DT Swiss Ingenieur Andreas Tschanz im Interview

Text Max Seidl Bild DT Swiss
Interview

Hintergrund

Im Interview mit Andreas Tschanz, Project Engineer Felgen R&D bei DT Swiss in Biel

Aus der Ausgabe 08.16

Andreas Tschanz, Project Engineer Felgen R&D bei DT Swiss in Biel

world of mtb: Hallo Andreas, wie bist du zum Biken gekommen?

Andreas Tschanz: Ich bin bereits 1994 das erste CrossCountry-Rennen gefahren. Damals in der vierten Klasse hat das begonnen. Ich hab das bis zu meiner Teenagerzeit durchgezogen. Aber dann waren für kurze Zeit andere Dinge wichtiger. Allerdings habe ich schnell bemerkt, dass mir ohne das Biken doch etwas ganz Wesentliches fehlt. Und dann bin ich eher in den Abfahrtsbereich eingestiegen. Heute mache ich aber eigentlich alles. Ich bin schon zweimal das Transvesubienne in Südfrankreich gefahren, das ist ein sehr anstrengendes Eintagesrennen. Mehrere Megavalanches, einmal sogar aus Startreihe B, und auch die Trans Savoie und die Trans Provence habe ich schon durchgezogen. Also, ich kann mich auch quälen. Gerade die Mehrtagesrennen sind einfach tolle Erlebnisse, aber auch harte Nüsse. Nicht umsonst sind sie als so epische Events bekannt.

world of mtb: Heute hattest du auf dem Trail ein SantaCruz 5010/Solo dabei, was hast du sonst noch rumstehen?

Andreas Tschanz: Also das Solo ist in meinen Augen eher das kleine verspielte Trail-Bike. Ich habe auch noch ein Nomad daheim, das hat etwas mehr Potenz, und für den Downhilleinsatz habe ich ein Scott Gambler. Daneben steht noch ein Dirter und ein Rennvelo, und immer mal wieder was Neues.

world of mtb: Du bist ja bei DT-Swiss, was machst du genau?

Andreas Tschanz: Ich bin seit gut sieben Jahren bei DT. Damals habe ich als Project Ingenieur für Federgabeln angefangen und habe nach einem Jahr zum Wheels Department gewechselt. Seitdem bin ich verantwortlicher Projektingenieur für alle Aluminiumfelgen, sowohl für Rennräder als auch für Mountainbikes.

world of mtb: Hast du Angst, dass du dank Carbon bald arbeitslos sein wirst?

Andreas Tschanz: Nein zum Glück nicht. Ich glaube, dass Carbon sicherlich Berechtigung in bestimmten Bereichen hat, aber trotzdem Aluminium seine Berechtigung behält und auch noch lange haben wird. Gerade die Kombination aus Haltbarkeit, unproblematischem Verhalten und auch vom Preis passt. Außerdem ist nach wie vor noch Einiges mit Aluminium möglich. Natürlich, wenn es aufs letzte Gramm ankommt, dann kommt man wahrscheinlich nie an anderen Werkstoffen – wie Kohlefaser – vorbei.

world of mtb: Also bist du ein Aluminium-Verfechter?

Andreas Tschanz: Natürlich hätte ich auch die Möglichkeit, Carbonfelgen zu fahren, aber ich fahre aufgrund unproblematischer Haltbarkeit und natürlich auch ein bisschen aus Berufsstolz Aluminiumräder.

world of mtb: Hattest du deine Berufsbildung schon so geplant, dass du in die Bikebranche kommst?

Andreas Tschanz: Ich habe eine Ausbildung gemacht und dann das Abitur nachgeholt und schließlich an der Fachhochschule Maschinenbau studiert. Zwischendrin war ich noch ein halbes Jahr in Kanada beim Biken. Da war es schon immer das Ziel, in die Bike-Branche zu kommen. Nach dem Studium habe ich versucht, etwas zu bekommen, was bei den wenigen Firmen in der Schweiz gar nicht so leicht ist. Zum Glück bin ich gleich bei DT Swiss untergekommen. Da bin ich heute noch happy, weil es einfach spannend ist, nach seiner Idee und Entwicklungsarbeit einen ersten Prototypen in der Hand zu halten und wenn es sein muss, damit rauszugehen und selbst zu testen. Auch das Feedback von den Profis motiviert richtig.

world of mtb: Was war dann für dich bisher ein Highlight in deinem Job?

Andreas Tschanz: Ich glaube, das war, als Aaron Gwin nur auf der Felge den WorldCup gefahren ist. Damals bin ich vorm Livestream gesessen und habe mir gedacht „fuck ... aber jetzt ... oh nein ... Scheiße ... aber jetzt ... yes es lebt immer noch“. Das war wirklich unglaublich, als er dann im Ziel war und ich zu Hause vor dem Live Stream gesessen bin, das war ein großer Moment. Auf die Felge bin ich wahrscheinlich am meisten stolz. Die Felge steht jetzt neben meinem Schreibtisch. Das war eigentlich für uns eine gigantische Marketingaktion, die man nicht besser hätte planen können. Gerade weil es früher das Gerücht gab, dass DT Felgen sehr weich seien. Das stimmte auch eine Zeitlang, aber dieser Run hatte bewiesen, dass es heute anders ist. Da war diese Aktion wirklich super.

