Freiheit eine Selbstreflektion

Text Stefan Baumgartner Bild Moustache Bikes
E MTB

Kommentar von Stefan Baumgartner

Freiheit kann ja so viele Gesichter haben. Der eine findet sie, indem er mit seinem überdimensionierten Auto zum alltäglichen Verkehrskollaps beiträgt, der andere genießt die gleiche Strecke zu Fuß und fühlt sich frei. Das E-MTB birgt eine ähnliche Ambivalenz in sich. Ich stelle für mich fest: E-MTBs sind die SUVs der Bike-Branche, geliebt und gehasst zugleich, unaufhaltsam in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Hier taucht auch gleich die Frage auf, ob SUV-Fahrer einen kleinen Zamperl in der Hose haben und ob das auch auf E-MTB Fahrer übertragen werden kann? Die wichtigen Fragen des Lebens eben.

Aus der E-MTB Spezial N°2.18

Ich bin nicht gegen E-MTBs, dann schon eher gegen überdimensionierte Autos. Im Laufe der letzten vier Jahre hatte ich sogar außergewöhnlich gute Erfahrungen mit dem E-MTB. Das E-MTB hat gewiss seine Berechtigung im Zuge des technischen Fortschritts. Wachstum und Gewinn stehen über allem und jedem – sie sollen ja angeblich die Grundlage unserer verfassungsmäßig garantierten Freiheit des kapitalistischen Systems sein. In letzter Zeit zweifle ich immer mehr an dieser sogenannten Freiheit, angesichts der politischen Entwicklungen. Auf nationaler und internationaler Ebene wird unsere Freiheit immer stärker eingeschränkt, vor allem im Namen der Terrorbekämpfung. Sehr oft merke ich auch, wie wenig frei, wie gefangen ich bin auf persönlicher Ebene, in meinem ganz individuellen Film aus Vorstellungen und Zwängen. Kann ich mithalten? Bin ich gut genug, werde ich meine Ziele erreichen, meine (Konsum)träume verwirklichen können?

Mountainbiken war für mich von jeher eine Rückzugsmöglichkeit; ein Raum, in dem meine Alltagsängste außen vor blieben; ein Stück Freiheit und Abschalten, auf neudeutsch: den „Flow“ spüren.

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Eine Form der Besinnung, der aktiven Meditation. Stillsitzen und auf Kommando die mentale Rush-Hour ausschalten gelingt ja nur den Wenigsten auf Anhieb. Selbst die heilige Wissenschaft lobt mittlerweile das Meditieren. Und Biken kann Meditation sein. Dr. Britta Hölzl vom Massachusetts General Hospital stellte fest, dass Meditation den Stress nachweislich aus dem Gehirn fegt. Stress wirkt sich auf den Hippocampus aus, Neuronen im Hippocampus können durch Stress sterben. Das möchte ich natürlich vermeiden.

Jetzt trete ich, begleitet vom Geräusch einer Akku-Bohrmaschine, mit erstem Bauchansatz und mäßiger Pedalkraft, aber dennoch schnaufend und schwitzend auf meinem brandneuen E-MTB dem Gipfel entgegen. Mit Höchstgeschwindigkeit. Ich will lieber überholen als überholt werden. Meine körperliche Form von früher habe ich größtenteils verloren, da ich keine Zeit mehr zum Trainieren habe. Ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens bei der Arbeit. Mein E-MTB und andere wichtige Produkte, die mein Leben verbessern, müssen schließlich bezahlt werden. Geplante Obsoleszenz: Produkte, die heute als Innovation präsentiert werden und morgen bereits überholt oder defekt sind, ein nicht enden wollender und sich beschleunigender Prozess. Mein Blick ist auf meine Bike-App gerichtet, ich kann jede Menge Knöpfe drücken und Daten kontrollieren. Fahre ich auch optimal? Stets die Akku-Anzeige im Auge, begleitet mich eine latente Angst. Wird die Batterie reichen oder bleibe ich auf halber Strecke liegen, mit meinem 23 Kilo-Boliden, als leichte Beute für normale Biker? Eine neue Form von Stress hat in mein Bewusstsein Einzug gehalten, ich nenne sie Akku-Paranoia... Neuronen sterben, die Freiheit schwindet. Ich mache noch schnell ein Foto am Gipfel und sende es in Echtzeit hinaus ins Netz; Strava und Facebook, alle Welt soll meine Freiheit sehen können. Das perfekte Bike-Erlebnis.
Später, zu Hause, vermisse ich den Kick, die Erschöpfung, das wohlige Pulsieren in den Beinen, die angenehme Ruhe im Kopf, die mir die gleiche Tour früher beschert hat. Ohne Batterie, ohne Foto und ohne Apps, dafür mit mehr Naturerlebnis, Meditation und im Einklang mit mir selbst, den Kopf befreit vom permanenten Aufblitzen von Gedanken. Ich sehne mich plötzlich danach zurück. Das war meine ganz persönliche Freiheit, nur für mich alleine. Ich habe sie dem Fortschritt geopfert, der Optimierung meiner Freizeit, meinem digitalen Fake-Status. Freiheit, ich vermisse dich.

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