde zum Roen, der mit über 2.000 Meter über Tramin thront und uns so auf 1.700 Tiefenmetern Abfahrtsspaß garantiert, ist dafür ein eindrücklicher Beweis.
Die Tour bietet die Möglichkeit, direkt von Tramin mit dem Bike zu starten. Diejenigen die sich dafür entscheiden sollten sich den Höhenunterschied von 1.700 Meter aber zuvor bewusst machen. Daneben besteht die Alternative, den Mendelpass per Auto oder Mendel-Standseilbahn zu erklimmen. Auf der Passhöhe erwartet, unabhängig vom gewählten Transportgerät, ein Kurort vergangener Tage. Dort traf sich um die letzte Jahrhundertwende die damalige Oberschicht um einem wohlbetuchten Müßiggang zu frönen. Von Mendel sind es gut 600 Höhenmeter auf den Roen. Oben angekommen erfahren wir, was Gipfelglück bedeutet. Von dem 2000er wenig erwartend finden wir uns plötzlich neben dem Kreuz stehend in erhabenes Schweigen verfallen. Unser Auge erblickt im Osten die Dolomiten, weiter nordwärts den Alpenhauptkamm und im Licht der Nachmittagssonne das Ortlermassiv. In einem Wort: Spektakulär.

Pioniere auf zwei Rädern

Der Trail der uns auf der Abfahrt erwartet, ist wie die Aussicht am Gipfel ein Potpourri in dem nur die edelsten Zutaten Verwendung fanden. Es sind knapp 20 Kilometer vom Roen nach Tramin. Der Pfad zerschneidet zunächst mit klarer Kontur ausgedehnte Latschenfelder und folgt der Falllinie grobschottrig und steil. Durchaus beeindruck von den ersten Metern, vor allem aber gefordert nicken wir uns bei einer kurzen Rast am Schwarzen Kopf schweigend zu. Weiter geht’s hinein in ein Eldorado für Zweiradbegeisterte. Ohne Schaufel, ohne Schubkarren, ohne große menschliche Eingriffe schlängelt sich die Abfahrt auf wunderbaren Trails. Die können, wie der Weg 6a behaglich abfallend mit viel Flow auf griffigem Nadelboden verlaufen, aber auch ganz „böse“ durch eine felsig markante Schlucht führen. Wie es der Lochweg tut. Unten angekommen sind wir uns darüber einig: das lokale Konzept bettet sich harmonisch in die Umgebung ein. Klar, naturbelassene Trails vertragen Nutzung nur im begrenzten Maße. Rund um Tramin sind die Trails noch weit von Überlastung entfernt. Auf dem Weg nach unten vom großen Roen fühlen wir deshalb ein bisschen wie Pioniere auf zwei Rädern, die ihre Spur durch den griffigen Waldboden ziehen, begleitet von der Euphorie, Vorreiter zu sein.

Wissen

Die Region um Bozen hat die heißesten Sommer Italiens, weil sie wie im Kessel zwischen Gebirgsketten liegt.

Ein Weinautor verglich den „G’würzer“, wie man hier sagt, mit einer üppigen Dame in einem etwas zu bunten, weit ausgeschnittenen Kleid.

Highlights

Seit nun mehr zwei Jahren vermitteln Sommeliers, Weinakademiker, Kellermeister und internationale Experten ihr Wissen an Neueinsteiger und Weinkenner. In lockerer Atmosphäre kann sich jeder Interessent Grundkenntnisse oder vertiefendes Fachwissen aus der Welt des Weines aneignen. Südtiroler-Weinakademie>>

Dem nasskalten Herbstwetter in Deutschland entfliehen und den goldenen Oktober an der Weinstraße erleben!

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Reisezeit

März – November
Kartenmaterial
Kompass WK 074 Südtiroler Weinstraße

Supertrail Map Bozen Süd

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