"Ich bin froh, dass ich die Bike-Passion habe und das auch beruflich machen kann. Da leuchten bei mir einfach die Augen, wenn ich meine Prototypen teste und später gute Feedbacks bekomme"
Andreas Tschanz

world of mtb: War das die beste Felge, die du je gemacht hast?

Andreas Tschanz: Ich glaube schon, dass die EX471 Felge, die auch heute noch verbaut wird, super ist. Sie ist zum Beispiel im Spline One 25mm drin ist. Man merkt im Verkauf immer noch den Aaron Gwin Effekt, es werden einfach viel höhere Stückzahlen verkauft. Leider haben wir das ganze Laufrad von Aaron Gwin nicht mehr, weil das in der Hektik des Renngeschehens vom Mechaniker gleich ausgespeicht wurde. Das Ding hat sogar noch richtig gut gedreht und noch Speichenspannung gehabt. Das war schon eindrucksvoll.

world of mtb: Reicht es dann, wenn sich heute jemand diese Felge kauft?

Andreas Tschanz: Nein, so ehrlich muss ich sein. Eine gute Felge alleine bringt gar nix. Die richtigen Speichen und die richtige Spannung sind genauso wichtig. Da sind wir bei DT überzeugt, dass wir gute Gesamtsysteme bauen. Das Problem ist einfach, wenn ein Laufrad schon im unbelasteten Zustand verschiedene Spannungen hat, dann wirkt sich die Belastung beim Fahren umso stärker aus.

world of mtb: Wie sieht es mit den vielen neuen Breiten aus, wie wirken sich diese auf die Stabilität aus?

Andreas Tschanz: Früher war es klar definiert, dass AllMountain eine bestimmte Breite hat und Enduro auch etc. Heute sehen wir das eher losgelöst vom Einsatzgebiet. Das Einsatzgebiet sollte eher vorgeben, wie robust die Felge bei Maximallast ist. Das ist unabhängig von der Breite. Deswegen bieten wir sowohl 25 als auch 30 Millimeter für Enduro und auch AllMountain an. Die für Enduro haben einfach ein bisschen mehr Material. Am Ende muss das jeder selber wissen, ob er materialschonend unterwegs ist oder eben nicht.

world of mtb: Für wie wichtig hältst du deine Bike-Passion, um ein gutes Produkt machen zu können?

Andreas Tschanz: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube grundsätzlich, dass man nicht zwingend ein guter Biker sein muss, um ein guter Ingenieur in der Bikebranche zu sein. Andererseits bin ich überzeugt, dass es hilft, wenn man das Zeug richtig ausprobieren kann. Ich glaube, ich bin so fit, dass ich das schaffe. Auch, dass ich viel mit den Leuten unterwegs bin, die die Teile ans Limit bringen, hilft mir bei meiner Arbeit. Auch halte ich mich über Foren im Internet etc. auf dem Laufenden, wie unsere Produkte abschneiden und woran beispielsweise Kritik geübt wird. Klar sind die Foren mit Vorsicht zu genießen, aber das ein oder andere kann man schon herauslesen. In den letzten Jahren haben sich die Felgenbetten wegen tubeless geändert und da hilft es schon, wenn man selber regelmäßig Reifen wechselt und weiß, worauf es ankommt. In Summe haben wir in der Firma einen Mix aus passionierten Bikern, aber auch weniger passionierten. Ich glaube, es braucht beides. Ich bin froh, dass ich die Bike-Passion habe und das auch beruflich machen kann. Da leuchten einfach bei mir die Augen, wenn ich meine Prototypen teste und später gute Feedbacks bekomme.

Ausgestellte Produktqualität - Aaron Gwins Laufrad ziert den Schreibtisch von Andreas

world of mtb: Gibt es denn noch viele Möglichkeiten, das Produkt Felge zu verbessern?

Andreas Tschanz: Es ist einfach problematisch, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Es gibt einfach immer Fortschritt, und wenn man nicht dabei ist, dann ist man weg. Wir halten immer die Augen offen, was der Wettbewerb macht, welche neuen Produktionsmöglichkeiten es gibt, welche Trends sich herauskristallisieren. Im Moment geht der Trend ganz klar zu unterschiedlichen Breiten. Das wird sich meiner Meinung nach noch konsolidieren. Und dann mal sehen, was noch kommt.

world of mtb: Wie stehst du persönlich zu den ganzen Trends?

Andreas Tschanz: Die breiten Felgen zum Beispiel haben schon ihre Berechtigung. Ich war früher auch mit meinen 25 Millimeter-Felgen happy. Nachdem ich die breiteren, in 30 Millimeter, probiert habe, sind sie nun an allen meine Bikes. Ich finde einfach das Handling und den Grip besser. Und auch die Plus Bikes mit den großen Reifen haben, glaube ich, Potenzial.

world of mtb: Was hast du in naher Zukunft für Bike-Abenteuer vor?

Andreas Tschanz: Nachdem ich seit Kurzem stolzer Vater bin, ist die Zeit natürlich etwas knapp. Aber ein paar Ideen habe ich natürlich schon. Ich war schon dreimal in Kanada und das ist nach wie vor super. Ein Kurztrip nach Whistler ist immer toll. Aber der Norden Europas würde mich noch reizen. Auch das Andes Pacifico reizt mich extrem. Oder auch das Trans NZ, oder allgemein die Mehrtagesrennen finde ich geil. Vor allem das Blind Racing auf Sicht gefällt mir. Sich auf neue Situationen einzustellen, ist einfach auf dem Bike mein Ding.