Variostütze vs. Feste Sattelstütze

Text Sönke Wegner, Markus Kaufmann Bild Andreas Meyer
Meinung

Komfort mit mehr Gewicht oder Leichtbau bis ins Detail?

Variostütze verbauen und das Mehrgewicht in Kauf nehmen? Sönke Wegnerund Markus Kaufmann sind sich in diesem Punkt nicht so wirklich einig.

Aus der Cross Country Spezial 2019

Pro Vario Sattelstütze

Sönke Wegner – Giant Germany Offroad Team

Forstautobahnen und downhillvernichtende Asphalt-Abfahrten, das sind keine Optionen für Sönke. Rennen motivieren ihn nur, wenn es technische und anspruchsvolle Strecken sind.

Der Geländeradsport hat in den letzten 20 Jahren die Augen vor der Entwicklung nicht verschlossen. Meine Augen sind auch offen! Daher nehme ich mit, was mir guttut. Dazu gehört die versenkbare Sattelstütze. Klar kam ich bisher auch mit meinem Racebike ohne Dropperseatpost überall dort runter, wo mich der Rennveranstalter runter geschickt hat. Aber teilweise musste ich mich ganz schön knechten. Jetzt, wo ich weiß, dass ich mit einem Fingerdrücken den Sattel geschmeidig versenken kann, will ich dieses Plus an Komfort nicht mehr missen. Und ich gehe noch weiter: Ein Rennen, wo ich diese Funktion nicht benötige, ist für mich kein Mountainbikerennen, sondern ein Relikt aus der Steinzeit, wo Fred Feuerstein hätte teilnehmen können. Ich will die Downhills runterknattern und dabei Zeit gutmachen, die ich eventuell wegen 300 Gramm Mehrgewicht im Uphill verliere. “Watt pro Kilogramm-Rennen“ stehen daher weniger auf meinem Speiseplan.

Aber ja, ich nutze diese moderne Technik auch auf Schotterpisten. Wenn es schnurgerade bergab geht, fliege ich aerodynamisch wie ein Tarnkappenbomber über den Schotter. Und, glaub mir, liebe Kaufi, ich sehe in naher Zukunft diesen Aerovorteil bei der Tour de France. Zudem lockert die Sitzposition mit tiefem Sattel die angespannte Muskulatur; gerade bei diesen XL-Marathonrennen, die für Körper und Seele die Knechtung auf höchstem Niveau darstellen. Aber ich bin ja kompromissbereit. Auf einfachen Wegen, die schöne ausladende Kurven haben, ist ein dritter Kontaktpunkt (Sattel) angenehm. Aber hey, die Stütze ist auch kompromissbereit und wird den Bedingungen entsprechend angepasst, daher auch der Name Vario-Seatpost.

Contra Vario Sattelstütze

Markus Kaufmann – Team Texpa Simplon

Anstiege können nicht lang und steil genug sein, ab 1.000 Höhenmetern fängt der Spaß für Markus erst an. Für ihn zählen vor allem Watt pro Kilogramm.

Lieber Sönke, nicht nur du, sondern viele andere, die mich kennen, wissen genau, warum ich mir niemals eine solche Variostütze ans Rad bauen würde. Ein Rennbike mit über 8,5 Kilogramm würde mich höchstens zum Gähnen bringen. Vernünftiger Leichtbau und die Liebe zum Detail ist genau mein Ding. Mit mindestens 150 Gramm Mehrgewicht hat ein solches Teil an meinem Bike nichts verloren.

Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich nicht offen für Neues bin, aber der Trend geht im Moment eiskalt an mir vorbei. Wie sieht das auch aus? Racebikes werden optisch immer cleaner; innenverlegte Züge, elektronische Schaltungen ohne Züge. Jetzt soll ich mir solch einen Klotz mit hässlicher Kabelführung an meinen 850 Gramm Hardtail-Rahmen bauen? Never. Im Marathonbereich glaube ich nicht, dass es sich durchsetzen kann. Im CrossCountry sehe ich das schon wieder anders. Die Strecken haben sich stark verändert, wobei auch immer mehr Spektakel für die Zuschauer geboten wird. Hier sehe ich die Variostütze klar im Vorteil und als nicht mehr wegzudenken. Aber auch hier ist das Gewicht nicht ganz uninteressant. Es gibt Sportler, die bauen sich ihre Variostütze einfach selber, weil die Hersteller in der Serienproduktion mit mehr Sicherheiten arbeiten müssen. Also, lieber Sönke, an meinem Marathonbike wirst du so schnell nichts anderes sehen als eine leichte Carbonstütze. Man muss nicht immer mit der Zeit gehen – nur dann, wenn es wirklich Sinn macht. Ich bin gespannt, wann du das Thema an deinem Crossbike umsetzen wirst. Im Alter wird dir der Aufstieg (Aufsprung) auch nicht leichter fallen.

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